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Karlsruhe "Eine humane Katastrophe": Michel Brandt spricht über seinen Einsatz auf der "Lifeline"

Ende Juni spielten sich auf dem Mittelmeer dramatische Szenen ab: Das Rettungsboot "Lifeline" trieb mit 234 Flüchtlingen an Bord sechs Tage lang vor der Küste Maltas - und durfte nicht anlegen. Michel Brandt, Bundestagsabgeordneter der Linken, hat das Schiff während dieser Zeit besucht. ka-news hat mit dem Karlsruher über seine Eindrücke von der Situation vor Ort gesprochen.

"Eine humane Katastrophe" - so beschreibt Michel Brandt die Lage auf dem Rettungsschiff  "Lifeline". Ende Juni ging der Bundestagsabgeordnete der Linke selbst für wenige Stunden an Bord des Flüchtlingsbootes, um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Welche Zustände den Karlsruher auf dem Rettungsschiff erwarteten, was sein Erlebnis war und wie er aktiv gegen die Flüchtlingssituation im Mittelmeer vorgehen will, das erzählt Brandt im Gespräch mit ka-news.

Herr Brandt, wann waren Sie auf der "Lifeline"?

"Ich war Ende Juni vor Ort, als die 'Lifeline' mit 234 Geflüchteten und 17 Crewmitgliedern vor Malta lag und nicht in den Hafen eingelassen wurde."

Welchen Eindruck bekamen Sie während Ihres Aufenthalts von der Situation auf dem Schiff?

"Man muss sich das Schiff im Prinzip vorstellen wie einen kleineren Kutter: Die Menschen waren wirklich dicht gedrängt an Deck und es gab keine Möglichkeit, sie unter Deck zu bringen. Sie waren dem Wetter und tagsüber der Sonne ausgesetzt, da es an Bord natürlich kaum Schattenmöglichkeiten gab.

Michel Brandt Lifeline
Bild: Wahlkreisbüro Michel Brandt

Viele der Geflüchteten hatten eine Flucht von zwei Jahren hinter sich. Unter ihnen waren Verletzte und auch Kinder. Die Situation an Deck war wirklich eine humane Katastrophe: Man lag etwa 24 Seemeilen vor einem sicheren Hafen in Malta und trotzdem wurde man einfach alleine gelassen."

Wie lief Ihr Einsatz auf der "Lifeline" ab?

"Es war gar nicht so einfach dort hinzukommen, weil die örtlichen Behörden das Schiff isoliert hielten. Zusammen mit ein paar Abgeordneten aus Portugal, Spanien und Deutschland sind wir deshalb von Malta aus spätabends mit einem kleinen Sportboot zum Schiff hinausgefahren. Von etwa 23 Uhr bis zirka 3 oder 4 Uhr morgens waren wir dann vor Ort."

Sie waren also nicht tagelang an Bord?

"Nein, das hätte den Betrieb ja noch weiter gestört. Unser Auftrag war es eher zu versuchen, eine Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und den Medien Situationsbeschreibungen von vor Ort geben zu können." 

Michel Brandt Lifeline
Bild: Wahlkreisbüro Michel Brandt

War das die einzige Intention, mit der sie auf die "Lifeline" gegangen sind?

"Der Hauptgrund war natürlich die konkrete Hilfe. Denn zwei Tage, nachdem wir auf der "Lifeline" waren, die danach noch weitere eineinhalb Tage festgehalten wurde, gab es einen Wetterumschwung. Der Kapitän hat ganz klar gesagt, bei höheren Wellen sei für die Sicherheit der Menschen an Deck nicht mehr garantiert. Es ging in dem Moment also darum, das Schiff endlich in einen sicheren Hafen und diese 234 Menschen aus der Gefahrensituation zu bringen. 

Allerdings ist es glaube ich oft wichtig, auch die allgemeine Situation zu sehen: Derzeit sterben so viele Menschen auf dem Mittelmeer wie noch nie, weil die Rettungsboote festgehalten und die NGOs kriminalisiert werden. Wir müssen zusehen, dass wir diese Gesamtsituation in den Medien behalten und möglichst viele Berichte auch von vor Ort schaffen, damit nicht untergeht, was da tatsächlich passiert." 

Wie hat die konkrete Hilfe, die Sie angesprochen haben, ausgesehen?

"Wir haben versucht, mit allen Botschaften, auch den deutschen, Kontakt aufzunehmen und versuchen die deutsche Regierung unter Druck zu setzen, sodass diese endlich agiert. Denn die ist ja überhaupt nicht unbeteiligt an dieser Situation. Zum einen, weil man die Anrainerstaaten am Mittelmeer jahrelang mit der Dublin-Verordnung, welche aus unserer Sicht endlich abgeschafft werden muss, allein gelassen hat.

Zum anderen aber auch durch diese neuerlichen EU-Beschlüssen sowie die weitere Ausbildung der libyschen Küstenwache, die die Situation für die Menschen immer weiter verschärft. Diesen Handlungsdruck hier in Deutschland auf die Bundesregierung aufzubauen, das ist natürlich das oberste Ziel dabei."

Waren Sie das erste Mal auf einem Flüchtlingsschiff?

"Ja, ich war auch zum ersten Mal in Malta im Hafen und habe andere NGO-Boote besucht, beispielsweise die 'Sea-Watch 3', die derzeit im Hafen festgehalten wird oder den 'Seefuchs' von Sea-Eye." 

Haben Sie mit Betroffenen gesprochen?

"Natürlich, aber wir haben da sehr vorsichtig agiert und geschaut, wer überhaupt gesprächsbereit war, weil sich die Menschen in einer totalen Extremsituation befanden. Viele von ihnen waren unterernährt und gleichzeitig seekrank - man kann sich ausmalen, was das für eine lebensbedrohliche Situation war.

Michel Brandt Lifeline
Bild: Wahlkreisbüro Michel Brandt

Ich habe mich zum Beispiel mit einem Somalier unterhalten, der eineinhalb Jahre in einem Folterlager in Libyen gefangen gehalten wurde. Er war unglaublich dünn und am ganzen Körper zermartert. Er hat mir erzählt, dass er dort gefoltert wurde und dann Gott sei Dank irgendwann herausgekommen ist. Zu dem Kapitän hat er gesagt: Wenn er wieder zurück nach Libyen müsste, würde er lieber von Bord springen, als das nochmal erleben zu müssen."

Was war für Sie das eindrucksvollste oder bedrückendste Erlebnis während Ihres Aufenthalts?

"Das Schlimmste tatsächlich war, dass wir mit einem kleinen Boot von einem Hafen in Malta aus gerade mal drei Stunden rausfahren und da ein Boot mit Verletzten liegt, mit Menschen, die unterernährt und seekrank sind - und die werden nicht hineingelassen. Dass den Menschen bewusst nicht geholfen wird, das fand ich katastrophal.

Das Schlimmste ist natürlich, dass wir einfach wieder auf ein Boot steigen und zurückfahren können und die Menschen dort lassen müssen. Auf der anderen Seite hätten wir ihnen vor Ort gar nicht so viel helfen können wie danach im Hafen, wo wir unzählige Interviews gegeben haben, um die Aufmerksamkeit auf die Situation zu lenken."

Wie können die Bürger aus Karlsruhe aktiv werden und helfen?

"Zum einen kann man sich konkret mit den NGOs, die vor Ort sind, in Verbindung setzen und diese über Spenden, praktische Hilfe oder über Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Zum anderen müssen sich die Verhältnisse in der Politik ändern. Diese Festung Europa, wie sie da aufgebaut wird, hat mit den europäischen Werten, die immer so beschworen werden, nichts zu tun.

Das heißt: Wir müssen politischen Druck entfalten. Es gibt die Möglichkeit, sich an dem Bündnis Seebrücke zu beteiligen und auf die Straße zu gehen, um in Deutschland einen Politikwechsel herbeizuführen."

Der Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

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