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Karlsruhe Die "Afrosisters" Karlsruhe: Vom Tesa-Film-Schild zum eigenen Haarsalon

Der Unabhängigkeitskrieg in ihrer Heimat Eritrea zwingt die junge Mutter Mebrat Teklesembet und ihre zwei Töchter im Jahr 1982 zur Flucht. Es verschlägt sie schließlich nach Deutschland, genauer gesagt nach Karlsruhe. Dort eröffneten sie 1995 einen Friseursalon für Afro-Haare - und begründet eine neue Familientradition.

Es ist ein langer und steiniger Weg, den sich die damals 28-jährige Mebrat Teklesembet vor 38 Jahren zu gehen entscheidet: Die Flucht aus Eritrea mit ihren zwei Töchtern, voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die erste Station nach ihrer Ankunft in Deutschland: das Flüchtlingsheim am Durlacher Tor in Karlsruhe, denn: In der Fächerstadt lebte bereits Mebrats Bruder.

Von dort aus zieht die kleine Familie weiter in eine Dreizimmerwohnung im ruhig gelegenen Ortsteil Rüppurr. "Unsere ersten Möbel erhielten wir von einem Kindergarten, der direkt unter unserer Wohnung lag", erinnert sich Mebrat im Gespräch mit ka-news.de.

Ihre Bestimmung ist die Selbstständigkeit

Viel Zeit zum Ausruhen und Ankommen in dem ihr noch völlig fremden Land gibt sie sich selbst aber nicht. Mebrat weiß: Ihre Bestimmung ist es, irgendwann ihr eigenes Unternehmen zu leiten. Als sie sieht, dass es in Karlsruhe noch keinen Friseursalon für Afro-Haare gibt, steht ihr Entschluss fest: 1995 eröffnet die junge Mutter daher am Kronenplatz einen Afro-Shop.

Ende der 80er-Jahre kommt Mutter Mebrat Teklesembet (m.) nach Karlsruhe. | Bild: privat

Angst vor dem Schritt in die Selbstständigkeit hatte Mebrat dabei aber nicht. "Wenn es nicht funktioniert hätte, hätte ich noch andere Pläne gehabt, was ich aus dem Laden hätte machen können", erzählt sie.

"Entspannt bleiben und weiter machen"

Leicht hatte sie es deswegen aber trotzdem nicht: Für die Eröffnung ihres Afro-Shops musste sie alle Behördengänge in einer ihr fremden Sprache meistern. Keine Leichte Aufgabe, doch: "Entspannt bleiben und weiter machen", lautet das Motto der Eritreerin.

Auch ihre Töchter Semy und Rima erinnern sich gerne an die Anfangszeit des Friseursalons ihrer Mutter zurück. "Nach der Eröffnung hatten wir immer noch kein Ladenschild. Also haben wir einen kleinen Zettel genommen, schrieben 'Semy's Afro-Shop' drauf und haben ihn mit Tesafilm an die Eingangstür geklebt. Der Zettel hing dort zehn Jahre lang", erzählen die Schwestern und lachen. 

ka-news.de-Mitarbeiterin Sandra Al-Akkad im Gespräch mit den "Afrosisters". | Bild: Hammer Photographie

Die Geduld und der unermüdliche Einsatz der jungen Familie sollte sich schließlich auszahlen, denn schnell stellte sich heraus: Ein Afro-Shop in Karlsruhe - das boomt! Immer mehr Leute  kommen plötzlich in den Laden. Sie wollen genauso so gestylt werden, wie die Musikstars aus den damaligen Videoclips. "Die traditionellen Frisuren, wie Rasta, Cornrows und Dreadlocks, waren total angesagt", erzählt Semy.

"Wir kamen uns vor wie in einem Zauberland"

So verbringen auch die beiden Schwestern den Großteil ihrer Kindheit in dem Haarsalon ihrer Mutter. Dort schreiben sie ihre Hausaufgaben, essen zu Mittag oder treffen sich mit Freunden. "Der Afro-Shop wurde zu einem Teil von uns", erinnert sich Semy.

Bild: Hammer Photographie

Besonders die intensiven Gerüche des Ladens sind den beiden dabei im Gedächtnis geblieben. "Es war der Duft von Kakaobutter und Kokos. Wir kamen uns vor wie in einem Zauberland", strahlt Rima. Schnell sind sie selbst fasziniert davon, was man mit Haaren alles machen kann.

"Das muss die Welt erfahren", denken die Schwestern sich, durchstöbern die Zeitschriften und testen die unterschiedlichsten Frisuren aneinander aus. Als Freunde und Bekannte das sehen, wollen sie selbst genau so gestylt werden - und die Idee von einem eigenen Laden war geboren.

Afrikanische Kultur stärkt selbstständige Frauen

2003 geht der Traum von der Selbstständigkeit für die damals 23-jährige Rima schließlich in Erfüllung: Sie eröffnet mit "Afrosisters" ihren eigenen Salon in der Karlstraße. Kurz danach steigt auch Schwester Semy ein, die zuvor bei einem Friseur in Bruchsal gearbeitet hat.

"Es war aber nicht nur der Afroladen unserer Mutter, der uns dazu gebracht hat, uns selbstständig zu machen", sagen die beiden im Gespräch mit ka-news.de. Auch die Kultur und ihre Vergangenheit in Eritrea haben sie in ihrem Weg bestärkt.

So waren neben ihrer Mutter Mebrat auch ihre Großmutter, ihr Vater, ihre Tanten und Onkel selbstständig. "In Afrika ist es so, dass sich die Menschen schneller selbstständig machen und sich ausprobieren", erzählt Semy.

Bild: Hammer Photographie

"In Eritrea unterstützen sich die Frauen gegenseitig und reichen sich die Hand. Sie schließen sich zusammen und engagieren sich neben ihrer Rolle als Mutter, Tochter und Geschäftsfrau politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich, stellen beispielsweise Veranstaltungen auf die Beine."

Projekte, Workshops, Kunst - mehr als nur Haare stylen

Fasziniert und inspiriert von der in Deutschland neuen sogenannten "Natural Hair-Bewegung" beteiligen sich heute auch Rima und Semy an der afrikanischen Kulturszene. "Wir erschaffen neue Dinge mit anderen Künstlern und beobachten, welche Form diese Dinge annehmen", erklärt Rima.

Die "Natural Hair-Bewegung" bezeichnet dabei die vor einigen Jahren gestartete Initiative afroamerikanischer Stars wie Beyoncé, zu ihren natürlichen Afro-Haaren zu stehen.

Mit Spannung wird der Auftritt der schwangeren Beyoncé erwartet. Foto: Larry W. Smith
Künstlerin Beyoncé |

"Die Bewegung hat aber nicht nur damit zu tun, seine Haare so zu akzeptieren, wie sie sind. Die Frauen merken auch, wie tief sie in ihrer Identität verwurzelt sind und gleichzeitig auch immer wieder nach ihr suchen", so die "Afrosisters" gegenüber ka-news.de. 

Doch auch außerhalb ihres Friseursalons arbeiten die beiden Schwestern an Projekten: Sie nehmen an afrikanischen Ausstellungen teil und organisieren Haar-Workshops. "Ich lerne viel von den Gesprächen und der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, sie sind alle Freigeister, die etwas neues erschaffen wollen", erzählt Rima begeistert.

"Sie ist unser Vorbild"

Geholfen, all ihre Ziele zu erreichen, hat den Schwestern dabei vor allem die unermüdliche Unterstützung ihrer Mutter. Ihre Entschlossenheit und ihr Wille, immer wieder aufzustehen und sich den Herausforderungen zu stellen - das sind die Eigenschaften, die die zwei an Mebrat am meisten bewundern. 

Denn: Neben dem Krieg und der Flucht aus ihrem Heimatland musste die damals frischgebackene Ladenbesitzerin bald schon den nächsten Schicksalsschlag erdulden: Die Diagnose Krebs. Doch Mebrat kämpft gegen die schwere Krankheit an - kämpft für ihre Kinder und für ihren Shop, der ihre ganze Existenz bedeutet - und kann die Krankheit letztendlich besiegen. 

Ende der 80er-Jahre kommt Mutter Mebrat Teklesembet (m.) nach Karlsruhe. | Bild: privat

Ihren eigenen Afro-Shop am Kronenplatz hat Mebrat Teklesembet inzwischen aufgegeben, um ganz für ihre Töchter da sein zu können. Sie ist die gute Seele im Laden der "Afrosisters", kocht und hilft Rima beim Babysitten ihrer beiden kleinen Söhne. "Sie ist unser Vorbild", sagt Rima und Semy nickt ihr lächelnd zu.

"Es ist wichtig, die richtigen Leute um sich zu haben"

"Wir haben an uns selbst geglaubt und sind hartnäckig geblieben, egal welche Herausforderung sich uns in den Weg gestellt hat. Auch wenn es manchmal nicht gut lief, haben wir weitergemacht und sind dabei aber immer realistisch geblieben", so die beiden Schwestern im Gespräch mit ka-news.de. 

Das hat die heute 35-jährige Semy und die 39 Jahre alte Rima auch der Sport gelehrt. Beide sind schon als junge Mädchen sportbegeistert, Semy ist leidenschaftliche Basketballspielerin und Rima findet ihre Erfüllung im Boxen.

Bild: Hammer Photographie

"Der Sport hat uns beigebracht, Rückschläge wegzustecken, aufzustehen und mit Ausdauer weiter zu machen. Das Leben sehen wir als eine Lernaufgabe", erzählt Rima. Doch vor allem eins habe den "Afrosisters" geholfen: "Es ist wichtig, die richtigen Leute um sich zu haben", sind beide überzeugt und ergänzen: "Denn gemeinsam - so viel steht fest - können wir so viel mehr erreichen!"

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  •   malerdoerfler
    (6056 Beiträge)

    02.03.2020 07:51 Uhr
    "eine neue Familientradition"
    Glückwunsch - solche Leute brauchen wir. Und bzgl. Familientradition wünsche ich ihnen viel Glück für die Zukunft.
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