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Karlsruhe Druck, Drill und Disziplin: Badisches Schulmuseum entführt in Vergangenheit

Die Glocke läutet. Keine elektronische, sondern eine echt handbetriebene. "Die Schule beginnt! In Zweierreihen aufstellen, Mädchen zuerst!", ertönt eine Stimme quer durch den Gang. Alle stellen sich brav auf, es wird getuschelt, doch der strenge Blick des Fräulein Lehrerin lässt alle verstummen. Und so geht es schließlich hinein. Hinein in eine Zeitreise in die Vergangenheit mit dem Badischen Schulmuseum in der Grundschule Grünwinkel. Die Mädchen voran.

Als Mädchen setzt man sich in die eine Reihe, die Jungen nehmen in der anderen Platz. Das Fräulein Lehrerin überwacht mit Argusaugen den sittengerechten Ablauf, den Rohrstock immer drohend in der Hand. Vergessen ist das Smartphone in der Tasche oder die Digitalkamera auf dem Tisch - das ist neumodischer Krimskams.

Aufstehen, beten, los geht's

"Aufstehen!", schnauzt das Fräulein Lehrerin und brav erheben sich alle wieder von ihren Bänken. Aufgrund der Enge muss man seitlich aus der Reihe treten. Unter dem unbeugsamen Blick des Fräuleins ist Geradestehen plötzlich ganz einfach, die Hände brav vor dem Körper verschränkt. "Guten Morgen", sagt sie streng. "Guten Morgen, Fräulein Lehrerin", antwortet die Klasse. Der Name des Fräuleins wurde nicht verwendet. Ebenso wie das Wort "Fräulein" heute nicht mehr verwendet wird.

Doch in einer Zeit vor Emanzipation und Gleichberechtigungsbestreben gab es keine Diskussionen über diese Bezeichnung einer unverheirateten Frau. Auch darüber nicht, dass nur unverheiratete Frauen unterrichten durften. Die schrulligsten blieben ihr Leben lang Lehrerin. Und wurden immer schrulliger. Ihr täte es heute leid, dass sie über das Fräulein Lehrerin heimlich hinter vorgehaltener Hand getuschelt habe, gibt die damalige Schülerin Carla Dresen zu. Für allein lebende Frauen war die Schule eine der wenigen Alternativen, um ein kleines bisschen Eigenständigkeit zu erlangen. Heute ist Dresen selbst Lehrerin - zumindest im historischen Umfeld des Badischen Schulmuseums.

Eine fremde Schrift

Nach dem Gebet darf sich die Klasse setzen, die gerade Haltung bleibt auf den unbequemen Stühlen und kleinen Tischen automatisch erhalten. Rückenschonende Stühle und ergonomisch höhenverstellbare Tische - das kennt man hier nicht. Ebenso sind Stift und Papier unbekannt, weshalb das Sütterlin-Alphabet mit Tafel und Griffel geübt wird. Nach zaghaften Fehlversuchen glückt schließlich der eigene Name in "fast perfekter" Ausführung, wie das Fräulein Lehrerin anerkennend anmerkt.

Ordnung, Sauberkeit, Disziplin, Gehorsam - das sind die Stichworte des damaligen Verständnisses von Schule. "Der Wille des Kindes muss gebrochen werden" spricht als Motto des Unterrichts vor 60 bis 100 Jahren eindeutig für sich. Wer als Linkshänder geboren wurde, wurde schlicht umerzogen. Wer seine Hausaufgaben nicht erledigte, wurde bestraft. Und wer Quatsch machte bekam die Eselsmütze aufgesetzt. "Gab es die wirklich?", fällt ein Schüler kurz aus der Rolle und bekommt sie prompt über sein Haupt gestülpt. Die Klasse muss lachen, er muss sie den gesamten Tag aufbehalten, bis er nach Hause kommt. Auf dem Heimweg wird er von den Klassenkameraden begleitet, damit er sie nicht heimlich abnimmt. Der Ärger zu Hause bleibt hinter verschlossenen Türen, und doch wusste jeder, wie er aussah.

Eine Zeit, in der heute keiner mehr leben will

"Das waren Zeiten, in denen die Kinder noch zu zweit in einem Bett schliefen, als die Mutter abends noch einen im Kamin aufgeheizten Backstein ins Bett legte, um ein bisschen Wärme zu schaffen", berichtet Dresen aus einer längst vergangenen Zeit. Die "Schüler" des Schulmuseums, vor allem die jüngeren, sprächen sich heute einstimmig dafür aus, dass sie froh seien in dieser Zeit nicht gelebt zu haben. Dresen hat in dieser Zeit gelebt und gibt ihre Erfahrungen heute weiter. Doch sie will sich zur Ruhe setzen, eine Nachfolgerin wird gesucht.

Das Fräulein Lehrerin Trudel Zimmermann geht gänzlich in ihrem Element auf. Mit Bestimmtheit und Resolution gibt sie zu verstehen, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen ist. Wer nicht gehorcht bekommt den Rohrstock zu spüren: Die Jungen auf den Po, sodass sie am nächsten Tag kaum noch sitzen können, die Mädchen auf die Hand - die linke, versteht sich. "Noch heute kommt in diversen Teilen der Welt der Rohrstock zum Einsatz", erklärt Zimmermann und zeigt, wie beispielsweise in Russland zugeschlagen wird. Hiesige Kinderschutzorganisationen und Menschenrechtler würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Lesen, rechnen, schreiben, singen, Religion, Handarbeit und Turnen standen auf dem Lehrplan, den es noch nicht wirklich gab. Letztlich lernte jeder das Lesen, Schreiben und Rechnen, unter Druck, Drill und Disziplin. Gemeinschaftsschule, das gab es schon damals. Die Klassen 1 bis 4 sowie die Klassen 5 bis 8 saßen gemeinsam in einem Raum und lernten das Gleiche - mussten lernen, mussten mitkommen. Und sich benehmen, ordentlich kleiden. Röcke bis weit über die Knie, keine Ausschnitte, offene Haare ein No-Go. "Darum gehen auch die Mädchen zuerst in die Klasse, die Jungen erst, wenn die Mädchen sitzen", erklärt Zimmermann. Die Gefahr eines hochrutschenden Rocks ist zu groß.

Klebebildchen für's Poesiealbum zur Belohnung

Am Ende der Stunde gibt es Klebebildchen für das Poesiealbum und ein "Zeugnis". "Das nächste Mal kannst du das aber besser", heißt es. Spielend echt erlebt man einen Einblick in die historische Schulvergangenheit. Eine Vergangenheit, die man im Badischen Schulmuseum für kurze Zeit noch einmal Gegenwart werden lassen kann.

Die "Schätze" des Museums, wie Zimmermann betont, sowie den Unterricht gibt es aktuell in den Kellerräumen der Grundschule in Grünwinkel zu erleben. Es ist nur eine Art Zwischenlösung, am 26. November wird beraten, welche Räumlichkeiten in Zukunft in Frage kommen. Bis zu einem Umzug können Unterrichtseinheiten im historischen Stil, auch mit bestimmten Wünschen wie Unterricht ausschließlich in Mathematik, auf Anfrage gebucht werden. Nähere Informationen dazu gibt es unter www.badisches-schulmuseum.de.

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Kommentare (16)
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  • unbekannt
    (233 Beiträge)

    25.11.2013 16:43 Uhr
    Rohrstock
    Danke für den Hinweis, da können wir froh sein, dass hier niemand mit dem Rohrstock daneben steht zwinkern
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  •   Makamabesi
    (3025 Beiträge)

    25.11.2013 21:48 Uhr
    Hät
    vieleicht was gebracht! zwinkern
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  •   runner
    (426 Beiträge)

    25.11.2013 16:04 Uhr
    Dafür
    wird "aufheizen" mit "t", also "aufheitzen", geschrieben.
    Das ist aber imho nur der krasseste Fehler, ich will hier gar nicht alle aufzählen.
    Ich habe schon mehrfach vorgeschlagen, dass die sogenannten Redakteure die Rechtschreibprüfung einschalten sollen, leider vergebens.
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    25.11.2013 21:24 Uhr
    Heizen
    mit tz, aha...mannmannmann...

    Und Spühle mit h und Maschiene mit ie, gell?
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  •   silberahorn
    (9797 Beiträge)

    25.11.2013 16:11 Uhr
    :)
    ... und schon am anfong:
    die Glocke leutet doch, weil dann Leute kommen müssen und nicht LÄute, die laut sind. zwinkern grinsen
    an dich:
    Einheit-z-Party schon vorbei? grinsen
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  •   melotronix
    (2835 Beiträge)

    25.11.2013 15:55 Uhr
    tztztz
    ja was jetzt ...Schuh..oder Schule?? Überchrift ein wenig rästelhaft!
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