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Karlsruhe Bis der Zug kommt: Gefährlicher Selfie-Trend erreicht Karlsruhe

Es ist ein gefährlicher Trend, der sich aktuell in den sozialen Netzwerken ausbreitet: Selfies auf Bahnschienen. Überwiegend junge Frauen fotografieren sich auf den Gleisen - als besonderer Kick gilt dabei, den herannahenden Zug im Hintergrund zu haben. Anfang Juli löste eine Selfie-Aktion eine Zug-Notbremsung bei Offenburg aus und auch in Karlsruhe ist die Polizei angesichts des Trends beunruhigt.

"In unserem Zuständigkeitsbereich haben wir seit letztem Jahr vier solcher Selfie-Fälle, die uns gemeldet worden sind", so Pressesprecherin Carlin Bartelt von der Bundespolizeiinspektion Karlsruhe. Besorgniserregend: Bei dem Fotografie-Trend handelt es sich hauptsächlich um ein Phänomen unter jungen Frauen: "Es ist eindeutig ein Trend zu erkennen, dass es hauptsächlich Mädchen sind", sagt Bartelt im Gespräch mit ka-news.

Je gefährlicher das Bild, desto besser

Dabei gilt: Je gefährlicher die Aufnahme des Bildes ist, desto mehr Anerkennung erfahren die Jugendlichen in den sozialen Netzwerken. Die Gefahr, in welche sie sich dabei begeben, ist den Fotografierenden meist nicht bewusst. Diese Erkenntnis basiert auf aufklärenden Gesprächen, die die Polizei mit den Heranwachsenden führt. "Die meisten sagen, sie kennen die Zugfahrpläne und wissen genau, wann welcher Zug fährt", so Bartelt, "allerdings ist der Zugfahrplan nur ein Anhalt, es gibt zahlreiche Sonder- und Güterzüge, die nicht auf den Fahrplan für Personenverkehr erfasst werden."

Info-Flyer der Bundespolizei zum Download:

Dateiname : Info-Flyer: Fotos im Gleis
Dateigröße : 937.34 KBytes.
Datum : 16.07.2015 12:00
Download : Download Now!

Ein Trugschluss der Selfie-Macher ist auch, dass ein herannahender Zug zu hören ist: "Je nach Wind hört man ihn eben nicht oder so kurz davor, dass es zum Reagieren zu spät ist", weiß Bartelt. Denn die Geschwindigkeit wird oftmals unterschätzt: Ein Zug kann mit rund 160 Stundenkilometern unterwegs sein - das bedeutet er benötigt für eine Strecke von 100 Metern gerade mal 2,27 Sekunden. Hinzu kommt, dass viele Mädchen so fokussiert auf das Fotografieren sind, dass sie ihr Umfeld nahezu ausblenden.

Posen bis der Zug kommt...

Im Kreis Karlsruhe sind alle vier bekannten Fälle von "Gleis-Selfies" bislang glücklicherweise glimpflich ausgegangen. "Vier Fälle klingt zwar nach wenig, aber die Dunkelziffer ist viel höher", so Bartelt. Informiert wird die Bundespolizei in den meisten Fällen durch Reisende, Zugbegleiter oder Personen, die die fotografierenden Mädchen beobachten. Der jüngste Fall liegt erst wenige Monate zurück: Im April 2015 griffen die Beamten drei Mädels im Alter von 14, 15 und 16 Jahren auf, die im Gleisbereich am Bahnhof Graben-Neudorf Selfies machten.

In anderen Bundesländern endete die Fotoaktion auf den Bahnschienen tödlich: 2013 wurden zwei 14 und 15 Jahre alte Mädchen in Lünen (Westfalen) von einem Zug erfasst, 2011 verunglückten zwei Freundinnen (13 und 16 Jahre alt) bei Memmingen. Erste Fälle der "Gleis-Selfies" lassen sich bis ins Jahr 2007 zurückverfolgen, so Bartelt. Damals habe man allerdings noch keinen Zusammenhang zwischen den Bildern und der Todesursache gesehen - man ging von tödlichen Unglücken oder Doppelsuizid aus. Die Verbindung zu den Handyfotos stellte man erst im Nachhinein fest.

Gleise als romantischer Liebesschwur

Warum gerade die Gleise als Motiv bei den Jugendlichen so beliebt sind, darüber gibt es inzwischen ganze Forschungsarbeiten. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München beschäftigte sich Martin Voigt mit dem Thema. Er sieht in der romantischen Symbolik der Gleise ein mögliches Motiv der Mädchen: "Bahngleise laufen immer parallel - wie ein Paar, das sich niemals trennt", wird er in einer Infobroschüre der Bundespolizei zitiert. Nicht selten unterstützen extrem dramatische Liebesschwüre wie "Auch wenn jetzt ein Zug kommen würde... ich würde deine Hand nie loslassen" das gepostete Foto.

Inzwischen führt die Bundespolizei regelmäßig Präventionsmaßnahmen zu diesem Thema durch - bei öffentlichen Veranstaltungen und in Schulen. Von einem Abebben der Gleis-Selfies gehen die Beamten jedoch nicht aus: "Der Trend wird auf keinen Fall abnehmen", lautet die Einschätzung von Bundespolizeibeamtin Bartelt. Die Befürchtung ist, dass er mit der steigenden Bedeutung der sozialen Netzwerke zunimmt: "Junge Mädchen sind der Meinung, dass man sich immer mehr überbieten und noch besser als die anderen darstellen muss. Das beste Bild, der beste Inhalt - das ist wichtig für die Jugendlichen. Daher gehen wir nicht von einem Rückgang in diesem Bereich aus."

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