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Karlsruhe Gefährliche Schaulust: Wieso wir gaffen und was jeder dagegen tun kann

Als sich Mitte Februar auf der A5 bei Walldorf ein schwerer Unfall ereignete, bei dem vier Menschen starben, kam es auch auf der Gegenfahrbahn zu mehreren Unfällen. Sieben Autos waren beteiligt, drei Personen wurden dabei verletzt. Der Grund: Gaffer und Schaulustige haben den Verkehr ausgebremst. Das Phänomen ist menschlich - und kein Neues.

Es stößt bei den Rettungskräften auf großes Unverständnis: Wenn sich nach einem Unfall auf der Autobahn keine Rettungsgasse bildet. Immerhin zählt im Notfall jede Sekunde! Doch wenn die Einsatzkräfte dann endlich vor Ort sind, bietet sich ihnen oft genug das gleiche Bild.

Schaulustige und Gaffer wollen den besten Blick über die Leitplanke erhaschen und sehen was da passiert ist. In Zeiten von Smartphones und Social Media steigt die Sensationsgier vieler Menschen. Dabei bringen sie sich und andere in Gefahr, etwa wenn sie auf der Autobahn stark abbremsen, um das beste Foto zu bekommen. 

Woher kommt die Schaulust?

Das Verhalten scheint also mit den technischen Spielzeugen zugenommen zu haben. "Jeder hat sein Handy immer bei sich und am Ende das Tages wird dann die Ausbeute auf Facebook präsentiert", sagt Lothar Batschauer, Leiter des Autobahnpolizeireviers Karlsruhe im Gespräch mit ka-news.

Über die Motivation der Gaffer kann der Polizist nur mutmaßen. "Es ist nur schwer nachzuvollziehen!" Doch er weiß: "Gaffer und Schaulustige gab es schon immer, zum Beispiel im Mittelalter als die Menschen zu den Hinrichtungen gegangen sind, obwohl die auch grausam waren!" Aber das Ausmaß wie er es heute erlebt, das gab es vor den Zeiten des Smartphones nicht, da ist sich Batschauer sicher. 

Schaulustige und Gaffer in Karlsruhe
Dezember 1967: Bei einem Unfall zwischen einem Auto und einer Bahn in der Kaiserstraße/ Ecke Waldstraße. Schaulustige versammeln sich an der Unfallstelle. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesinger A15/38/7/41

Mensch kann sich gegen das Gaffen entscheiden

Doch der Gaffer könnte sich auch bewusst steuern. Im Bruchteil einer Sekunde, wenn der Fahrer an einem Unfall vorbeikommt, hat er es in der Hand, wie er reagiert. "Die Menschen gucken dann, stellen fest, dass es ihnen gut geht. Das wäre dann sozusagen die 'gute Neugier'", so Yvette Orlowski, Psychologin für Verkehrspsychologie aus Karlsruhe. Die Gaffer und Schaulustige können nicht in spezifisch eingeteilt werden. "Gaffer gab es schon immer, zu sagen, das ist nur diese Gruppe Mensch oder die andere, das geht nicht."

Video «Schaulustige - Sei kein Gaffer»
Osnabrücker Filmemacher haben mit dem Video «Schaulustige - Sei kein Gaffer» einen Internethit gelandet. | Bild: Friso Gentsch/dpa

Für sie wäre eine Schutzwand ein einfaches Hilfsmittel, damit Fahrer im Gegenverkehr an der Unfallstelle vorbei geleitet werden, ohne abgelenkt oder in Versuchung geführt zu werden zu gucken. Das wäre auch für die Polizei in Karlsruhe eine gute Option. Auch die Feuerwehr Osnabrück macht in einer aktuellen Kampagne auf das Phänomen Gaffer aufmerksam - mit Erfolg. Das Video zum Thema ist ein Hit auf YouTube. 

 

Verkehr wird ausgebremst, Gaffer bringen sich in Gefahr

Nicht zu Gaffen ist auch im Eigeninteresse: Jeder Schaulustige muss damit rechnen, selbst verletzt zu werden. Immerhin bremsen sie oft der Verkehr aus. Wie am vergangenen Montag auf der A5 bei Walldorf. Hier hätte der Verkehr fließen können, stattdessen ereigneten sich in Fahrtrichtung Süd mehrere Unfälle mit sieben beteiligten Autos. Die Bilanz: Drei weitere Menschen wurden verletzt.

Dabei wurden erst Ende 2017 die Strafen drastisch erhöht. Gaffen wird mit bis zu 1.000 Euro Bußgeld bestraft, dazu kommt noch ein einmonatiges Fahrverbot. Wer filmt oder fotografiert, dem droht sogar eine Haftstrafe. "Das ist eine Straftat die mit einer Geldstrafe oder sogar eine Haftstrafe mit bis zu zwei Jahren geahndet wird", erklärt Sven Ohlinger, Anwalt für Verkehrsrecht aus Karlsruhe. Aber wie überführt man die Gaffer, die langsamer fahren, den Verkehr ausbremsen und die Kamera auf die Unfall-Opfer richten? 

Das Personal fehlt, Täter zu überführen

Die Schuld des Gaffers muss bewiesen werden, bestätigt Anwalt Ohlinger. "Die Gaffer selbst filmen, das ist meines Erachtens das Mittel der Wahl sie zu überführen!" - "Das wäre eine Option, aber erst in einer späteren Phase des Einsatzes", sagt Lothar Batschauer ergänzend. Denn der Polizei fehlt das Personal dafür.

"Vorher haben wir keine Kräfte, das auch noch zu leisten, denn zuerst müssen wir uns um den Unfall kümmern!" Erst wenn die Unfallfahrzeuge abtransportiert werden, dann könnte ein Beamter die Autos im Gegenverkehr filmen und so Gaffer und Schaulustige überführen. "Es ist uns aber ein Anliegen, das zu machen!"

Schaulust ist ein Reflex

Was helfen könnte, wäre der soziale Druck, meint Batschauer. "Wenn die eigenen Freunde damit prahlen, dann könnte man Courage zeigen und sagen, dass das scheiße war, eben die Moral ein bisschen anheben!" Doch warum sind wir so schaulustig, der eine mehr, der andere weniger? "Das ist ein Reflex, eine angeborene Neugier", sagt Verkehrspsychologin Yvette Orlowski. "Wenn etwas leuchtet oder blinkt, reagiert der Mensch automatisch darauf", erklärt sie. 

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Kommentare (18)
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  •   Darth_Vader
    (779 Beiträge)

    28.02.2018 17:49 Uhr
    Das Video: Sei kein Gaffer
    fand ich übrigens sehr gut.
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  •   betablocker
    (3666 Beiträge)

    28.02.2018 18:05 Uhr
    Das ist
    richtig gut, allerdings ist zu befürchten, dass 50% der Zielgruppe weder Handlung noch Botschaft verstanden haben.
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  •   Hüttenkäse
    (421 Beiträge)

    28.02.2018 14:42 Uhr
    Früher waren es die Hinrichtungen ...
    ... heute sind es die Medien, wie KA-News, FB, Privatsender und leider auch die ÖR-Vorabend-Schrottplätze wie "Brisant" oder "Drehscheibe", die die Schaulust der Massen befriedigen. Klar dass da jeglicher Anstand und natürliche Hemmschwellen verloren gehen.

    Oder worin liegt noch mal der Unterschied zwischen der Straßenbahnunfall-Fotogalerie eines "KA-News-Leserreporters" oder anderer angestellter "Schnappschützen" und dem Handy-Fotos eines "Gaffers"?

    Es gibt doch nichts schöneres als die kleinen Alltags-Katastrophen von Nebenan! traurig
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  •   dipfele
    (4958 Beiträge)

    28.02.2018 15:39 Uhr
    Also die Straba-Unfälle....
    .... werden im Stillstand fotografiert und gefährden niemanden. Anders als auf der Autobahn, wo auf der Gegenfahrbahn aus hoher Geschwindigkeit heraus plötzlich runter gebremst wird, die Gaffer ohnehin nicht viel mitbekommen, und anschliessend weiter rasen.
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  •   Darth_Vader
    (779 Beiträge)

    28.02.2018 17:40 Uhr
    Weshalb genau muß ein Straßenbahnunfall fotografiert weden?
    Auch wenn es im "Stillstand" ist.
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  •   ramius
    (167 Beiträge)

    28.02.2018 12:20 Uhr
    Gaffern
    einfach den Führerschein auf Lebenszeit entziehen und schon wäre das Problem gelöst.
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  •   betablocker
    (3666 Beiträge)

    28.02.2018 12:52 Uhr
    Das Problem
    liegt hier nicht im Strafmaß, sondern im Erwischen. Und das ist zB auf der Autobahn nahezu unmöglich. Denn diejenigen die den Gafferstau verursachen sind längst wieder weg bevor der erste kommt der sie ermitteln könnte. Und die anderen die dann in diesem Stau stehen schauen natürlich auch hin, JEDER schaut hin.
    Belangen könntest du allenfalls die die fotografieren, aber das ist bei völligem Stillstand des Fahrzeuges auch schon wieder nicht verboten. Hierfür eine gesetzliche Basis zu schaffen ist bei uns quasi unmöglich.
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  •   kaufdirmaleingrundgesetz
    (448 Beiträge)

    28.02.2018 13:44 Uhr
    Auch bei völligem Stillstand ist die Benutzung des Telefons untersagt.
    Fotografieren gehört für mich in den Bereich der Telefonnutzung. Das hat mir vor Jahren ein Polizist nähergebracht. Erst wenn KFZ aus und Schlüssel abgezogen ist, dann dürfe man loslegen.
    Die Menschheit ist noch nicht reif, mit Kameras umzugehen. Deshalb müssten die Dinger sofort vom Markt.
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  •   andip
    (9216 Beiträge)

    28.02.2018 15:34 Uhr
    Und was macht man mit Kameras
    mit denen man nicht telefonieren kann, sondern nur knipsen/filmen wie z.B. eine Dashcam oder ein Fotoapparat?
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  •   Darth_Vader
    (779 Beiträge)

    28.02.2018 17:46 Uhr
    Ich finde, er hat schon Recht.
    Es wird sich kaum einer die Mühe machen, extra eine Kamera mitzunehmen, weil die Menschheit faul ist.
    Wenn keine Kameras mehr in den Telefonen verbaut wären, hätten wir einen verschwindend geringen Anteil an Leuten, die noch blitzschnell filmen/fotografieren könnten.
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