25  

Karlruhe Die nahezu unbekannte Scheinanlage im Hardtwald: Wie eine Attrappe Karlsruhe im Krieg retten sollte und später versagte

Kaum eine deutsche Stadt hat im Weltkrieg so viele Luftangriffe erlitten wie Karlsruhe. Die Stadt galt bereits beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als besonders bombardierungsgefährdet. Deswegen wurden 1940 tief in den Wäldern um Karlsruhe herum drei Scheinanlagen von der Luftwaffe errichtet, um die Ziele der Alliierten vorzutäuschen und zu bewirken, dass Bomben an unbewohnten Stellen im Wald und nicht auf die Stadt fielen. Das hat zum Teil funktioniert. Warum, das hat Experte Norbert Prothmann von der Forschungsgruppe Untertage im Gespräch mit ka-news verdeutlicht.

Im Zweiten Weltkrieg hat die Luftwaffe das Deutsche Reich in sogenannte Luftgauen geteilt. Karlsruhe wurde dem Luftgau VII zugeordnet, dessen Kommando im Frühjahr 1940 mit dem Bau von drei Scheinanlagen anfing. Das Projekt lief als sogenannte "Geheime Kommandosache" ab und die entstandenen Anlagen bekamen südamerikanische Länderbezeichnungen als Decknamen.

In der Nähe eines Baggersees zwischen Grötzingen und Weingarten, ein paar Kilometer südwestlich von Bruchsal, sollte die Anlage "Columbia" den Karlsruher Rheinhafen simulieren. "Durch das Wasser hat sich dieses Gebiet gut geeignet", erklärt Untertage-Sprecher Norbert Prothmann im Gespräch mit ka-news. Die Forschungsgruppe Untertage mit Sitz in Stuttgart erforscht und dokumentiert Luftschutzanlagen, Bunker und andere Untertageanlagen in der Region.

Bereits seit mehreren Jahren recherchiert der Hobbyhistoriker über das Thema Scheinanlagen in Karlsruhe. Am 26. Juli 1940 fielen die ersten Leuchtbomben auf Columbia und bis Mai 1942 wurde sie mehrmals bombardiert. Von dieser Anlage existiert heute allerdings keine Karte mehr.

Baggersee in der Nähe von Weingarten.
Baggersee in der Nähe von Weingarten. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/8/BA Schlesiger A25 a 117_2_10

Südlich von Karlsruhe bei Ettlingen im Hardtwald wurde "Panama" errichtet und täuschte eine Industrieanlage vor. Somit schien man von der Luft aus in Stadtnähe zu sein. Auf diese Anlage fielen zwischen August 1941 und Mai 1942 sechs Mal Bomben. "In nur weniger Entfernung bei Weingarten lag eine schwere Flakstellung, deren Flugabwehrkanonen die defensive Wirkung der Scheinanlage unterstützt haben", so Prothmann.

"Venezuela" war die größte Anlage und repräsentierte die Innenstadt von Karlsruhe. Aus der im Generallandesarchiv Karlsruhe archivierten Karte geht hervor, wie hier Bäume so geschlagen wurden, dass der Grundriss der Fächerstadt aus der Luft gut erkennbar war.

In der Nähe des heutigen Campus Nord lag vielleicht die Scheinanlage, die Karlsruhe vor den Bombenangriffen schützen sollte.
In der Nähe des heutigen Campus Nord lag vielleicht die Scheinanlage, die Karlsruhe vor den Bombenangriffen schützen sollte. | Bild: Screenshot Google Maps/ka-news

Dann wurden Lämpchen installiert. "Diese Anlage war somit nur eine Nachtscheinanlage", sagt Prothmann. "Man hat auch mit verschiedenen Geräten gearbeitet, die auf intelligente Weise täuschten." So wurden beispielsweise Halterungen mit Lampen so konstruiert, dass es von der Luft aussah, als ob Licht aus einem Fenster oder von einer Straßenlampe fiel, die man beim Angriffalarm vergessen hatte auszuschalten.

Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.9.1942 Reinhold-Frank-Straße/Ecke Viktoriastraße
Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.9.1942 Reinhold-Frank-Straße/Ecke Viktoriastraße | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/8/Alben 6/51b

Von Elektrikern aufgebaut wurde das Ganze an zentralen Stellen, in der Anlage selbst von Soldaten in kleinen, extra zu diesem Zweck gebauten Bunkern gesteuert. Da diese der Bombardierung ausgesetzt waren, mussten sie auch geschützt werden.

"Die elektrische Anlage verfügte auch über eine Dimmerfunktion, die bei anfliegenden Bombern eingesetzt wurde", erklärt Norbert Prothmann gegenüber ka-news weiter. Flugmeldestellen beobachteten die Flugrichtung der Alliierten und sendeten an die Fächerstadt Luftalarm, wenn klar wurde, dass die Kampfflieger Karlsruhe als Ziel hatten. In der Scheinanlage wurden dann die Dimmer eingestellt. Es musste exakt so hell sein, dass die Piloten meinten, unter ihnen läge die Stadt, aber dunkel genug, dass sie nichts einordnen konnten. "Das mussten die Soldaten üben", sagt Hobbyhistoriker Norbert Prothmann.

Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.9.1942 Blick auf den durch Spreng- und Brandbomben zerstörten Straßenzug mit Feuerwehrmännern und Löschwagen
Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.9.1942 Blick auf den durch Spreng- und Brandbomben zerstörten Straßenzug mit Feuerwehrmännern und Löschwagen | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/8/Alben 236/56

Teilweise wurden auch Nebelmaschinen eingesetzt, um die alliierten Bomber weiter zu verwirren - wiederum haben diese mit Leuchtbomben versucht, Orientierungshilfen am Boden zu erkennen. Gleichzeitig schossen die Deutschen mit Flak-Kanonen, sodass die Kampfflieger einer Stresssituation ausgesetzt wurden und schnell entscheiden mussten, ob sie wirklich eine Stadt unter sich hatten.

Außer Lichtgeräten gab es am Boden vorbereitete Brennstellen, die kleine Brandteile enthielten. Beim Angriff wurden sie angezündet, sodass man von der Luft den Eindruck hatte, ein Ziel getroffen zu haben.

Radargeräte machten Scheinanlage unbrauchbar

"Venezuela hat mehrfach funktioniert", betont Prothmann. "Es wäre nicht richtig zu behaupten, dass die Scheinanlage nichts genutzt hat. Zwischen Juli 1940 und Mai 1942 fielen bei zehn Luftangriffen die Bomben auf die Scheinanlage, somit wurde ein Teil der Bomben abgefangen!"

Die Engländer betrieben auch solche Anlagen, so Prothmann, und wussten daher, dass es in Deutschland zahlreiche gab. Das hat den Piloten aber im Ernstfall nicht geholfen. Ab dem Sommer 1942 funktionierte aufgrund stark verbesserter Radargeräte die Vortäuschung nicht mehr. Daher wurde Karlsruhe Anfang September 1942 schwer bombardiert. Im Laufe des Jahres 1943 wurden deswegen die Scheinanlagen abgebaut.

Anlagen haben keine Spuren hinterlassen

Das Land ging an den Forst und Bauern zurück und wurde wieder bewirtschaftet. Deswegen sind die drei Anlagen heute nicht mehr sichtbar. "In England wurden Listen von allen entdeckten deutschen Scheinanlagen geführt", sagt Norbert Prothmann. "Die drei Karlsruher Anlagen wurden aber nie entdeckt und tauchen in keiner Liste auf."

Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.9.1942 Erbprinzenstraße/Rondellplatz
Luftangriff auf Karlsruhe am 2./3.9.1942 Erbprinzenstraße/Rondellplatz | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/8/Alben 236/27
Mehr zum Thema
Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

Haben Sie eine Anregung, Fragen zu einem alten Gebäude oder können uns etwas über das frühere Karlsruhe erzählen? Dann schreiben Sie uns per Mail oder per ka-Reporter-Formular. Wir freuen uns auf Ihre Geschichten!

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (25)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    08.02.2019 11:03 Uhr
    Wär aber
    auch was Neues, dass Hitler für den ersten Weltkrieg verantwortlich gewesen wäre....
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   mueck
    (12096 Beiträge)

    08.02.2019 13:26 Uhr
    !
    Natürlich war er dran Schuld, denn er hat ja lieber gemalt als seine genialen Führungsqualitäten damals schon zur Verfügung zu stellen!!!!111elf
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   karl143
    (344 Beiträge)

    02.10.2018 15:39 Uhr
    Das Ganze ist ein uralter Hut
    Sämtliche hier angegebenen Örtlichkeiten mit den Scheinanlagen waren schon vor ca. 7- 10 Jahren in Foren wie "lostplaces" (heute Geschichtsspuren) Thema und wurden auch von hiesigen Hobbyhistorikern bearbeitet und untersucht. Da hat ka-news ja wieder was Top-Aktuelles .
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   egg-stoiner
    (57 Beiträge)

    02.10.2018 13:28 Uhr
    Bombentrichter
    kann man noch heute im Hardtwald zwischen Eggenstein und Blankenloch finden und sehen. In diesen Mulden haben sich Schlammlöcher gebildet und die Wildschweine fühlen sich darin sauwohl.
    So haben die Scheinanlagen doch noch einen Sinn bekommen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Makamabesi
    (3025 Beiträge)

    02.10.2018 12:55 Uhr
    Mein
    Vater hat mir davon erzählt, das die bei der HJ im Sommer einen Scheinflugplatz anlegen mußten. Aus Kies und so.
    Als sie dann fertig waren, haben die Engländer den mit Holz-Bomben Atrappen angegriffen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Leergutmafia
    (429 Beiträge)

    02.10.2018 10:45 Uhr
    Südlich des Halsabschneiderecks
    befand sich der Scheinbahnhof.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   bier2
    (884 Beiträge)

    02.10.2018 08:50 Uhr
    wenn man sich die Fotos anschaut scheint
    die Scheinanlage nicht besonders gut funktioniert zu haben. Also nichts als Schein...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Eine_Armlaenge_Abstand
    (1122 Beiträge)

    02.10.2018 08:09 Uhr
    Da habe ich in ka-news zum ersten mal drüber gelesen - vor einigen Jahren
    Es ist eine Mischung aus Faszination und Horror, vor allem wenn ich das mit den Zeitzeugenberichte der Bombardierung Karlsruhes abgleiche.

    Zum Glück leben unsere Generationen in friedlichen Zeiten.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Joerg_Rupp
    (2715 Beiträge)

    02.10.2018 07:48 Uhr
    spannend
    ich dachte, das weiß jede*r hier. Ich hab das in der Schule gelernt. Und nie vergessen, weil es so faszinierend war
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Svetogor
    (322 Beiträge)

    02.10.2018 11:35 Uhr
    ?
    In welcher Schule hat man das gelehrt? Bei uns wurde nur die aufgeblasene Weltgeschichte gelehrt, von Lokalgeschichte kein Bißchen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 (3 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.