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Karlsruhe Bahn-Fahrer packt aus: "Die AVG schafft fast sklavenähnliche Zustände"

356 Fahrer und 20 Leiharbeiter sind für die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) in und um Karlsruhe unterwegs. Doch das Unternehmen kämpft immer wieder mit Personalengpässen. Ein Problem, das hausgemacht sei, wirft ein Triebfahrzeugführer seinem Arbeitgeber vor.

Schon als Kind hatte Martin ein Ziel: Eines Tages wollte er als Lokführer arbeiten. Der Traum des Jungen sollte sich als Erwachsener tatsächlich erfüllen. Martin bewarb sich, machte eine Ausbildung bei der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), bestand die Prüfung zum Triebfahrzeugführer. "Ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt", schildert er. Seit mehreren Jahren ist er nun für die AVG in der Region unterwegs. Vom einstigen Traumberuf ist inzwischen aber nur noch wenig geblieben. 

Martin heißt in Wirklichkeit nicht Martin. Er möchte seinen Namen nicht öffentlich nennen, da er Konsequenzen durch seinen Arbeitgeber fürchtet. Denn dieser, so schildert der AVG-Fahrer, mache es seinen Mitarbeitern alles andere als leicht.

"Wie soll ich 200 Überstunden abbauen?"

Vor allem die Arbeitszeiten würden für ihn und andere Kollegen zur Belastungsprobe. Arbeiten als Bahnfahrer bei der AVG, das heißt vor allem Arbeiten im Schichtbetrieb. Wie lange ein Fahrer unterwegs sein darf, ist tariflich geregelt. 468 Minuten - so lange soll ein Fahrer laut Arbeitsvertrag im Einsatz sein. Nach Aussage der AVG kann diese Minutenzahl im Rahmen der Planung kürzer oder länger dauern. "7,8 Stunden beträgt meine Arbeitszeit eigentlich. In der Realität bin ich aber eher neun bis zehn Stunden im Einsatz", erklärt Martin.

Das zeigt auch ein Auszug aus einem Arbeitsplan, der ka-news vorliegt. Statt 468 Minuten Einsatzzeit sind hier fast ausnahmslos Schichten mit 500, gelegentlich auch fast 600 Minuten eingeplant. Unter 468 Minuten kommt der Triebfahrzeugfahrer nur gelegentlich. Diese bekommt Martin zumindest bezahlt. Doch bei diesen Zeiten bleibe es im Alltag nicht. Bei Verspätungen häufe man als Bahn-Fahrer schnell Überstunden an, meint Martin.

Diese ließen sich oft aber gar nicht vermeiden. "Die Zeiten der Fahrpläne sind viel zu eng getaktet", kritisiert er. Wenn dann ein Fahrgast die Tür aufhalte, sei die Verspätung sichere Sache. "Das zieht sich dann über den Tag wie ein Rattenschwanz", so Martin. Eine Stunde, das klinge erst Mal nicht nach viel, meint der Triebfahrzeugführer im Gespräch mit ka-news. "Das häuft sich dann aber an." Die Überstunden abbauen? "Wie soll das bei 200 angesammelten Überstunden gehen?"

Schichtarbeit, Überstunden und Reservedienste fordern nach Martins Beobachtungen ihren Tribut. "Durch die Prüfung fallen zukünftige Lokführer durch, wenn sie etwas tun, was betriebsgefährdend ist - aber die AVG schafft durch ihre dauerhaften Überstunden und die fast schon sklavenähnlichen Verhältnisse erst Betriebsgefahren, weil die Fahrer übermüdet sind", prangert Martin an. 

Ist Lokführer nicht gleich Lokführer?

Doch nicht nur die Arbeitszeiten, sondern auch die Ungleichbehandlung unter den Fahrern durch die AVG ärgert Martin. Das Einstiegsgehalt eines Triebfahrzeugführers liegt bei 2.450 Euro. Hinzukommen können je nach Schichtarten zirka 300 Euro an Zulagen. Wie die AVG bestätigt, hängt die Bezahlung eines Fahrers davon ab, nach welchem Tarifvertrag er bezahlt wird. "Die Kollegen im GDL-Tarif erhalten mehr Lohn", erklärt Martin. Wer nach ETV-Tarif bezahlt wird, erhalte deutlich weniger. 

Wer sich etwas dazuverdienen wolle, dem würden weitere Steine in den Weg gelegt, meint Martin. Man bekomme zwar eine Genehmigung, werde aber darauf hingewiesen, dass eine Sechs-Tage-Woche nicht mehr als 48 Arbeitsstunden haben dürfe. "Dabei disponiert die AVG selbst aber gleich mehr!"

Spart die AVG absichtlich an Personal?

Viele Kollegen, die er in seinen Jahren bei den AVG kennengelernt habe, würden inzwischen bei anderen Vekehrsunternehmen arbeiten. Nicht unproblematisch für ein Unternehmen, das immer wieder mit Fahrermangel zu kämpfen hat. Erst in den Sommerferien kam es zu Einschränkungen, da aufgrund von notwendigen Schulungen Personal fehlte. Martin hat nicht den Eindruck, dass sein Arbeitgeber daran etwas ändern wolle. Sein Verdacht: Die AVG wolle ihren Personalstamm nicht vergrößern, um Kosten zu sparen. 

Diesen Vorwurf weist die AVG entschieden zurück. "Er entbehrt jeglicher Grundlage", so ein Unternehmenssprecher, "es war und ist ein zentrales Ziel der AVG, die Zahl der Triebfahrzeugführer kontinuierlich weiter zu erhöhen. Die AVG hat im Verlauf der vergangenen beiden Jahre deshalb mit Hochdruck daran gearbeitet, für den Beruf des Triebfahrzeugführers zu werben, neue Triebfahrzeugführer auszubilden und diese anschließend direkt in den regulären Fahrdienst zu übernehmen." 

Im vergangenen Jahr wurden bei der AVG nach eigener Aussage 63 neue Triebfahrzeugführer neu eingestellt. 36 Mitarbeiter fehlen derzeit noch, um einen ausgeglichenen Personalstand zu haben. Wie lange Martin noch zu ihnen gehören will, das weiß er nicht. Die Hoffnung, dass sich sein Betriebsrat für ihn und andere Fahrer stark macht und an den Arbeitsbedingungen etwas ändern wird, hat er inzwischen aufgegeben. 

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  •   Zuglenker
    (59 Beiträge)

    22.01.2017 11:00 Uhr
    Kommentare Teil 3
    Alle guten Dinge sind drei.

    Arbeitskleidung wird gestellt ja. Die eigene Arbeitsordnung sagt in der Kleiderordnung was an Sicherheitskleidung vorgeschrieben ist. Aus Kostengründen haben wir die aber nicht vollständig.

    unsere eigene Ausbildung ist so schwer das sie nicht jeder schafft. Mehr Mühe geben und mehr auf die neuen Eingehen würde helfen.

    Aufstiegsmöglichkeiten sind für kritische Kollegen nicht gegeben. "Ja Sager" werden bevorzugt genommen. Die sind nicht so anstrengend.

    Weiterbeschäftigung bei Fahrdienstuntauglichkeit. Vorrausgesetzt mind 15 Jahre in der AVG und mind 40 Jahre alt. Posttraumatischen Stress nach einem Unfall oder Selbstmord bitte erst nach vollendung der Vorraussetzungen

    Wer also lust hat unsere Interne Ausbildung zu starten ist herzlich willkommen.
    Werdet teil von "ist doch alles nicht so schlimm" Aber eins Stimmt der Job Lokführer ist geil.

    Das reicht fürs erste
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  •   Zuglenker
    (59 Beiträge)

    22.01.2017 10:50 Uhr
    Kommentare Teil 2
    Weiter gehts:

    Gutscheine für Überstunden. Ja 44 Euro im Monat als Arbeitgebergeschenk. Seid Dezember 2017 10 Euro brutto und 5 bis 15 Euro bei Dienste ab 480 Minuten (468 Minuten ist Tarifarbeitszeit) bzw ab 550 Minuten. Das ist brutto. Davon gehen Steuern ab. Wer Unterhalt zahlt wird anders in der Tabelle festgelegt und zahlt mehr. Trotzdem die Frage wie sollen Überstunden und Resturlaub abgebaut werden? In Freizeit geht nicht. Dann fehlt wieder einer. Ausbezahlen geht. Das Problembleibt aber. Es werden neue gemacht.

    Interesant ist diese bonus Zahlungen sind billiger als mehr Personal. Denn Personalkosten und Lohnnebenkosten sind höher.

    Was auch nervt. Jeden Monat kontrollieren wir unsere Abrechnungen. Es gibt viele Systemfehler und bei einigen fehlt am ende was. Wer nicht rechtzeitig konntrolliert hat pech.

    Kollegen auf der S9 haben schon sehr lange an Endhaltestellen Bruchsal und Mühlacker nicht mal eine Personaltoilette. Alternative ist eine zugtoilette falls eine da ist.
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  •   Zuglenker
    (59 Beiträge)

    22.01.2017 10:40 Uhr
    Kommentare
    Hallo Leute,

    Richtig lesen bildet wurde gesagt. Stimmt fällt aber einigen schwer. Sklavenähnliche Zustände steht da. Kommentiert wird Sklaverei.

    Triebfahrzeugführer haben viele Regeln. Diese müssen beachtet werden. Oberstes Gebot Sicherheit vor Pünktlichkeit. Der computer sagt 30 sekunden für halten, ein- und aussteigen dann abfahren. Die AVG hat auch Regeln, hällt diese aber nur ein wenn es von deren Nutzen ist. Der Betriebsrat besteht aus Arbeitgebervertreter. Gibt es nicht? Dann schaut genau hin. Abteilungsleiter und Personalbüro vertreten.

    Totschlagargumente: "woanders ist es auch nicht besser" "Martina wird doch bezahlt" wird etwas falsches richtig nur weil es woanders nicht besser ist? Weil Martin bezahlt wird soll er auf Freizeit verzichten. Wird es besser wenn "Quirulanten" weggehen und nur "Ja Sager" bleiben? Die AVG mag sich nicht mit konstruktiver Kritik auseinander setzen.
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  •   bimmelfuzzi
    (348 Beiträge)

    18.01.2017 17:40 Uhr
    Was mir immer wieder auffällt
    ist dieses Totschlagargument - Er hat es sich ja selber ausgesucht...

    Nun, liebe Forengemeinde. Man sucht sich den Beruf aus, ja. Damit weiß man auch, daß man etwa die Hälfte der Wochenenden arbeiten muß, diverse Feiertage auch. Man weiß auch, daß man sowohl früh um 2:30 aufstehen muß bei Frühschichten als auch, daß man bei Spätschichten erst nachts um 3 wieder daheim ist. Würde sich darüber jemand beklagen, wäre dieses Argument richtig. Aber ich kenne persönlich keinen einzigen Kollegen, der darüber klagt.
    Was ich aber nicht weiß, wenn ich diesen Beruf ergreife, ist, daß ich (wie einige neu eingestellte Kollegen) die ersten 18-24 Monate überhaupt keinen Urlaub bekomme. Was ich nicht weiß, ist, daß ichdurch extrem überlange Dienste in großer Zahl pro Monat 10-25 Überstunden anhäufe (und somit nach einem Jahr schon ca. 200) deren Abbau praktisch unmöglich ist. Was ich nicht weiß, ist, daß der Arbeitgeber wegen chronischer Personalnot die eigentlich im Gesetz vorgesehenen "Ausnahmen"
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  •   Route66
    (1193 Beiträge)

    18.01.2017 19:38 Uhr
    Seh ich ähnlich
    Es ist übrigens gesetzlich nicht erlaubt, den gesetzlich zustehenden Jahresurlaub zu verweigern.
    Und das sollte der Betriebsrat der AVG auch wissen. Und die AVG weiß das auch.
    Aber wie immer...wo kein Kläger...
    Alles Gute Ihnen.
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  •   bimmelfuzzi
    (348 Beiträge)

    18.01.2017 17:45 Uhr
    und weiter
    als Regelfall betrachtet und somit immer wieder sehr kurze Übergänge zwischen den Schichten entstehen. Was ich nicht weiß, wenn ich mich für den Beruf entscheide, ist, daß bei GEPLANTEN Ereignissen (wie seit Monaten feststehenden Baustellen, ja sogar Weihnachten, Silvester, Ostern oder Pfingsten) die entsprechenden geänderten Dienste immer extrem kurzfristig kommen, so daß ein Planung des persönlichen Lebens gar nicht mehr möglich ist.

    Und so weiter und so fort...

    Und wie ein Vorredner bereits sagte - was wäre denn, wenn jeder Lokführer, der dies berechtigt kritisiert, sich einen anderen Beruf suchen würde? Wer würde Euch dann noch durch die Gegend kutschieren? Denkt mal drüber nach!
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  • unbekannt
    (427 Beiträge)

    17.01.2017 09:09 Uhr
    In der Realität bin ich aber eher neun bis zehn Stunden im Einsatz
    Wow – neun bis zehn Stunden nein sowas aber auch …
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  •   Malerdoerfler
    (4450 Beiträge)

    16.01.2017 22:04 Uhr
    Ich möchte nicht tauschen!
    traurig
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  •   Handelsreisender
    (1444 Beiträge)

    16.01.2017 15:26 Uhr
    Noch 36 Zugführer zum ausgeglichenen Personalstand ?
    Heißt das jetzt, die AVG benötigt jetzt noch 36 weitere Zugführer, um "ausgeglichene" Betriebssicherheit zu gewährleisten?

    Mir "schien" schon immer, dass mein Auto das sicherere Verkehrsmittel ist. zwinkern
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  •   heaven
    (815 Beiträge)

    16.01.2017 16:09 Uhr
    Noch Einer
    der den Unterschied
    Zitat von Handelsreisender Noch 36 Zugführer zum ausgeglichenen Personalstand

    zwischen Zugführer
    und Lokführer/Fahrer/Eisenbahnfahrzeugführer/Triebfahrzeugführer
    nicht kennt!
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