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Karlsruhe Gefahr für die heimische Tierwelt: Amerikanischer Killerkrebs breitet sich am Rhein weiter aus

1993 wurde der amerikanische Kalikokrebs zum ersten Mal in Europa entdeckt - und zwar in der Nähe des Baden-Airparks. Seit 2017 forscht Professor Dr. Andreas Martens, Leiter des Instituts für Biologie und Schulgartenentwicklung an der PH Karlsruhe, darüber, wie man diesen Krebs wieder loswerden und damit dem sich rasant ausbreitenden Problem Herr werden kann.

Die Bestände des hochinvasiven Kalikokrebses in den Kleingewässern am Oberrhein nachhaltig zu
reduzieren, ist das Ziel seines Forschungsprojekts, da die ursprünglich aus Nordamerika stammenden
Flusskrebse sich schnell vermehren und weiter ausbreiten und dabei auch schützenswerte Amphibien- und Libellenbestände in ihrer Existenz gefährden. Unter anderem sollen Holzbarrieren den Krebs in seiner weiteren Ausbreitung aufhalten.

Kalikokrebs
Durch Baumstammbarrieren oder Uferverkiesungen lassen sich Gewässer erfolgreich vor dem Kalikokrebs schützen. | Bild: Pädagogische Hochhschule Karlsruhe

ka-news sprach mit Andreas Martens über seine Arbeit, über die Gefahren, die Neobiota mit sich bringen und über die Frage, ob die Erhaltung anderer Arten die Tötung von Lebewesen und die Ausrottung einer Tierart rechtfertigen.

Herr Professor Dr. Martens, wie kam die Pädagogische Hochschule Karlsruhe oder besser, wie kamen Sie zum Kalikokrebs?

"Mit Biodiversität und ihrer Vermittlung beschäftige ich mich seit rund 35 Jahren – in der Schule, in der Umweltbildung, als Wissenschaftler. Mit meinem Stellenantritt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe gründete das Institut für Biologie und Schulgartenentwicklung die Arbeitsgruppe `Zugänge zur Biodiversität`. Meine fachlichen Schwerpunkte sind Libellen – darüber habe ich promoviert – und andere Süßwassertiere, hierbei wurden Neobiota, also invasive Arten, immer wichtiger. Ein wesentlicher Zugang zur Biodiversität entsteht durch die Möglichkeit, eine Art sicher bestimmen zu können: durch Bestimmungsschlüssel.

Mein erster Kontakt mit dem Kalikokrebs kam zustande, als ich 2003 interessantes Material für eine Krebsbestimmungsfortbildung für Süßwasserbiologen suchte und mein Kollege Karsten Grabow den damals noch weitgehend unbekannten Kalikokrebs fand und mehrere Exemplare zum Kurs mitbrachte.

Forschungsprojekt seit 2017

Seit 2017 forschen nun vier Biologen an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe zu der Thematik, wie sich nachhaltige Managementmaßnahmen entwickeln lassen, um die Bestände des Kalikokrebses zu reduzieren. Dies geschieht im Rahmen des Forschungsprojekts `Management des invasiven Kalikokrebses zum Schutz von Amphibien und Libellen in Kleingewässern`, das von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg gefördert wird. Fernziel des Projekts ist es, Amphibien wie Kammmolche, Laub-, Moor- und Springfrösche, Kleinfische und Libellen langfristig zu schützen sowie Konzepte zur Anlage von Kleingewässern zu entwickeln, die vor der Besiedelung durch den Kalikokrebs geschützt sind."

Gibt es eine Erklärung, wie das Tier nach Deutschland kam und warum es gerade hier in der Region auftauchte?

"Die Verbreitung der Art reicht am Oberrhein von Kehl bis Mannheim, von Lauterbourg bis Ludwigshafen. Außerdem gibt es erste Funde in Worms, Mainz und Düsseldorf. Die problematische flächenhafte Verbreitung in Baden-Württemberg tritt in den Kreisen Rastatt, Karlsruhe und im nördlichen Teil des Ortenaukreises auf sowie in den Städten Karlsruhe und Baden-Baden.

Der Kalikokrebs ist Überträger der Krebspest

Kalikokrebs
Der Kalikokrebs überträgt den Erreger der Krebspest, ohne daran selbst unter normalen Bedingungen zu erkranken. | Bild: Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Der Kalikokrebs wurde in Deutschland 1993 zuerst in Sinzheim-Schiftung unweit des heutigen Baden-Airpark entdeckt. Jemand hatte dort oder in direkter Nähe seine Aquarientiere ausgesetzt. Dass invasive Flusskrebse auf diese Weise in die Natur gelangen, ist in Deutschland mittlerweile viele Male passiert. Kalikokrebse dürfen aber auf keinen Fall weiterverbreitet werden. Denn sie vernichten nicht nur schützenswerte Amphibien- sowie Libellenbestände, sondern übertragen – wie alle amerikanischen Flusskrebs-Arten – den Erreger der Krebspest, ohne daran selbst unter normalen Bedingungen ernsthaft zu erkranken. Werden einheimische Flusskrebse damit infiziert, ist ein dramatisches Sterben vorprogrammiert."

Hat der Kalikokrebs hier natürlich Feinde? Wenn ja, warum reichen diese nicht aus? Und wie reguliert sich die Fauna dort, wo der Krebs heimisch ist? 

"Als Feinde hat der Kalikokrebs beispielsweise Weißstorch, Graureiher, Haubentaucher und Eisvogel. Auch die Mägen von Aalen, Hechten und Welsen am Oberrhein können voll sein mit Kalikokrebsen.

Dort, wo der Krebs Massenbestände aufbaut, ist das Wasser jedoch so trübe, dass die Vögel sie kaum sehen, und Fische spielen dort natürlicherweise keine Rolle. Da ein Krebsweibchen im Mittel 250 Nachkommen hat, die sie bis zum Ende der Larvenentwicklung am Körper trägt, können einzelne Tiere leicht der Ursprung eines Massenvorkommens sein. In seiner Heimat in Nordamerika, etwa im Einzugsbereich des Mississippi mit seinen riesigen Überflutungsbereichen, lebt der Kalikokrebs ganz am Rande. Im Fluss selbst und in den Seitenarmen hat er starke Konkurrenz durch andere, größere Krebse. Er überlebt dauerhaft nur in kleinen Tümpeln.

Kalikokrebs
Kalikokrebsweibchen haben durchschnittlich 150 Eier, vom Schlupf bis zur Geschlechtsreife dauert es drei Monate. | Bild: Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Kein natürliches Gegenstück

Wenn eine Krebsart gut in Froschtümpeln leben kann, hat sie bei uns in Mitteleuropa kein natürliches Gegenstück. Unsere Amphibienarten haben natürlicherweise bei ihrer Entwicklung als Feinde nur den Gelbrandkäfer und bestimmte Libellenlarven. Der Kalikokrebs jedoch frisst sie alle; Deshalb ist es so wichtig, seine Bestände nachhaltig zu reduzieren."

Glauben Sie, dass es auf lange Sicht möglich ist, den Kalikokrebs wieder komplett zu verdrängen?

"Anders: Es wäre ein erster Erfolg, wenn wir die weitere Ausbreitung einschränken könnten! Jede Art hat eine biologische Schwachstelle – und nach der fahnden wir. Wir haben mittlerweile mehrere mögliche Schwachpunkte identifiziert. Wirksame Lösungen müssen kritisch überprüft werden. Wissenschaft braucht Zeit! Bis dahin versuchen wir das Überleben des Laubfrosches und anderer hochgradig schützenswerter Arten zu sichern. Zu diesem Zweck arbeiten wir in Rheinstetten ganz gezielt an einzelnen Gewässern. Wir sind sehr zuversichtlich, dieses Jahr die Sanierung von zwei Gewässern abschließen zu können und unsere Erkenntnisse der Fachwelt vorzustellen."

Die heimische Tierwelt muss geschützt werden, das ist klar, die Kalikokrebse werden getötet? Ist das richtig? Ist es moralisch vertretbar, ein Lebewesen zu töten, um ein anderes zu schützen, nur weil es nicht bei uns heimisch ist?

"Wir haben eine Kooperation mit dem Zoo Karlsruhe und mit Storchenaufzuchtstationen am Oberrhein. Die Krebse werden nach dem Fangen eingefroren und dann verfüttert. Wobei das Einfrieren die erwiesenermaßen schonendste Methode ist.

Darf man töten, um zu erhalten?

Die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit beschäftigt auch mich – und auch Bio-Ethiker sowie Tierschutz und Naturschutz. Prof. Dr. Klaus Peter Rippe, Philosoph mit dem Arbeitsschwerpunkt politische Philosophie, Tierethik sowie Risikoethik und Rektor der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, hat 2015 einen Fachartikel zum Thema Tiertötung und Bekämpfung invasiver Arten veröffentlicht. Laut Prof. Rippe ist – angesichts der Schwierigkeit zu begründen, dass und, wenn ja, wann der Natur selbst geschadet wird – der ökonomische und relationale Wert der biologischen Vielfalt verbleibender Rechtfertigungsgrund für die Beseitigung von Populationen gebietsfremder Tiere.

Die grundlegende Frage sei jedoch, ob tierisches Leid oder die Tötung von Tieren moralisch relevant sind. Dann reichen die beiden Gründe laut Prof. Dr. Rippe nicht aus. Prof. Dr. Rippe hält es weiter für sinnvoll, `Moral als gesellschaftliches Instrument zu sehen, das bestimmte Interessen schützt´  - auch tierische Interessen. Die Tötung wäre in diesem Fall zulässig oder zu entschuldigen, `wenn höher gewichtige moralische Pflichten dies rechtfertigen`. Rechtlich sei, so Rippe, im Einzelfall oder für Falltypen eine Güterabwägung erforderlich. Wobei der Schutz der Ressourcen der natürlichen Vielfalt ein stärkeres Argument biete als der Schutz einheimischer Arten."

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Kommentare (30)
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  •   felino
    (320 Beiträge)

    02.06.2018 08:03 Uhr
    megagruselig
    zumindestauf dem BIld, aber der ist ja dann doch recht klein. Tut mir aber leid, dass man den töten muss um andere Tiere zu schützen. Das klingt nicht recht für mich.
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  •   art5gg
    (491 Beiträge)

    02.06.2018 14:40 Uhr
    Da finden sich bestimmt genügend Tierfreunde.....
    ....die so einen Krebs bei sich zuhause aufnehmen und ihm klar machen, dass er sich nur noch vegan ernähren darf!
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  •   Malerdoerfler
    (4610 Beiträge)

    01.06.2018 22:09 Uhr
    Soll ich einfach mal klatschen?
    Also zur Begrüßung?
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  •   Malerdoerfler
    (4610 Beiträge)

    01.06.2018 22:08 Uhr
    Der Wolf.....
    macht sich hier doch auch wieder breit.
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  •   Malerdoerfler
    (4610 Beiträge)

    01.06.2018 22:07 Uhr
    Vielfalt!
    So wird unsere Tierwelt doch ein Stück vielfältiger.

    Man sollte da schon ein wenig toleranter sein.
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  •   Der_dunkle_Turm
    (362 Beiträge)

    01.06.2018 21:46 Uhr
    Man muss ja nicht alles essen,
    was nicht schnell genug weglaufen kann.

    Obwohl es unbestreitbar nützlich wäre, die Invasoren aufzufressen. Kann man sich mal auf den Speiseplan schreiben, aber mein Leibgerichts wird das nicht. Das überlasse ich gerne anderen.Obwohl ich befürchte, dass die sich so schnell vermehren, dass selbst die gefräßigsten Feinschmecker nicht hinterher kommen.

    Btw, was ist eigentlich mit dem grauen Eichhörnchen? Das ist größer als das Einheimische, kommt aus Amerika und sollte doch unsere kleinen rotbraunen Nussgräber verdrängen. Unter Trapper zählt Eichhorn als Delikatesse. So sagt man.
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  •   art5gg
    (491 Beiträge)

    01.06.2018 18:45 Uhr
    Ich kann nicht verstehen, wo plötzlich da die Angst....
    ....vor unkontrollierter Zuwanderung herkommt!
    Das war doch bisher nur bösartige Hetze von "Nazis", "Rassisten" und "Rrächten"!
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  •   Hartz4Bomber
    (307 Beiträge)

    01.06.2018 13:43 Uhr
    Ich bin durchaus dafür die unkontrollierte
    Ansiedlung von Fremdem zu begrenzen, um das Einheimische zu schützen. zwinkern
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  •   Mili
    (999 Beiträge)

    01.06.2018 13:49 Uhr
    Hey, der isch gut....
    hier geht's nicht um Killerkrebse, oder ?
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  •   Mili
    (999 Beiträge)

    01.06.2018 12:35 Uhr
    Einfuhrzoll für Killerkrebs
    erhöhen.
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