Stutensee Digitaler Bestatter aus Karlsruhe: "Der größte Fehler? Sich nicht vorzubereiten!"

Wenn ein Mensch stirbt, stehen Angehörige mittlerweile häufig vor einem Problem, an das viele zuerst gar nicht denken: Daten des Toten stehen weiterhin online, etwa bei Twitter, Facebook, Instagram oder Paypal. Was nun? Ein Karlsruher Experte erklärt, was in diesem Fall zu tun ist.

Bislang müssen Angehörige sehr viel Papierkram über sich ergeben lassen, bevor sie Zugang zu Online-Konten verstorbener Angehöriger erhalten. In den USA boomt daher bereits der Beruf des "digitalen Bestatters". Aber auch in Deutschland interessieren sich immer mehr Menschen für dieses Thema.

Wilhelm Bühler aus Stutensee ist Computerexperte mit über 25 Jahren Internet- und EDV-Erfahrung und arbeitet als digitaler Nachlassverwalter. Im Gespräch mit ka-news erläutert er, worauf es beim digitalen Nachlass ankommt. 

Wilhelm Bühler
Wilhelm Bühler ist digitaler Nachlassverwalter und Computerexperte mit über 25 Jahren Internet- und EDV-Erfahrung. | Bild: ps

Herr Bühler, wann treten Sie in Aktion und was sind Ihre Aufgaben?

Es gibt zwei Bereiche beim Digitalen Nachlass. Der eine ist die Vorsorge, hier biete ich Beratung vor dem Todesfall individuell oder als Vortragsredner an. Der andere ist nach dem Todesfall, wenn die Erben sich nicht mit dem digitalen Nachlass ( Internet, Rechner, Smartphone, Smarthome) auseinandersetzen können oder wollen. Dabei ist es erst mal unerheblich, ob der Tote vorgesorgt hat oder nicht.

Bei der Vorsorge geht es darum, Strategien zu entwickeln und aufzuzeigen, wie der Nachlass aus und in der digitalen Welt vernünftig übergeben werden kann. Ziel ist in der Regel, dass keine Werte verloren gehen und Informationen nicht in falsche Hände kommen. Ein Nachlassverwalter findet und sichert Werte (Internet-Kreditkarten, Guthaben in Shops) und Erinnerungen (Bilder, Filme).

Bestatter kennen in der Regel die digitalen Nachlassverwalter, die dann auch Hausbesuche anbieten.  Zur Recherche bekommt der digitale Nachlassverwalter von den Erben Zugang zu Rechnern und Smartphones der Erben. Hier können Angehörige und Erben dabei sein.

Je nach Erblasser wird dabei auch der Passwort-Schutz des Rechners geknackt. Dazu kommt die Recherche im Internet, neben den Profilen in Netzwerken geht es vor allem um das Finden und Beenden von Zahlungsverpflichtungen (beispielsweise Abogebühren bei Shopping-Portalen, Reisebuchungen im Internet).

Wo liegen die größten Gefahren oder Probleme, die auf Angehörige nach dem Tod eines Internetnutzers zukommen?

Sterben und Tod ist in unser Gesellschaft leider ein Tabu-Thema geworden. Daher wissen die Erben oft nicht, was der Tote (an digitalem Nachlass) hinterlässt und es entgehen ihnen materielle und immaterielle Werte. Probleme ergeben sich auch, wenn sich Erben und Angehörige nicht über den Umgang mit dem digitalen Nachlass einig sind. Schon fast klassisch ist die Frage, soll ein Profil des Toten als Gedenken erhalten bleiben oder soll es gelöscht werden.

Geht es dabei auch um finanzielle Risiken?

Ja, wir hatten beispielsweise den Fall, dass ein Mann vor seinem Unfalltod eine Reise im Internet gebucht hatte, hier liefen Fristen sehr schnell ab, so dass die digitale Nachlassverwaltung nicht auf die lange Bank geschoben werden konnte. Zahlungsverpflichtungen laufen weiter, je früher man Dinge kündigt oder übernimmt, desto besser. Es sind aber auch finanzielle Chancen dabei, wenn man noch eine Kreditkarte mit Guthaben findet, zu der Auszüge nur elektronisch vorliegen und auch keine Plastikkarte zu finden ist.

Kann man schon zu Lebzeiten Vorkehrungen treffen, um Angehörigen die digitale Nachlassverwaltung zu erleichtern?

Ja, denn es gilt das, was für den gesamten Nachlass gilt: Ein Ordner, in dem die wichtigsten Dokumente enthalten sind, so dass alles beisammen ist. Das mag für junge Menschen uncool wirken, macht es den Erben aber leichter. Die Speicherung der Passwörter sollte dabei getrennt von der Lagerung der Zugänge sein, damit ein Einbrecher mit dem Ordner nicht direkt die digitale Identität übernehmen kann. In dem Ordner kann man auch Erinnerungen hinterlegen, wo beispielsweise Dokumente sind - etwa: "Fahrzeugbrief ist bei den Eltern im Bankschließfach".

Ab 2017 werde ich auch einen Dienst anbieten, mit dem der Inhalt für diesen Ordner online gepflegt und ausgedruckt werden kann. Eine Voranmeldung ist einfach über den Newsletter auf der Homepage möglich. Es gibt legale Angebote im Internet, von denen die Familie vielleicht nichts weiß und nach dem Tod auch nichts wissen muss.

Hier ist es wichtig, sich schon zu Lebzeiten Gedanken zu machen, wen man mit der Abwicklung beauftragt, dass kann jemand aus dem engsten Freundeskreis oder auch ein professioneller, digitaler Nachlassverwalter sein. Es ist nicht unüblich, dass ein Mensch mehrere Identitäten im Internet hat. Gerade der Nachlass, der nicht zur Identität passt, wie sie auf der Sterbeurkunde steht, muss vor dem Tod geregelt werden.

Was sind die größten Fehler und Leichtsinnigkeiten, die Menschen bei der Internetnutzung begehen? Wo raten Sie zur Vorsicht?

Der größte Fehler ist, sich nicht auf den Tod vorzubereiten. Wenn ein Rechner kein Passwort hat, dann ist das sehr unsicher, macht es den Erben aber auch sehr einfach. Wenn ein Rechner ganz stark gesichert wird, dann muss irgendwo hinterlegt sein, wie dieser Schutz geknackt werden kann, wenn die Erben auf die Daten auf dem Rechner zugreifen können sollen. Als leichtsinnig empfinde ich es, die kompletten digitale Identität in der Cloud zu speichern, auch große Unternehmen sind keine Garantie dafür, dass die Daten nicht in falsche Hände fallen.

Die Fragen stellte Heike Schwitalla.

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