18  

Karlsruhe Der Großherzog flieht, Soldaten kehren heim, Lebensmittel werden rationiert: So erlebte Karlsruhe die schwere Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs

Am 11. November 1918 tritt der Waffenstillstand in Kraft und der 1. Weltkrieg ist damit effektiv zu Ende. Doch in Deutschland herrscht Revolution und Hungersnot, es drohen Bürgerkrieg und Bolschewismus. Soldaten- und Arbeiterräte haben die militärische Macht in den Händen und stellen sich hinter die in Baden neu gebildete vorläufige Volksregierung. Bereits am 9. November wurde die Deutsche Republik ausgerufen.

Sechs Tage nach dem Waffenstillstand an der Westfront wird die Leiche einer etwa 40-jährigen unbekannten Frau aus dem See im Karlsruher Schlossgarten geborgen. Wahrscheinlich lag sie etwa 14 Tage im Wasser. Die Tote trägt einen Ehering mit der Gravierung "K.J. 1901". 

Ob die Frau sich umgebracht hat, weil ihr Ehemann im Feld gefallen oder vermisst ist, oder ob ihr Tod durch einen Unfall verursacht wurde, spielt keine Rolle mehr - nach dem grausamen Massensterben der letzten vier Jahre fällt der Verlust dieses einen Lebens kaum noch auf. Der Vorfall verdient nur ein paar Zeilen im Karlsruher Tagblatt, ganz am Ende der Rubrik mit den lokalen Nachrichten.

Gefallenendenkmal in Kartung bei Baden-Baden
Mit Gefallenendenkmälern, wie hier in Baden-Baden, wird noch heute vielerorts den Opfern des Ersten Weltkriegs gedacht. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

In Karlsruhe entsteht eine provisorische Regierung

Deutschland ist im Umsturz. Ausgelöst durch den Kieler Matrosenaufstand im Norden entwickelt sich die Revolution und die Regierung fürchtet Bürgerkrieg. Vom Osten droht der Schatten des Bolschewismus. In Berlin erklären sich die von der SPD geführten Mehrheitsparteien bereit, die Verantwortung für die neue Regierung zu übernehmen und in Karlsruhe wird die provisorische Regierung vom SPD-Politiker Anton Geiss geleitet. Dieser fordert die Soldaten auf, Ruhe und Ordnung zu halten: "Sicherheit von Leben und Eigentum sind allein unsere Rettung. Unser freies, schönes Land wird zerstört, wenn Unordnung und Zuchtlosigkeit einreißt", heißt es im Karlsruher Tagblatt.

Großherzog Friedrich II.
Großherzog Friedrich II. und Großherzogin Hilda bei einer Fahrt in ihrer Kutsche. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/o0247

Zudem sind durch die Umwälzungen Waffen und Munition in die Hände der Zivilbevölkerung gelangt. Diese sind innerhalb drei Tagen beim Bürgermeisteramt abzugeben, heißt es weiter in der Zeitung.

Nach dem Krieg herrschte Hungersnot, Freiburg hilft Karlsruhe

In Karlsruhe sind es die nächsten Aufgaben der Regierung, die Verpflegung der Bevölkerung und die Fürsorge für den geordneten Durchgang und Ernährung der zurückflutenden Truppen sicherzustellen. Denn die englische Seeblockade hat in Deutschland zur Hungersnot geführt, und viele Leute kommen mit den geringen Portionen, die sie mit ihren Lebensmittelmarken erhalten, nicht zu recht.

Lebensmittelmarken für Fleisch im Großherzogtum Baden, gültig bis 1. September 1918
Mit solchen Lebensmittelmarken wurden die Menschen oftmals mit dem Nötigsten versorgt. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Kurz nach dem Waffenstillstand schreibt der Badische Bauverein (BBV) in Freiburg an Geiss in Karlsruhe, dass der BBV "mit 88.000 Mitgliedern bereit ist, in Verbindung mit den Behörden an der Rettung Badens und der Bewahrung des badischen Volkes vor der Hungersnot mitzuarbeiten". Der Verein ruft auch die Landbevölkerung auf, alles aufzubieten, um das Land vor Anarchie und Untergang zu bewahren.

"Friede, Freiheit, Arbeit, Brot", schreibt das Karlsruher Tagblatt am 15. November. "Unter dieser Parole hat sich die weltgeschichtliche Umwälzung vollzogen. Doch die wichtigste Frage wird sein, haben wir für diese Millionen [zurückströmenden Soldaten] in dieser kritischen Übergangszeit genug Brot?"

Die Leibgrenadiere an der Somme 1916
Die Leibgrenadiere an der Somme 1916. | Bild: Privatsammlung Katherine Quinlan-Flatter

Die Badische Landwirtschaftskammer will an dem Wiederaufbau der Wirtschaft arbeiten und "stellt rückhaltlos die ganze Kraft ihrer Organisation und Arbeit der provisorischen Regierung zur Verfügung, um die jetzt besonders schwierige Ernährung der Bevölkerung und der Truppen im Gange zu halten". Sie beabsichtigt, die Produktion zu steigern und im Versorgungsnotfall der Regierung Fleisch zur Ernährung der Gesamtbevölkerung zur Verfügung zu stellen.

Wohnungsnot wird zum Problem und der Großherzog muss fliehen

Deutschland muss zudem noch zirka 200.000 Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Dazu stieg die Anzahl der Eheschließungen 1918 so erheblich, dass nun auch Wohnungsnot herrscht. In Karlsruhe werden Wohnungen mit mehr als drei Zimmern durch spezielle Ausschüsse besichtigt, um festzustellen, ob Dachgeschosse in Kleinwohnungen umgewandelt werden, und "überschüssige" Zimmer an Einzelpersonen vermietet werden können.

Großherzog Friedrich II.
Großherzog Friedrich II. und seine Frau. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe/o=285

Für den Großherzog wird die Lage immer gefährlicher. In der Nacht vom 11. auf den 12. November marschiert der am Matrosenaufstand beteiligte Karlsruher Heinrich Klumpp mit einem Trupp Soldaten zum Karlsruher Schloss. Dort feuern sie 54 Geschosse ab, die einiges an Schaden am Schloss verursachen. In der selben Nacht entkommt die großherzogliche Familie nach Schloss Zwingenberg am Neckar und am 22. November verzichtet Großherzog Friedrich II. auf den badischen Thron. Gemäß den als Voraussetzung für günstige Waffenstillstandsbedingungen Forderungen der amerikanischen Regierung, dankt Kaiser Wilhelm II. auch am 28. November ab und geht ins Exil nach Holland.

Gemischte Reaktionen auf die heimgekehrten Soldaten

Im Gegensatz zu Frankreich ist die badische Heimat unzerstört geblieben - die deutschen Truppen haben den Feind vier Jahre lang ferngehalten. Die Resonanz auf die zurückkehrenden Soldaten ist unterschiedlich. In der Regel werden sie - vor Allem in den Grenzgebieten - von der Bevölkerung mit Blumen und Jubel empfangen. In Großstädten jedoch werden den heimgekehrten Offizieren die Abzeichen auf den Schultern in der Öffentlichkeit von jungen Männern abgerissen.

Karlsruhes Feld-Artillerie-Regiment Großherzog (1. Badisches) Nr. 14 trifft am 24. November vom Feld ein, gefolgt vom Hausregiment der Fächerstadt, den 109-er Leib-Grenadieren, am 27. November. Sie marschieren über die Ettlinger Straße zum Marktplatz, wo sie sich aufstellen und vom Oberbürgermeister Karl Siegrist "in herzlicher Ansprache" begrüßt werden.

Einzug in Karlsruhe des Leib-Grenadier-Regiments 109 am 27. November 1918
Einzug in Karlsruhe des Leib-Grenadier-Regiments 109 am 27. November 1918 | Bild: Geschichte des 1. Badischen Leib-Grenadier-Regiments Nr. 109

"Anders, als es jeder von ihnen in vier langen, unendlich schweren Kriegsjahren ersehnte und erträumte", heißt es in der Regimentsgeschichte der FAR 14, "aber stolz und in dem Bewusstsein, stets und überall seine Pflicht gegen das Vaterland erfüllt zu haben, kehrte das Regiment Großherzog in die leider so veränderte Heimat zurück".

"Unsern heimkehrenden Kriegern" aus dem Karlsruhe Tagblatt vom 19.11.1918:

"Nicht das Auge nieder,

Die ich kehret wieder

Tapf’re aus dem Feld,

Braucht euch nicht zu grämen,

Braucht euch nicht zu schämen,

Euch kennt ja die Welt."

Mehr zum Thema
Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de: Alte Seifenfabriken und Milchzentralen oder Eindrücken von der Kaiserstraße aus den 50er Jahren - in der Serie "Es war einmal" nimmt ka-news seine Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Hier finden Sie Gespräche mit Zeitzeugen und Impressionen aus der über 300-jährigen Geschichte der Fächerstadt.

Haben Sie eine Anregung, Fragen zu einem alten Gebäude oder können uns etwas über das frühere Karlsruhe erzählen? Dann schreiben Sie uns per Mail oder per ka-Reporter-Formular. Wir freuen uns auf Ihre Geschichten!

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (18)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   EmilyHobhouse
    (1431 Beiträge)

    14.11.2018 09:47 Uhr
    Kriegserklärung
    Zitat von Flatter Im Gegensatz zu Frankreich ist die badische Heimat unzerstört geblieben - die deutschen Truppen haben den Feind vier Jahre lang ferngehalten.

    Wie kann man heut noch so einen Unsinn verbreiten? Deutschland erklärte am 3. August 2014 Frankreich den Krieg und marschierte in Frankreich ein, nicht umgekehrt!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   dipfele
    (5159 Beiträge)

    11.11.2018 21:36 Uhr
    Warum drohen....
    … Bürgerkrieg und "Bolschewismus"? Weil die nationalen Herrenmenschen sich total überschätzt hatten. Sechs Millionen Tote und Zehntausende von Verwundeten war die Bilanz. Durch den militärischen Grössenwahn war das Land ausgeblutet. Eine neue Regierung musste erst noch geschaffen werden. Als Übergangslösung bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte. Als Folge davon haben wir Gemeinderäte,Kreisräte, Bertiebsräte, Personalräte, Bundesräte, Aufsichtsräte, Regierungsräte.Daneben gibt es noch diverse Beiräte. In unsere Republik wimmelt es nur so von Räten. Also doch eine Räterepublik !!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    11.11.2018 23:10 Uhr
    Die
    Fahrräte werden auch immer mehr...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Rundbau-Gespenst
    (10913 Beiträge)

    12.11.2018 17:27 Uhr
    ja, allein
    in Baden und Schwaben sollen es zusammen 10 Mio Drahtesel sein!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Kruppstahl
    (887 Beiträge)

    12.11.2018 11:27 Uhr
    Von den
    Zentralräten ganz zu schweigen...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   mueck
    (10304 Beiträge)

    12.11.2018 12:21 Uhr
    !
    Im Auftrag des Zentralrats der Fliesentischbesitzer empöre ich mich hiermit!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   107
    (342 Beiträge)

    11.11.2018 18:58 Uhr
    Waffenstillstand seit 11.11.1918 und
    der gilt auch jetzt noch.

    Allein und nur ein völkerrechtlich verbindlicher Friedensvertrag kann einen Kriegszustand ablösen.
    "Germany is an occupied country and it will stay that way." Obama, 5.6.2009 US Airbase Ramstein.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Hail_Mary
    (174 Beiträge)

    11.11.2018 22:14 Uhr
    Wenn ein Dummschwätzer
    +++ Das Posting enthält beleidigende Inhalte und wurde daher von der Redaktion gesperrt +++
  •   dipfele
    (5159 Beiträge)

    11.11.2018 21:20 Uhr
    Der Friedensvertrag.....
    … wurde ein Ahr später geschlossen ! Nur für das Ende Weltkrieg II gibt es keinen. Nur einen 2+4 Vertrag.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   malerdoerfler
    (5090 Beiträge)

    11.11.2018 20:41 Uhr
    Obama!!!
    Unser viel geliebter Obama!!!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 (2 Seiten)

Schreiben Sie Ihre Meinung
Fett Kursiv Link Zitat Sie dürfen noch Zeichen schreiben
Informiert bleiben: