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Karlsruhe "Die höhere Geschwindigkeit ist nicht zu unterschätzen": Gefahr von Pedelecs wird oft falsch beurteilt - gerade von Älteren

In den letzten Wochen haben sich die Meldungen der Polizei gehäuft, bei denen es um Senioren oder ältere Menschen und E-Bikes oder Pedelecs ging. Wie etwa die 79 Jahre alte Frau aus Waghäusel, die ohne erkennbare Ursache gestürzt war und sich dabei schwer verletzt hatte. Oder ein 70-Jähriger, der noch an der Unfallstelle verstarb. Der Grund für die Unfälle: Gerade motorisierte Zweiräder stehen bei Senioren hoch im Kurs. Aber nehmen sie es mit der Sicherheit vielleicht nicht ganz so genau? Oder sind die älteren Menschen mit den schnellen Bikes einfach überfordert?

Der Blick in die Unfallstatistik des vergangenen Jahres zeigt, dass 2017 sieben Personen bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen sind, vier mehr als noch ein Jahr zuvor. Unter den tödlich verunglückten Radfahrern waren zwei Pedelec-Fahrer. Insgesamt kam es zu 1.199 Unfällen, bei denen Zweiradfahrer, egal ob motorisiert oder mit Muskelkraft, beteiligt waren.

Auch 2018 gab es schon mehrere schwere Unfälle im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe (PP KA), bei denen Pedelec-Fahrer beteiligt waren. Das scheint nicht verwunderlich, denn der Trend geht zum elektrisch unterstützten Zweirad. 

Fahrrad
(Symbolbild) |

Mehr Räder auf den Straßen - mehr Unfälle

"Die Zahl der verkauften Pedelecs ist stark gestiegen und die Menschen legen damit auch mehr Kilometer zurück. Das führt sicher auch zu mehr Unfällen", erklärt Christian Büttner vom ADFC Karlsruhe gegenüber ka-news. "Dazu kommt der Faktor, dass immer mehr Senioren ein Pedelec kaufen. Diese Gruppe an Verkehrsteilnehmer weist auch in anderen Bereichen ein erhöhtes Unfallrisiko auf." Laut Unfallstatistik der Polizei wurden 2017 5.798 Personen verletzt, davon 638 Senioren, gleich ob als Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger. 

Fahrradstraße
Bild: Juia Wessinger

"Insgesamt hatten wir 91 Unfälle unter der Beteiligung von Pedelecs, etwa ein Drittel davon waren Menschen über 65 Jahre", sagt Ralf Minet, Pressesprecher bei der Polizei Karlsruhe im Gespräch mit ka-news. Doch viele unterschätzen die Gefahr, die von einem Pedelec oder E-Bike ausgeht: "Da wirken hohe Kräfte, ganz andere physikalische Kräfte und auch die höhere Geschwindigkeit ist nicht zu unterschätzen", so Minet weiter. 

Straßenbahnunfall am Kaiserplatz
Bild: Anya Barros

Das neue Rad kennenlernen und üben

Daher empfiehlt die Polizei ein Fahrtraining zu absolvieren. "Am besten üben, bevor es in den Verkehr geht", legt Ralf Minet den älteren Pedelec-Fahrern nahe. Ungeübte sollen sich abseits des Verkehrs mit dem Gefährt vertraut machen. Dem stimmt auch der ADFC-Experte zu. "Vor allem Wiedereinsteiger sollten sich mit den Techniken vertraut machen. Wer länger nicht Rad gefahren ist, muss das wieder lernen beziehungsweise üben!"

Fahrradfahrer in Karlsruhe
Bild: Thomas Riedel

Christian Büttner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) hingegen findet außerdem, dass man das Problem schon früher angehen müsste. "Da ist der Fahrradhandel gefordert aufzuklären", so der Sprecher des ADFC im Gespräch mit ka-news weiter. Wie wichtig die Beratung ist, weiß auch Rouven Dehm vom Radwerk Karlsruhe. 

E-Bikes und Pedelecs
Bild: Anya Barros

Aufklärung über die Funktion eines Pedelecs

"Wenn Ältere zu uns kommen, dann achten wir zuerst auf die Größe des Fahrrades, denn viele wollen mit den Füßen auf den Boden kommen an der Ampel", erklärt der gelernte Zweiradmechaniker gegenüber ka-news. So müssten sie nicht absteigen. "Sonst ist vor allem klare Aufklärung wichtig: Was macht das E-Bike, wie schiebt der Antrieb das Rad an, wie schnell ist es und dass man besser einen Helm tragen sollte!" Rouven Dehm weiß allerdings auch, dass er niemanden bevormunden kann, sondern nur auf etwas hinweisen. 

E-Bikes und Pedelecs
Bild: Anya Barros

Wenn aber ein älterer Kunde kommt, der sich kaum auf den Beinen halten kann, dann würden Rouven Dehm und seine Radwerk-Kollegen das auch ganz klar ansprechen. "Zum Glück kam das noch nie vor, aber da würden wir schon was sagen, denn wir wollen nicht Schuld sein, wenn dem Kunden etwas passiert!" 

 

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  •   melotronix
    (2922 Beiträge)

    25.10.2018 12:40 Uhr
    inzwischen gibts auch
    Kits zum frisieren. Nicht zu unterschätzen. Damit hat man dann eine Geschwindigkeit die nicht mehr auf Rahmen, Bremsen ...etc. ausgelegt ist.
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    25.10.2018 13:05 Uhr
    Nicht
    auf Rahmen und Bremsen aber auf DAS Bremsen. Das können sowieso die meisten nicht richtig (wer hat schon mal mit dem Auto eine ABS-Bremsung bis zum Stillstand aus über 100 km/h gemacht?) und aufgrund der schmalen Reifen und des geringen Gewichts eines Rades kommt es ja beim Bremsen in einen sehr instabilen Zustand. Und das wird natürlich bei steigender Geschwindigkeit immer schwerer beherrschbar.
    Aber rein von der Kraft her kann man mit der modernen Scheibenbremse eines Fahrrads theoretisch weiss was wegbremsen.
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  •   stefko
    (2120 Beiträge)

    25.10.2018 13:50 Uhr
    Überschätze mal die Bremsen nicht
    Gerade bei den billigen (Baumarkt) Pedelecs kommen zwei fatale Sachen zusammen, sauschwer in Verbindung mit billigen, ungenügenden Komponenten. Und die meisten schauen wahrscheilich eher was auf dem Schaltwerk steht (hui, Deore) als auf die Bremsen. Diese sind dann seilzugangesteuerter Billigmist, welcher schon nach einmal Waldbronn runter blau angelaufen ist zwinkern
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  •   bier2
    (884 Beiträge)

    26.10.2018 07:21 Uhr
    wenn die Scheibe blau anläuft scheint
    die Bremswirkung ja hoch genug zu sein, geringe Bremswirkung keine Wärmentwicklung.

    Damit Scheibenbremsen richtig ziehen müssen die Bremscheiben erstmal richtig heiß gewesen sein..
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    25.10.2018 14:14 Uhr
    Sorry,
    ich vergass dazuzuschreiben: Bei jedem halbwegs guten Rad mit selbstverständlich hydraulischen entlüfteten und funktionierenden Scheibenbremsen. grinsen
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  •   Lipa
    (813 Beiträge)

    25.10.2018 12:30 Uhr
    Statistik
    "Laut Unfallstatistik der Polizei wurden 2017 5.798 Personen verletzt, davon 638 Senioren," wird berichtet -- und der Rest sind Junioren. "Insgesamt hatten wir 91 Unfälle unter der Beteiligung von Pedelecs, etwa ein Drittel davon waren Menschen über 65 Jahre"-- und damit zwei drittel unter 65 Jahre.
    Soviel zu diesen Angaben im Bericht. Daraus ergibt sich die Frage: sind nun die Senioren über 65 Jahren an ALLEN Unfällen "schuld" und damit sei der Umgang mit Fahrzeugen aller Art für diesen Personenkreis zu untersagen??
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  •   andip
    (9877 Beiträge)

    26.10.2018 08:49 Uhr
    Statistik 2
    Das Unfälle mit Pedelecs zunehmen, ist kein Wunder, wenn es von denen immer mehr gibt.
    Und bei den Unfällen mit Pedelecs, egal wie alt der Fahrer war, müsste man auch nach der Unfallursache forschen.
    Lag die Ursache nur an den speziellen Eigenschaften des Pedelecs begründet oder wäre der Unfall genauso passiert, wenn man mit einem normalem Rad unterwegs gewesen wäre?
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  •   SagMalWas
    (328 Beiträge)

    25.10.2018 16:34 Uhr
    Senioren und Pedelecs
    Wer regelmaessig mit 25+ Sachen unterwegs ist, sollte auch zu einer Vollbremsung in der Lage sein. Sprich: ausbrechendes Hinterrad und im Notfall auch mal abhebendes Hinterrad sollte man mit umgehen koennen.
    Ansonsten bleibt man in KA nicht lange Unfall- und Verletzungsfrei. Ich wage zu bezweifeln, dass die Reaktion/Koordination fuer so etwas bis ins hohe Alter anhaelt.

    Ansonsten kleine Anekdote. Ich komme von rechts (Vorfahrt), sehe eine schnelle Radlering von links und lege eine Vollbremsung hin. Die aeltere Dame schaut mich vom Pedelec mit grossen Augen und mit einem 'Ohh' auf den Lippen an. Dann ist sie auch schon durchgeflitzt. Lustig war die Reaktion des Ehemannes, der hinterher kam. Der hat langsam gemacht und sich im Vorbeifahren mit den Worten "Entschuldigung, meine Frau...." und einem Schulterzucken entschuldigt grinsen
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  •   Lipa
    (813 Beiträge)

    25.10.2018 16:54 Uhr
    was soll denn der arme
    Ehemann sagen? hat wahrscheinlich eh nix zu sagen. völlig unterdrückt und keine Rechte, weder bei seiner Frau noch auf der Straße. "großes Bedauernis". Und muß auch noch seiner Frau hinterherfahren, weil zu schwach. Das kann auch jüngeren so passieren.
    Im Ernst: Die Unfallstatistiken sagen schon einiges aus, aber was meist "versehentlich" unterschlagen wird, ist, dass die jungen ungeübten Fahrer die meisten Unfälle verursachen und damit die Versicherungsbeiträge nach oben treiben, zum Leidwesen der vorsichtigen Fahrer. Passiv-fahren hat noch NIE geschadet. Und das kann jeder, egal welches Alter der Fahrer hat.
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  •   Greif
    (1516 Beiträge)

    26.10.2018 15:06 Uhr
    Zitat von Lipa Die Unfallstatistiken sagen schon einiges aus, aber was meist "versehentlich" unterschlagen wird, ist, dass die jungen ungeübten Fahrer die meisten Unfälle verursachen

    das ist die hierzulande oft übliche retrospektive Betrachtung mit Bezug auf die Gesamtbevölkerung als Grundgesamtheit.
    Bei rein retrospektiver Betrachtung wäre zwar Sauerstoff atmen tödlich (100% der Verstorbenen haben es gemacht), aber besoffen Autofahren kein Risiko (schließlich sind über 70% der Unfallverursacher nüchtern). Bei prospektiver Betrachtung wird klar, dass Betrunkene fast doppelt so häufig Unfälle verursachen ; denn (einschl. Aufschlag für die Dunkelziffer) "nur" 15% der Autofahrer sind betrunken.
    Bei prospektiver Betrachtung mit ausschließlich Verkehrsteilnehmern als Grundgesamtheit (zur Verdeutlichung: Ein bettlägeriger Pflegefall nimmt nicht mehr am Straßenverkehr teil, auch wenn er offiziell noch Besitzer eines Führerscheins ist) stehen die Senioren deutlich schlechter da.
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