97  

Karlsruhe Deutsche nutzen immer mehr Nahverkehr - nur die Karlsruher nicht

Immer mehr Deutsche nutzen Zug, Bus und Bahn - das belegen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Die Karlsruher stellen hier in gewisser Weise eine Ausnahme dar: Hier datiert die Bestmarke aus dem Jahr 2012 - obwohl der Verkehrsverbund seit Jahren kräftig in die Verbesserung des Schienennetzes investiert.

Das Auto einfach mal stehen lassen: Mit dieser Forderung wird in der Republik vielerorts dafür geworben, auf den öffentlichen Personennahverkehr oder für kurze Strecken auf das Fahrrad umzusteigen. Damit soll jeder Einzelne einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dass es nötig ist, zeigen nicht zuletzt auch die Berichte über den Dieselskandal oder die vielerorts hohen Werte an Stickoxiden in den Städten.

Jeder Deutsche fuhr im Schnitt 130 Mal Bus und Bahn

Wie aktuelle Zahlen aus Wiesbaden nun belegen, scheinen die Kampagnen für den Personennahverkehr Früchte zu tragen: "Fahrgäste nutzten im Jahr 2017 in Deutschland den Liniennah- und -fernverkehr mit Bussen und Bahnen erstmals über 11,5 Milliarden Mal", so das Statistische Bundesamt. Insgesamt habe man auf diese Weise etwa 11,3 Milliarden Fahrgäste befördert. Das heißt, dass jeder Deutsche rein rechnerisch 130 Mal in einem Bus oder einer Bahn saß. Damit erreicht diese Zahl einen Höchstwert.

 

"Die Zahl der Fahrgäste im Liniennahverkehr ist seit 2004 - dem ersten Jahr, für das vergleichbare Daten vorliegen - kontinuierlich gestiegen", so das Statistische Bundesamt in seiner Veröffentlichung. Die guten Zahlen von regionalen Bus- und Bahnverbindungen seien dabei unter anderem auf eine gestiegene Zahl der Einwohner, Erwerbstätigen, Schüler und Studenten deutschlandweit zurückzuführen. Weiter würden Streckenerweiterungen und Sonderticket-Aktionen ihren Teil zum Wachstum beitragen.

Karlsruher Schienennetz wächst und wächst - die Pendlerzahlen nicht

Der Nahverkehr ist laut diesen Daten in ganz Deutschland eine boomende Branche: Strecken werden erweitert, Pendlerzahlen steigen - eine positive Wechselwirkung. In ganz Deutschland, außer in Karlsruhe: Man erweiterte das Streckennetz der Straßenbahnen, um immer mehr Pendler anzusprechen - bis 2012 klappte dies ganz gut.

Zur Jahrtausendwende wurde die Strecke in der Brauerstraße und zur Europäischen Schule erweitert. 2004 folgte die Erweiterung nach Wolfartsweier und zwei Jahre später fuhren die Bahnen auch in die Nordstadt. Die jüngste Erweiterung des Streckennetzes erfolgt 2012: Seither fahren die Trams über die sogenannte Südostbahn und entlang der Ludwig-Erhard-Allee. Jüngstes Neubauprojekt ist die Erweiterung des Streckennetzes in Knielingen bis 2020.

Die wohl größte Erneuerung seiner Geschichte erfährt das Karlsruher Schienennetz aber seit 2010. Seither wird die Kaiserstraße, das Herz der Innenstadt, untergraben, um die Bahnen unter die Erde zu verlegen und eine schienenfreie Fußgängerzone zu schaffen. 2020 soll es nach aktuellem Stand der Dinge soweit sein und erste Teil des Jahrhundertprojekts - der Stadtbahntunnel - soll in Betrieb gehen. Der zweite Teil, der Auto-Tunnel unter der Kriegsstraße, soll dann ein Jahr später folgen.

Zahl der KVV-Fahrgäste bewegt sich seit Jahren kaum

Die Erweiterung des Streckennetzes sorgte zunächst für steigende Fahrgastzahlen, doch dann bewegt sich Karlsruhe entgegen des bundesweiten Trends. Seit 2012 sinken die Fahrgastzahlen - von der Bestmarke 178 Millionen (2012) auf zuletzt 172 Millionen (2016). Für 2017 liegen noch keine öffentlichen Fahrgastzahlen vor, heißt es vom KVV auf ka-news-Anfrage. Diese Zahl soll erst mit dem Verbundbericht im Juni folgen.

Der KVV schreibt die Fahrgastzahlen für das gesamte Verbundgebiet nieder, das immerhin von Eppingen bis Bad Bergzabern und von Bad Schönborn bis Forbach reicht. Im Verbundgebiet des KVV sind 19 Verkehrsunternehmen länderübergreifend zusammengeschlossen - insgesamt sind es 216 Linien. Dazu gehören auch die Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), welche die Linien im Karlsruher Stadtgebiet betreiben. Wie sieht es speziell hier mit den Fahrgastzahlen aus?

 

 

Ein Blick in die KVVH-Geschäftsberichte zeigt: Bei den Verkehrsbetrieben Karlsruhe sinken die Zahlen ebenfalls - nur etwas später: Hier findet sich das Fahrgast-Rekordhoch im Vergleich zum Verkehrsverbund ein Jahr später, nämlich 2013, mit 115,1 Millionen Fahrgästen. Nach 2013 sinken die Zahlen kontinuierlich -  2016 liegen sie bei 106,4 Millionen. Insbesondere zwischen 2014 und 2015 sanken die Zahlen um über fünf Millionen Fahrgäste...

Trotz Netzausbau und neue Bahnen - Karlsruhe kann sich nicht in den bundesweiten Trend der steigenden Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs einreihen. Über die Ursache lässt sich nur spekulieren - zwar stiegen die Preise in den vergangenen Jahren an, eine sprunghafte Erhöhung, welche den Verlust von vielen Fahrgästen erklären würde, gibt es jedoch nicht.

 

 

AVG stellt Verbindungen ein

Aber: Langfristig wird der KVV-Höchstwert aus 2012 wohl nicht mehr erreicht werden: Bereits im vergangenen Jahr gab die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) bekannt, dass in Zukunft nicht mehr alle Strecken von AVG-Bahnen befahren werden sollen.

So sollen ab 2022 vier Verbindungen gestrichen werden, die dann von Eisenbahnen betrieben werden sollen. Bereits im kommenden Jahr wird eine Linie aus dem Plan der AVG genommen: Auf der S9 zwischen Mühlacker und Bruchsal werden ab Juni 2019 ebenfalls nur noch Züge unterwegs sein, die nicht von den AVG betrieben werden.

Wie sich die Veränderungen auf die Fahrgastzahlen auswirken werden, wird sich zeigen. Im Juni steht fest, ob sich Karlsruhe dem bundesweiten Trend anschließt - oder weiterhin mit sinkenden Fahrgastzahlen zu kämpfen haben wird.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (97)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   teflon
    (2704 Beiträge)

    14.04.2018 08:18 Uhr
    Das Karlsruher Modell hat seinen Zenit
    schon lange überschritten. Zusätzlich zu dem schon von Vielen geschriebenen Negativpunkten kommt noch mit dazu, dass viele Strecken von ihrem Sinn her fraglich sind - das Ganze ist für die gegebene Infrastruktur schlicht viel zu gross geworden. Dazu noch der dogmatische Zwang, dass alles durch die Innenstadt gepresst werden muss - viele Fahrzeiten werden alleine deshalb absurd verlängert, obwohl es schnellere Varianten geben würde .
    Ab 2020 wird das Ganze in seinem Fahrpreis so explodieren, dass es dann für sehr Viele billiger wird, auf jedes andere Verkehrsmittel als den KVV umzusteigen.Und wegen zu erwartender Baumängel im Tunnel und den noch stärker explodierender Betriebskosten (als man es eh erwartet), gebe ich dem Tunnel nicht mal die Lebensdauer der Ludwigshafener Variante (1976 bis 2008). Der blödsinnige Ludwig-Fenrich-Mentrup-Tunnel wird zum kostenseitigen Henkersstrick für den KVV und wird diesem die Luft abdrücken
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    14.04.2018 12:29 Uhr
    Es lebe der Sport!
    sang einst Heinz Fenrich. Oder was das ein anderer?

    Das mit dem Umsteigen auf andere Verkehrsmittel wird allerdings gar nicht so einfach. Sicher lässt sich vieles innerhalb von KA auch mit Rad oder Moped erledigen, aber massenhaft zurück aufs Auto (egal wie angetrieben) wird nicht möglich sein, da ja der Strassenrückbau auch eine beschlossene Sache ist. Durch Nachverdichtung kommen neue Bewohner hinzu, gleichzeitig fallen Verkehrsflächen und Parkplätze weg.

    Es wird das eintreten was ich anderorts bereits geschrieben habe: Die Nutzung des ÖPNV wird dadurch praktisch zu einem Zwang gemacht, man muss den schlechten Service und die Fahrpreiserhöhungen hinnehmen. Und das wird durchgezogen bis auch der letzte aufgibt sich dagegen zu wehren, weil es einfach keinen Erfolg hat.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   dipfele
    (5536 Beiträge)

    14.04.2018 14:42 Uhr
    Schliesslich....
    .... sollen ja die 1,2 Milliarden nicht umsonst ausgegeben worden sein. dazu kommt der Denkfehler des Tunnelsystems, dass aus einigen Stadtteilen die Innenstadt nur durch Umsteigen von oben nach unten
    erreichbar ist.Das werden viele Leute nicht mitmachen.
    Eine ordentliche Nahversorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfes könnte auch dazu beitragen sein Blech stehen zu lassen und auf einen besuch der Innenstadt zu verzichten.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   dolby18
    (3 Beiträge)

    12.04.2018 10:07 Uhr
    Unzuverlässig
    Wir wohnen in der Südpfalz, an der Strecke Wörth-Germersheim. Die Erweiterung des Netzes auf diese Strecke war extrem positiv. Meine Töchter können mit der Schoolcard problemlos nach KA und Umgebung. Meine Frau pendelte früher nach Ka mit der S-Bahn. Gerade durch den morgendlichen Stau auf der Brücke ist der Nahverkehr eine gute Alternative. Mittlerweile faährt sie, und andere Pendler aus dem Bekanntenkreis wieder Auto. Warum? Totale Unzuverlässigkeit der Verbindungen. Dauernde Ausfälle, Verspätungen, Bahn überfüllt,...etc.
    Gerade die anstehende Brückensanierung wäre die Chance für den Nahverkehr um Kunden zu gewinnen. Taktzahl zwischen 6 und 9 Uhr erhöhen. Aber so wie ich es erwarte wird sich nichts ändern. Das Geld wird in der Erde verbuddelt, für die Kunden bleibt nichts mehr übrig. Es ist wirklich ein Trauerspiel!
    Zudem wurden an den Haltestellen digitale Anzeigen angebracht, die Infos sind aber leider nichts wert! Keine Aktualiesierungen, Zuge verschwinden einfach bei Ausfällen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   ralf
    (3669 Beiträge)

    12.04.2018 01:04 Uhr
    Der Karlsruher Nahverkehr ist nunmal unattraktiver geworden
    Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in welcher der Karlsruher Nahverkehr in Deutschland eine Vorreiterrolle einnahm. Eine Zeit, in der man sich ärgerte, wenn mal eine Stadtbahn 5 bis 10 Minuten zu spät kam. Heute freut man sich wenn die Bahn 10 Minuten zu spät eintrudelt ja eher, dass sie nicht ausgefallen ist. Und man konnte damals mit der S4 direkt zum Marktplatz fahren. Zwar sind spätestens seit der derzeitigen Führung von S4, S7 und S8 die großen Verspätungen, die man zur Anfangszeit des Tunnelbaus ertragen musste Vergangenheit, man streift aber die FuZo nur noch. Fährt man zum Samstags-Einkauf auf den KIT-Campus und parkt dort gratis, ist es auch nicht viel weiter. Und wer zum Europaplatz will, findet auch 10 bis 15 Gehminuten von dort entfernt einen kostenlosen Parkplatz. Wenn dann Fahrpreise erhöht werden und die Bahnen nicht zuverlässig fahren, fährt Mancher gleich mit dem Auto. Würde der nextbike-Service funktionieren, könnte man auch am Stadtrand von Auto auf Rad umsteigen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   dipfele
    (5536 Beiträge)

    14.04.2018 14:47 Uhr
    Mir fallen....
    .... spontan über ein Dutzend Parkhäuser rund um Marktplatz und Kaiserstrasse/Euro ein.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   ralf
    (3669 Beiträge)

    15.04.2018 00:27 Uhr
    Kann halt ins Geld gehen
    Mich freut es, wenn die Anderen bequem sind. Bleiben mehr zentrumsnahe Gratis-Parkplätze frei.

    Habe letztes Jahr mal einige Stunden zwecks Materialtransport in einer Tiefgarage nähe Euro geparkt. Die Rechnung hat mir wieder die Lust genommen, Parkhäuser im Stadtzentrum zu nutzen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   flo-mi
    (432 Beiträge)

    11.04.2018 21:16 Uhr
    Kapazität?
    Vielleicht liegt es auch daran, dass der Takt zu gering ist, um auf das "Beförderungsziel" zu kommen?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Bahnnutzer100
    (216 Beiträge)

    11.04.2018 20:27 Uhr
    Durchschnittsgeschwindigkeiten
    Ein nicht zu unterschätzender Faktor: Die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Straßenbahnen und Stadtbahnen hier werden immer geringer. Z. B. bei der Linie 1 beträgt sie nur noch 17,7 km/h. In anderen Städten liegen die Durchschnittsgeschwindigkeiten bei vergleichbaren Linien in der Regel höher.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   MeisterProper
    (31 Beiträge)

    11.04.2018 19:42 Uhr
    Richtig!
    Und, sorry!

    Aber, auch wenn es unfair ist, mir ist es inzwischen herzlich egal, wer diese "Leistung" erbringt. Die Differenzierung fällt hier für den normalen Kunden, er sich eigentlich nur mit dem Beförderungsergebnis beschäftigt, meist aus. Das geht ja - leider - nicht nur mir so. Wie gesagt, unfair, aber nach mehr als 20 Jahren wirft man halt irgendwann alle und jeden in einen Topf.

    ;)
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 (10 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.