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Karlsruhe "Du kommst einfach nicht mehr hoch": Drei Lebensgeschichten aus der Karlsruher Vesperkirche

Zu Beginn des Jahres ist die Johanniskirche am Karlsruher Werderplatz Tag für Tag rappelvoll: Rund einen Monat lang gibt es hier täglich ein warmes Mittagessen - für nur einen Euro. Unter den Besuchern sind Frauen mit Kindern, Senioren, Obdachlose - Menschen "wie du und ich". Zu ihnen gehören auch Tanja, Michael und Kurt. Jeder der drei hat seine ganz persönliche Geschichte zu erzählen - ka-news.de hat sich zu ihnen an den Tisch gesetzt.

Die Glocken schlagen elf Uhr, es ist so weit: Auf dem Werderplatz warten schon zahlreiche Menschen darauf, dass die Johanniskirche ihre große Eingangstüre öffnet. Denn es ist Vesperkirchen-Zeit - vom 12. Januar bis 9. Februar gibt es hier täglich eine warme Mahlzeit für nur einen Euro. Heute steht Cevapcici mit Reis auf dem Speiseplan.

Heute steht Cevapcici mit Reis auf dem Speiseplan.
Jeden Tag gibt es ein warmes Mittagessen: Heute Cevapcici mit Reis. | Bild: Hammer Photografie

Wenn Tanja Weis die Vesperkirche besuchen möchte, muss sie allerdings einen Umweg in Kauf nehmen. Die Stufen vor dem Eingang sind mit ihrem Rollstuhl eine zu große Hürde. Stattdessen geht es für sie zunächst einmal um die Kirche herum, denn am Hintereingang ist eine Rampe. Alleine ist auch diese zwar nicht zu bewältigen, doch zum Glück ist ihr Partner Michael Ciesielski dabei.

432 Euro im Monat: "Es ist das reine Überleben"

Beide besuchen die Vesperkirche täglich, beide leben von Hartz IV. Persönliche Schicksalsschläge haben das Paar vor einigen Jahren zusammengeführt: "Wir haben uns in der Reha kennengelernt", erzählt Tanja. "Ohne Michael wäre ich heute verloren, er kauft für mich ein und tut so viel für mich."

Früher hat Tanja Weiß als Köchin gearbeitet, heute ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.
Früher hat Tanja Weiß als Köchin gearbeitet, heute ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. | Bild: Hammer Photographie

Tanja hat früher als Köchin gearbeitet, 33 Jahre lang war sie berufstätig. Heute ist sie 51 Jahre alt. Als ihr damaliger Arbeitgeber Stellen abgebaut hat, wurde sie zuerst arbeitslos, dann folgte die Obdachlosigkeit.

"Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer wird"

Sie erkrankte am Norovirus, einer Magen-Darm-Infektion. Bei den meisten Menschen klingt die Krankheit ohne Langzeitfolgen wieder ab, doch bei Tanja nahm sie einen dramatischen Verlauf. "Am Ende musste mein Bein oberhalb des Knies amputiert werden", sagt sie im Gespräch mit ka-news.de.

Auch ihr Partner Michael, der nur ein Jahr jünger ist, war früher berufstätig. Er ist ausgebildeter Speditionskaufmann und Lagerist. Nur vier Tage im Monat hatte er frei, immer an den Sonntagen, dann wurde auch er krank: "Zuerst kam der Bandscheibenvorfall“, erzählt er und zeigt auf die Stelle an seiner Halswirbelsäule. "Dann hatte ich mehrere stumme Herzinfarkte."

Das Paar hat schwere Schicksalsschläge hinter sich.
Das Paar hat schwere Schicksalsschläge hinter sich. | Bild: Hammer Photographie

Er möchte wieder arbeiten, doch mit seiner Krankheitsgeschichte sei es nicht so einfach, eine Stelle zu finden. "Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer wird und mich das System so weit herunterdrückt", sagt er. "Du kommst einfach nicht mehr hoch."

"Ein Lächeln reicht und man vergisst alles andere"

Wenn es nach den Behörden geht, soll nicht nur Michael, sondern auch Tanja weiterhin einen Beruf ausüben. Obwohl sie auf den Rollstuhl angewiesen ist, erhält sie keine Pflegestufe. "Das Amt verlangt, dass ich vier Stunden am Tag arbeite", sagt sie. Aus diesem Grund erhält auch Tanja Hartz IV - keiner der beiden kann Frührente beziehen.

Tanja Weiß im Gespräch mit ka-news.de
Tanja Weiß im Gespräch mit ka-news.de | Bild: Hammer Photographie

Tanja und Michael sind dankbar, dass es die Vesperkirche gibt. Denn die 432 Euro im Monat reichen zum Leben kaum aus. "Hartz IV bedeutet, Tag für Tag zu kämpfen", erzählt Tanja. "Es ist das reine Überleben, mit Existenzängsten und allem, was dazugehört."

Das Paar gehört quasi zum Inventar der Vesperkirche dazu: Kaum eine Person läuft an den beiden vorbei, ohne sie zu grüßen. "Das besondere hier ist der familiäre Zusammenhalt, hier sind alle gleich", sagt Tanja. "Ein Lächeln reicht schon, dann vergisst man alles andere für einen Moment."

"Das besondere hier ist die Atmosphäre"

Ein paar Tische weiter sitzt Kurt Zwingelberg. Auch bei ihm ist das Geld knapp - gerade einmal 407 Euro Rente erhält der 66-Jährige im Monat. "Zu wenig, um davon zu leben", sagt er. Von der Vesperkirche hat er im vergangenen Jahr im Radio erfahren, seitdem ist er ein oft gesehener Gast.

Die Rente von Kurt Zwingelberg reicht kaum zum Leben - deshalb besucht er seit letztem Jahr die Vesperkirche.
Die Rente von Kurt Zwingelberg reicht kaum zum Leben - deshalb besucht er seit letztem Jahr die Vesperkirche. | Bild: Hammer Photographie

Beruflich konnte er in seinem ganzen Leben keinen Fuß fassen. "Ich habe in den 1980er-Jahren eine Ausbildung zum Lagerarbeiter gemacht", erzählt er im Gespräch mit ka-news.de. "Danach habe ich einfach keine Stelle gefunden." 

In seiner Ausbildung habe er auch den Umgang mit Computern gelernt, die damals noch eine Neuheit waren. Für kurze Zeit hat war er danach bei einem Software-Unternehmen angestellt. Von da an bis zum Eintritt in das Rentenalter war Kurt Zwingelberg arbeitslos. Heute wohnt er in einem Zimmer der Gemeinde Langensteinbach.

Kurt Zwingelberg, Besucher der Vesperkirche.
Kurt Zwingelberg, Besucher in der Karlsruher Vesperkirche. | Bild: Hammer Photographie

Der Weg in die Stadt ist weit und Tickets sind teuer, dennoch kann er täglich kostenlos mit der Bahn zur Johanniskirche fahren. Das ermöglicht ihm sein Schwerbehindertenausweis. "Ich kann schlecht laufen und dann ist da noch das mit meiner Hand", sagt er und deutet auf sein gelähmtes linkes Handgelenk.

Er fühle sich wohl hier in der Vesperkirche, sagt er, nachdem er mit dem Mittagessen fertig ist. Ein Schälchen mit Nachtisch wird ihm angeboten, das lehnt er heute aber ab. Denn die Verpflegung ist nicht der einzige Grund, aus dem er regelmäßig die Karlsruher Vesperkirche besucht: "Das besondere hier ist vor allem die Atmosphäre und der Austausch."

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  •   Michaelciesielski
    (2 Beiträge)

    30.01.2020 23:26 Uhr
    Schicksal
    Hallo Leute
    Mein Schicksal ist nicht so gewollt ich arbeite seit ich 16 Jahre alt bin habe erst eine Lehre als KFZ Mechaniker gemacht dann als Lagerist gearbeitet und 2001 eine Umschulung zum Speditionskaufmann .doch ehrlich gesagt ist es im Lager angenehmer als 8 std nur telefonieren und am PC zu sitzen. Also habe ich über 30 Jahre gearbeitet. Habe 3 Bandscheiben Vorfälle 2 Herzinfarkte mit 1 Stent (Implantat)und 55 Prozent auf der Haut Schuppenflechte. Musste 15 tage 12.2019 noch in die Hautklinik hier in Karlsruhe .klar finde ich immer Arbeit aber für eine Zeitarbeitsfirma die den Mindestlohn zahlt bin ich mir zu Schade . Bin schon bei drei Zeitarbeitsfirmen gewesen und jedesmal wurde ich nach 6 Monaten übernommen. Also mal hier so gesagt meine wewehchen kommen nicht vom rumstehen auf der Arbeit. Aber mal anders gedacht 3000 Euro rente für 30 Jahre Arbeit also alle 10 jahre arbeiten 1000 euro mehr Rente wäre doch mal ne Diskussionsrunde Wert.
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  •   Michaelciesielski
    (2 Beiträge)

    29.01.2020 17:43 Uhr
    Schicksal
    Hallo Leute
    Mein Schicksal ist nicht so gewollt ich arbeite seit ich 16 Jahre alt bin habe erst eine Lehre als KFZ Mechaniker gemacht dann als Lagerist gearbeitet und 2001 eine Umschulung zum Speditionskaufmann .doch ehrlich gesagt ist es im Lager angenehmer als 8 std nur telefonieren und am PC zu sitzen. Also habe ich über 30 Jahre gearbeitet. Habe 3 Bandscheiben Vorfälle 2 Herzinfarkte mit 1 Stent (Implantat)und 55 Prozent auf der Haut Schuppenflechte. Musste 15 tage 12.2019 noch in die Hautklinik hier in Karlsruhe .klar finde ich immer Arbeit aber für eine Zeitarbeitsfirma die den Mindestlohn zahlt bin ich mir zu Schade . Bin schon bei drei Zeitarbeitsfirmen gewesen und jedesmal wurde ich nach 6 Monaten übernommen. Also mal hier so gesagt meine wewehchen kommen nicht vom rumstehen auf der Arbeit.
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  •   Maverick
    (209 Beiträge)

    29.01.2020 14:39 Uhr
    Ein Thread, wie gemalt......
    für Besserwisser. Es ist einfach auf diese Menschen herabzuschauen, und ihnen auch noch "gute" Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Da kann man sich endlich mal überlegen fühlen.
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  •   Dobermann
    (163 Beiträge)

    29.01.2020 13:05 Uhr
    Das ist mir zu einfach.....
    1.Fall nach der Ausbildung zum Lageristen keine Stelle mehr gefunden.... ich lach mich kaputt. Ich hatte meine Ausbildung in den 80ern und es gab und gibt massig Stellen. Erkundigen Sie sich bitte einmal beim großen A-amt. Ich denke hier ist die Geschichte klar. Alle Unkosten durchs Sozielamt gedeckt... so geht's auch. Harzt 4 im REWE umgesetzt... lassen wir das mal so stehen.
    2. Fall Speditionskaufmann .. Bandscheibenvorfall..... keine Stelle mehr bekommen.... ohne Worte
    3 .Fall Behinderung, das ist schlimm. Tut mir leid. Hier sollte auf jeden Fall geholfen werden.
    Vesperkirche grundsätzlich eine sehr gute Einrichtung. Sollte unterstützt werden.
    Vielleicht mal den ein oder anderen ausserhalb der vesperkirche beobachten, wie so ei Tag denn weiter aussieht...…. meine Meinung in einem freien Land. Muss nicht die Meinung anderer sein. Für alle Gutmenschen jetzt hier : Bin kein Na.Zi und kein AFDler, sondern ein Mensch mit offenen Augen.
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  •   zahlenbeutler
    (1474 Beiträge)

    29.01.2020 14:21 Uhr
    ob Sie
    das oder jenes sind oder nicht sind, spielt da keine Rolle, Sie außern jedoch zu Schicksalen von anderen Menschen Ihre egoistische selbstherliche Lebenseinstellung, Sie scheinen mir jemand zu sein, dem es Spaß macht, nach unten zu treten, nach oben zu kuschen, das zieht sich durch Ihre gesamten Kommentare hier
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  •   Dobermann
    (163 Beiträge)

    29.01.2020 14:33 Uhr
    Nun ja ,
    Sie beurteilen genauso, wie Sie es anderen verbieten möchten.. das sagt sehr viel über Ihr egoistische selbstherrliche Lebenseinstellung, Sie scheinen mir jemand zu sein, dem es Spaß macht, nach unten zu treten, nach oben zu kuschen, das zieht sich durch Ihre gesamten Kommentare hier .
    Musste ich nur kopieren, passt genau eins zu eins. Vielen lieben Dank Herr Zahlenbeutler.
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  •   melotronix
    (3052 Beiträge)

    29.01.2020 13:35 Uhr
    es ist einfach nur
    beschämend, wenn über Schicksale gieskannenartig
    gerichtet wird, ohne dass man mit den Betroffenen je gesprochen hat.
    Aber genau das ist ein Klientel, dem Neid und Missgunst
    noch vor Empathie und Objektivität stehen.
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  •   Dobermann
    (163 Beiträge)

    29.01.2020 13:48 Uhr
    Nun ja ,
    von ca . 1980 - 2020 das sind 40 Jahre.... keine Arbeit gefunden....
    deswegen arbeiten wir vom ersten bis zum 17ten für unsere Abgaben....dann für unseren unterhalt und dann vom 25ten für uns....
    Wer arbeiten will, der findet Arbeit .......ist so !
    Ausgenommen alle Menschen mit Beeinträchtigungen, diese unterstütze ich auf jeden Fall !
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  •   ALFPFIN
    (7084 Beiträge)

    29.01.2020 10:27 Uhr
    Schicksalsschläge
    Dass natürlich schwere Schicksalsschläge, insbesondere schwere Krankheit zur Berufsunfähigkeit führen kann und man finanziell stark eingeschränkt ist, ist für jeden Menschen den es betrifft nun wirklich kein leichtes Leben.
    Allerdings wird immer sehr auf Harzt 4 geschimpft. Der zur Verfügung stehende Betrag ist sicher sehr knapp für die monatliche Lebenshaltung.
    Aber Miete, Heizkosten wird bezahlt, es kann Zuschuss oder Bezahlung des Mehrbedarfes beantragt werden insbesondere auch für Menschen mit Behinderung, wenn der Regelsatz nicht ausreicht.
    Bei ALG-2-Leistungen gehört unter anderem die Übernahme der Kosten für die Krankenversicherung dazu. Außerdem gibt es neben dem Mehrbedarf den sogenannten Sonderbedarf für Hartz-4-Empfänger.

    Eine, wenn sie Glück hat vollbeschäftige Verkäuferin hat als allein erziehende Mutter netto kaum mehr als den Hatz4 Satz nach Abzug aller festen Kosten, die sie alleine tragen muss und da dürfen keine außergewöhnlichen Kosten dazu kommen.
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  •   melotronix
    (3052 Beiträge)

    29.01.2020 12:26 Uhr
    nehmen Sie doch
    einfach mal die Geschichten so hin wie Sie ihnen mitgeteilt werden.
    Denken Sie, dass diese Menschen ihre Situation freiwillig gewählt haben?
    Bitte nicht in die Schublade greifen und davon ausgehen, dass die Betroffenen
    in Not nicht bis drei zählen können!
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