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Karlsruhe Entspannt durch Karlsruhe: Peter Zeile will die Fächerstadt für Radfahrer und Fußgänger stressfreier machen

Ein zu schmaler Gehweg, eine schlecht einsehbare Kreuzung oder auch nur ein umgefallener Mülleimer - Situationen wie diese begegnen uns im Alltag in der Stadt häufig und bedeuten für uns Stress. Peter Zeile, Forscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), will diese Reaktionen im Karlsruher Stadtbild messbar machen - und damit den Weg durch die Stadt langfristig sorgloser gestalten.

Der Angstschweiß dringt aus allen Poren, die Venen verengen sich und die Hauttemperatur fällt - auf Stress antwortet unser Körper mit Reaktionen, auf die wir selbst keinen Einfluss haben. "Aber diese lassen sich hervorragend messen", erklärt Peter Zeile im Gespräch mit ka-news.

Der Wissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie hat sich die Stressreaktionen des Körpers zu Nutze gemacht, um mit seinem Forschungsprojekt "Urban Emotions" Gefühle im Stadtbild sichtbar zu machen - und die Ergebnisse auf die künftige räumliche Planung von Städten anzuwenden.

Urban Emotions Peter Zeile
Seit knapp 10 Jahren forscht Peter Zeile nun an dem Projekt. | Bild: Melissa Betsch

Smartband und Kamera machen Stress sichtbar

Doch wie funktioniert das genau? Probanden werden, ausgestattet mit einer Kamera und einem sogenannten Smartband, auf einer vorgegebenen Route zu Fuß oder mit dem Rad durch die Stadt gelotst. Das Band ist mit Sensoren ausgerüstet, die die Körperreaktionen der Tester dauerhaft am Handgelenk erfassen. Für ein noch genaueres Resultat testet der Forscher aktuell auch den Einsatz einer 360-Grad-Kamera.

Urban Emotions Peter Zeile
Das Smartband ist noch ein selbst entwickelter Prototyp, in zwei bis drei Jahren soll er ausgefeilt und marktreif sein. | Bild: Melissa Betsch

"Synchronisiert man das Endergebnis dann mit GPS-Daten, erhält man ein genaues Bild davon, wann und wo die Probanden Stress empfunden haben", so Zeile gegenüber ka-news. "Unser Ziel ist es, Gefühle objektiviert darzustellen."

 

Die Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln

Dafür fügt der Forscher anschließend die Daten auf dem Computer in einer sogenannten Heatmap zusammen. Rote und gelbe Punkte stellen dabei den visualisierten Stress im Stadtbild dar. In Karlsruhe haben sich laut Zeile dabei vor allem große Kreuzungen, die Kriegsstraße mit der Kombilösung und der Adenauerring als Hotspots erwiesen. 

Angsträume in Karlsruhe
Die Heatmaps zeigen genau, wo Probanden in der Stadt Stress ausgesetzt waren. | Bild: Peter Zeile/KIT

Interessant sei auch die Betrachtung der unterschiedlichen Reaktionen in den verschiedenen Personengruppen: "Kinder, körperlich Beeinträchtigte oder ältere Menschen nehmen die Stadt noch einmal ganz anders wahr", meint Zeile. "Indem wir eine Sicht auf die Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln schaffen, kommen wir zu einer optimalen Diskussionsgrundlage."

Angsträume versus Gefahrenpunkte

Erste Versuche hat Peter Zeile bereits 2009 gestartet, seit 2014 wird "Urban Emotions" von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Doch das Projekt steht aktuell immer noch am Anfang der Entwicklung, erst zwischen 20 und 60 Probanden haben den Stresstest in der Stadt durchgeführt.

"Wir arbeiten immer noch mit Prototypen", erläutert der KIT-Forscher im Gespräch mit ka-news. "Ein Testlauf bedeutet immer noch einen großen Aufwand. Wir wollen daher einfach erst einmal zeigen, dass die Technologie funktioniert."

Urban Emotions Peter Zeile
Peter Zeile ist Leiter des Forschungsprojekts "Urban Emotions" am KIT. | Bild: Melissa Betsch

Neben der Messung von plötzlichem, unkontrollierbarem Stress an städtischen Gefahrenpunkten wolle Zeile mit seiner Forschung aber auch die Visualisierung sogenannter Angsträume vorantreiben. Mit Angsträumen werden - meist öffentliche - Orte bezeichnet, an denen das subjektives Angstempfinden vor theoretisch möglicher Kriminalität oder einem Verbrechen besonders ausgeprägt ist - zum Beispiel in Unterführungen, nächtlichen Parkanlagen oder Parkhäusern.

Aber: "Dies ist viel subtiler als eine spontan auftretende Stressreaktion und dementsprechend nicht so einfach zu messen.", so Zeile. 

"Frühwarnsystem" für raumplanerische Stadtentwicklung

Doch egal ob subjektiv oder spontan: Indem wiederkehrende Stressfaktoren im Stadtbild frühzeitig erkannt und ausgemerzt werden sollen, erhofft sich Zeile, mit seinen Forschungen - gleich einem "Frühwarnsystem" - Städte künftig stressfreier gestalten zu können.

"In zwei bis drei Jahren wollen wir mit der Technik so weit sein, dass wir damit in die breite Masse gehen und sie den Städten als Beratungsleistungen zur Verfügung stellen können", erklärt er gegenüber ka-news. "Aber das ist bisher noch Zukunftsmusik."

Urban Emotions Peter Zeile
Technische Hilfsmittel wie Smartband, GPS, Kamera und Computer machen impulsive Gefühle wie Stress sichtbar. | Bild: Melissa Betsch

"Eine lebendige Stadt darf nie fertig sein!"

Eine komplett stressfreie Stadt strebt der Wissenschaftler nach eigenen Aussagen aber nicht an: "Es ist wichtig, Gefahren zu minimieren", meint Peter Zeile abschließend. "Aber Gegensätze sind ebenfalls wichtig. Eine lebendige Stadt darf schließlich nie fertig sein!"

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  •   max
    (184 Beiträge)

    25.01.2019 16:41 Uhr
    Es wäre so einfach,
    wenn der größte Teil der Radfahrer
    1. den Radweg benutzen würden
    2. die vorgeschriebene Radwege, auch auf der markierten Straße
    3. auf der richtigen Seite fahren
    4. am Zebrastreifen absteigen und schieben

    Die Fußgänger sollten ihr Smartphon man bei seite lassen und sich mehr dem Verkehr widmen.

    Hier brauche ich keine Wissentschaftler; das Geld kann man sich sparen, wenn jeder das richtige Tun würde.
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  •   Route66
    (1758 Beiträge)

    25.01.2019 21:30 Uhr
    Max
    Du hast Recht. Licht am Rad anmachen fehlt noch 😉
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  •   Mili
    (1267 Beiträge)

    25.01.2019 10:37 Uhr
    Dann ist Karlsruhe aber so was von lebendig
    potzblitz - aber soooooooooo lebendig.
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  •   Eine_Armlaenge_Abstand
    (1122 Beiträge)

    24.01.2019 19:38 Uhr
    Es passiert öfter,
    dass man als Radfahrer von Autofahrern fast umgenietet wird. Gerade morgens, wenn die Typen noch halb pennen oder Standgas haben. Zigfach erlebt.

    Gerade heute morgen, der Typ hat mich und die rote Ampel übersehen , tritt mitten auf dem Übergang auf die Bremse und schlittert 10 Meter weiter. Entweder geträumt oder geappt. Wenn ich da nicht selbst hellwach gewesen wäre, ...
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  •   bingobongo
    (276 Beiträge)

    24.01.2019 09:49 Uhr
    Adenauerring als Hotspot?!
    Der auf dem Bild zu sehende Hotspot ist Gebäude 11.40 des KIT. Wahrscheinlich weil seine Studenten dort Prüfungen schreiben? zwinkern

    Der Adenauerring ist überhaupt nicht hervorgehoben.
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  •   Ullermann
    (85 Beiträge)

    24.01.2019 10:03 Uhr
    Und warum Smartband neu entwickeln
    Jede gute Fitnessuhr hat auch eine Stresslevel - Erfassung. Ich verstehe die Welt nicht mehr...
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    24.01.2019 10:58 Uhr
    Fitnessuhr,
    auch so ein unglaublicher Schwachsinn für die Schlafschafe.
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  •   Eine_Armlaenge_Abstand
    (1122 Beiträge)

    24.01.2019 19:27 Uhr
    Wieso,
    für Sportbegeisterte ist es eine sehr gute Motivation, wenn sie ihre Schrittzahl Tag für Tag steigern können. Für Läufer im Training ist ein Pulszähler durchaus sinnvoll. Und für die Querfeldeinläufer ist die Navifunktion auch nicht schlecht.

    Okay, das ist ein teures Spielzeug, was nur wenige wirklich brauchen, macht aber Laune.

    Nicht immer nur über das "neumodische Zeugs" bruddeln.
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  •   Route66
    (1758 Beiträge)

    24.01.2019 14:54 Uhr
    meine Rede
    Einfach Sport machen und gut ist. Das beste sind ja die schicken Appleuhren mit denen Du alles meseen kannst und sogar noch bargeldlos bezahlen. Au Mann. Der durch und durch gläserne Mensch. Klasse.
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  •   Ullermann
    (85 Beiträge)

    24.01.2019 08:45 Uhr
    Ähh wie, wo ,was...
    Zitat Artikel

    ...Der Angstschweiß dringt aus allen Poren, die Venen verengen sich und die Hauttemperatur fällt...

    Wer fährt den so Fahrrad???
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