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Karlsruhe Außergewöhnlicher Supermarkt: Beiertheimer Tafel hilft auf Augenhöhe

Immer mehr Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Um nicht allein mit dieser Situation kämpfen zu müssen, werden sie von der gemeinnützigen Organisation Deutsche Tafel unterstützt. ka-news hat sich vor Ort in der Beiertheimer Tafel in Karlsruhe umgesehen. Wie funktionieren Strukturen einer Tafel, wo liegen die Herausforderungen und was macht die Beiertheimer Tafel so außergewöhnlich?

Pünktlich um 12 Uhr mittags öffnet die Beiertheimer Tafel in der Marie-Alexandra-Straße 35 ihre Türen. Schon vorher warten bereits einige Dutzend Menschen in der Warteschlange. An diesem Ort bekommen Menschen Lebensmittel zu einen niedrigen Preis.

Seit Mai 2006 richtet sich die Beiertheimer Tafel, die zum Dachverband Deutsche Tafel gehört und vom Caritas-Verband betrieben wird, an Bedürftige, die in Armutsverhältnissen leben. Darunter fallen unter anderem Hartz IV-Empfänger, Rentner mit niedriger Rente sowie Geringverdiener. Wer sich hier meldet, muss als Nachweis zum Beispiel einen Renten- oder Hartz IV-Bescheid vorlegen.

Beiertheimer Tafel versorgt 3.000 Menschen

"Sie bekommen dann eine Kundenkarte mit Lichtbild. Darin wird auch vermerkt, wie viele Familienangehörige jemand mitversorgt. In der Regel ist der Ausweis für ein Jahr gültig", erklärt Ralph Beck, stellvertretender Marktleiter der Beiertheimer Tafel.

Mit etwa 1.800 Kunden gehört die Beiertheimer Tafel nach Angaben Hans-Gerd Köhlers, Erster Vorstand des Caritasverbandes Karlsruhe, zu den größten der Region. "Mit Familienangehörigen sind es sogar über 3.000", ergänzt Beck. Konkurrenzkampf mit anderen Tafeln der Region gebe es aber nicht, so der Vorstand.

Auf Augenhöhe mit den Menschen

Die gemeinnützige Organisation hat im Vergleich zu anderen Tafel-Projekten ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist aufgebaut wie ein Supermarkt. Links und rechts sind Regale mit Konserven, Obst, Gemüse und vielen anderen Produkten. Auch ein Kühlregal ist vorhanden. Ganz vorn, in der Nähe der Kasse, sind zudem gebrauchte Spielzeuge für Kinder gratis erhältlich. Statt einer fertig gepackten Tüte - wie in anderen Tafeln - kann der Kunde hier "frei einkaufen", hebt Beck hervor. Von Montag bis Freitag werden die Menschen täglich zwischen 12 und 14 sowie 15 und 17 Uhr versorgt.

Beiertheimer Tafel: Markt
Ralph Beck, stellvertretender Marktleiter, und Hans-Gerd Köhler, Erster Vorstand des Caritasverbandes Karlsruhe. | Bild: Felix Haberkorn

Durch das Vermitteln eines normalen Einkaufs "steigt das Selbstwertgefühl der betroffenen Menschen", sagt Köhler. "Denn oft ist die Scham zu groß, sich bei einer Tafel Hilfe zu suchen." Hier wird ihnen dagegen so viel Normalität wie möglich geboten: "Die Kunden bekommen nicht eine fertig gepackte Tüte, sondern sie sollen selbst entscheiden, was sie kaufen möchten. Das hat den Vorteil, dass die Leute mit uns auf Augenhöhe sind", beschreibt Köhler das Konzept.

Ein symbolischer Einkaufspreis

Ob Kiwis oder Bananen für fünf Cent, eine Tüte mit vier Brötchen für 20 Cent oder eine Packung Wurstaufschnitt für 50 Cent - alles ist hier günstig. Die Preise entsprechen in etwa 10 bis 30 Prozent vom gewöhnlichen Discounter-Preis. "Die Menschen können hier zu einem symbolischen Wert einkaufen, was sie sich leisten können und haben danach noch Geld übrig für anderes", sagt Köhler.

Unbegrenzt einkaufen geht jedoch nicht. Schließlich soll die Ware für alle Kunden reichen. An der Kasse wird entschieden, ob jemand zu viel im Korb hat. "Eine Kundin, die drei Personen in ihrer Familie mitversorgt, kann natürlich mehr mitnehmen als jemand, der nur für sich allein einkauft", erklärt der stellvertretende Marktleiter.

Täglich werden mit drei Kühlfahrzeugen zirka 70 Lebensmittelmärkte und Bäckereien angefahren. Hier bekommen die Verantwortlichen Produkte, die kurz vorm Ende des Ablaufdatums stehen oder kleine Schönheitsfehler besitzen und so von den großen Supermarktketten nicht verkauft werden können. Doch Beck macht klar: "Wir unterliegen denselben Qualitätsstandards wie gewöhnliche Supermärkte. So müssen wir auch darauf achten, dass die Kühlkette zwischen Abholung und Anlieferung bei uns erhalten bleibt."

Die Qualität kommt nicht zu kurz

"Das ist unser Kernstück: Wenn es hier nicht läuft, haben wir oben keine Ware", erzählt Beck. Er spricht vom Lagerraum unten im Kellergewölbe der Beiertheimer Tafel. Hier werden die Lebensmittel einer Qualitätskontrolle unterzogen. Denn nicht alles kann bedenkenlos an den Kunden weitergegeben werden: "In einer schwarzen Palette wird alles aufbereitet und aussortiert. Die Ware, die dann in den Verkauf kommt, wandert in eine gelbe Palette" erzählt Beck weiter.

Beiertheimer Tafel: Lagerraum
Im Lagerraum der Beiertheimer Tafel. Hier wird die Ware für den Verkauf aufbereitet. | Bild: Felix Haberkorn

Was nicht verwertet werden kann, landet jedoch nicht einfach im Müll: "Wir schauen, dass wir alles losbekommen", so Beck gegenüber ka-news. Überschüssige Ware wird umverteilt und kommt zum Beispiel Obdachlosenheimen im Raum Karlsruhe zugute. Auch der Karlsruher Zoo profitiert immer wieder von nicht verwerteten Lebensmitteln.

Für viele eine neue Heimat

Neben der Lebensmittelversorgung bietet die Caritas in der Beiertheimer Tafel auch Beratungen bei Schuldenproblemen oder Trennungen an. Denn diese Schicksalsschläge gilt es zu verkraften: "Wenn Beratungsbedarf besteht, sind die Mitarbeiter von Caritas zur Stelle", macht Köhler aufmerksam.

Insgesamt 16 der 43 Helfer sind ehrenamtlich in der Beiertheimer Tafel aktiv. Deutschlandweit helfen bis zu 60.000 Menschen ehrenamtlich in den über 900 Tafeln mit. Doch das Tafelprojekt des Caritas-Verbandes ist auch ein kleines Sprungbrett zurück in die Arbeitswelt.

28 der Karlsruher Helfer beziehen Arbeitslosengeld II: "Sie werden uns vom Jobcenter zur Verfügung gestellt. Dabei achten wir vor allem darauf, die über 50-jährigen unter zu bekommen. Denn diese haben auf dem Jobmarkt nur geringe Chancen. Wir wollen sie teilweise wieder ans Arbeitsleben heranführen. Für die meisten ist es hier wie eine Heimat geworden", so Köhler.

Eine Menge Weihnachtsaktionen

Gerade in der Vorweihnachtszeit gibt es für die fleißigen Helfer viel zu tun. So gab es verschiedene Tütenaktionen in Kooperation mit Supermärkten. Die Einzelhandelskette Real in Karlsruhe-Bulach errichtete dieses Jahr zudem einen Tannenbaum in ihrem Markt mit Wunschzetteln in Höhe von 25 Euro, ausgefüllt von Kindern der Beiertheimer Tafel-Kunden: "Kunden der Real-Filiale haben sie eingelöst, die gewünschten Geschenke, ob Spielzeugauto und Co., gekauft und an der Kasse abgegeben", erläutert Beck die Aktion. Von dort fanden sie dann ihren Weg zu den Kindern.

Die Firma Adler in Karlsruhe stellte ihre Räume an vier Adventssamstagen für einen Kaffee- und Kuchenverkauf zur Verfügung. Am Nikolaustag wiederum wurde von den Verantwortlichen eine warme Gulaschsuppe ausgeschenkt: "Das ging von 12 bis 18 Uhr und dann war die Gulaschsuppe weg", freut sich Beck sichtlich.

Ein Armutszeugnis für Deutschland

Solche Aktionen sind für die Verantwortlichen wichtig. "Schließlich müssen wir auch unser Kosten decken", betont Köhler. Das Meiste wird dabei nach Köhlers Aussage in Eigenleistung vom Caritasverband, durch Verkauf der Lebensmittel sowie durch Kaffee- und Kuchenaktionen oder ähnliches finanziert. Von politischer Seite gibt es zumindest finanziell keine Förderung. "Wohlwollende Unterstützung ja, aber finanziell nein. Alle mögen uns, aber keiner will Geld dazugeben", sagt Köhler mit einem Schmunzeln.

Er und sein Kollege Beck mahnen vor allem die Politik an, in Zukunft noch mehr gegen Armut zu unternehmen. Man dürfe sich nicht nur auf die Tafeln verlassen, erklären die beiden: "Sozialverbände dienen leider zu oft als Lückenbüßer der Politik", kritisiert Beck.

Besonders die Altersarmut macht ihnen Sorgen: "Wir haben momentan einen Anteil von 23 Prozent Rentnern unter unseren Kunden. Tendenz extrem steigend. Wenn sich dort nichts ändert, haben wir ein riesiges Problem. Viele haben über 40 bis 50 Jahre gearbeitet und kommen jetzt mit einem Rentenbescheid von 360 Euro. Das ist für unser reiches Land ein Armutszeugnis", so Beck.

ka-news-Hintergrund

Die Beiertheimer Tafel gehört zur sogenannten "Karlsruher Tafelrunde". Weitere Mitglieder sind die Karlsruher Tafel e.V., die Durlacher Tafel e.V., die Ettlinger Tafel sowie die Tafellogistik Rastatt. Weitere Informationen zur Beiertheimer Tafel gibt es unter http://www.caritas-karlsruhe.de/hilfen-und-beratung/hilfen-in-notlagen/beiertheimer-tafel/beiertheimer-tafel

Wer die Beiertheimer Tafel finanziell unterstützen möchte, kann sich an folgendes Spendenkonto wenden:

Caritasverband Karlsruhe e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 660 205 00
Konto 17 417 00 (Stichwort "Beiertheimer Tafel")
IBAN: DE17 6602 0500 0001 7417 00
BIC: BFSWDE33KRL

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Kommentare (19)
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  •   freigeist
    (499 Beiträge)

    02.01.2018 13:32 Uhr
    Und da wird Uns immer erzählt
    Deutschland sei eines der reichsten Länder.Na ja,Berlin ist und war schon immer eine Insel.
    Wie schnell doch aus der Tafel,damals noch in der Grünwinklerstr,in einem alten Häuschen,mit nur einigen Besuchern schon Ende der 90er imme rmehr ansteigend plötzlich ab der Jahrtausendwende Schlangen ,teilweise in 3 und 4 Reihen,geworden sind.
    Auch Tafeln wurden immer mehr,aber die Politik verschließt weiterhin die Augen davor,Hauptsache das Land ist reich.
    Man sollte um Berlin eine Mauer ,ähnlich wie im Film "Die Klapperschlange"bauen und Berlin endlich vom Rest der Republik trennen.Es is ehe nur das tal der Ahnungslosen und der Menschen,welche immer nach der Devise handeln:Es kann nicht sein,was nicht sein darf.
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  •   hajmo
    (4152 Beiträge)

    02.01.2018 18:24 Uhr
    Deutschland sei eines der reichsten Länder
    Stimmt doch: Wir haben Lebensmittel im Überfluß - sogar zum Wegwerfen - oder zur Beruhingung des Gewissen auch zum Spenden.
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  •   Eckfaehnchen
    (2681 Beiträge)

    02.01.2018 11:02 Uhr
    Hallo ka news
    Ihren obigen Bericht sollten Sie umgehend an den Hosenanzug in Berlin schicken. Vielleicht erbarmt sie sich und überweist eine Spende aus eigener Tasche oder es ändert sich endlich etwas Grundlegendes.
    So kann und darf das nicht weitergehen. Wer 45 Jahre und darüber hinaus gearbeitet hat und dazu noch Kinder erzogen hat, sollte von seiner Rente leben können. Von Almosen leben zu müssen ist entwürdigend.
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  •   Nachteule
    (605 Beiträge)

    02.01.2018 09:37 Uhr
    Der Jubel über neue Tafeln
    ist nichts anderes als reiner Selbstbetrug. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen in diesem Land verarmen, zeigt nicht mehr und nicht weniger als das Komplettversagen des Staates. Mieten werden immer teurer, weil der Staat mit seiner Politik der offenen Grenzen die Nachfrage nach schon vorher zu wnigen Wohnungen immer weiter anheizt. Mehr und mehr Mieter können ihre Nebenkosten nicht mehr bezahlen, weil eine gescheiterte Energiepolitik den Strom immer teurer macht. Der Druck im unteren Lohnsegment des Arbeitsmarktes wird immer größer, weil durch die Politik der offenen Grenzen immer mehr Unqualifizierte in den Arbeitsmarkt drängen. Manche Leute haben schon drei Jobs und es reicht immer noch nicht um die Familie zu ernähren und die Miete zu zahlen. Der Staat verlässt sich wie auch bei den Tafeln in Karlsruhe auf Ehrenamtliche und freiwillige Spender, die es unentgeldlich richten sollen. Diesen Leuten muss man dankbar sein, sonst würde es in Karlsruhe noch viel düsterer aussehen.
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  •   schmidmi
    (1503 Beiträge)

    02.01.2018 10:47 Uhr
    Der Druck auf den Wohnungsmarkt
    hat nichts mit dem Zuzug aus dem Ausland zu tun, sondern liegt an der Landflucht in die Städte, wogegen auf dem Land ganze Gebiete entvölkert sind. Gegen diese Mode kann der Staat recht wenig tun. Oder würden Sie sich Ihren Wohnort gerne vorschreiben lassen?
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    02.01.2018 12:10 Uhr
    Da gibts
    noch ein paar Parameter mehr...
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    02.01.2018 14:29 Uhr
    Die da wären
    unter anderem: Luxuriöse und teure Sanierungen von Wohnungen die sich immer weniger Leute leisten können. Nennt man auch Gentrifizierung. Dazu allgemein teures Bauen und mit Sicherheit auch eine zunehmende Unwilligkeit einen gewissen Arbeitsweg auf sich zu nehmen. Wobei ich überhaupt nicht weiss wo die vielen Arbeitsplätze in der Stadt eigentlich sein sollen. Wenn ich ein paar Kilometer aufs Land ziehe bin ich unter Umständen schneller an meinem Arbeitsplatz in der Randlage der Stadt. Und Stadt- und Landflucht wechseln zyklisch, natürlich muss man da in Dekaden rechnen.
    Und wenn die Stadt voll ist ist sie eben voll. Wohnraum ist eine Handelsware für die die entsprechenden wirtschaftlichen Gesetze gelten. Was ich teuer verkaufen kann verkauf ich nicht billig.
    Wenn ich Mietshäuser hätte würde ich die Miete auch am obersten Rand ansetzen, ist doch logisch.
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  •   dipfele
    (5283 Beiträge)

    02.01.2018 20:08 Uhr
    Also müsse....
    .... das System von Grund auf geändert werden. Aber gerade die, die unter dem System leiden, wollen seltsamerweise keine Änderung.
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    02.01.2018 14:38 Uhr
    Schon allein
    im Bereich Energie muss man erhebliche Rücklagen bilden können. Es werden Gesetze zur Energieeinsparung durchgedrückt ohne dass sich je einer Gedanken drüber gemacht hat wie das eigentlich finanziert werden soll. Und am Bau wird gepfuscht wie eh und je. Von Anfang an meterlange Mängellisten bei Substanz und Installation und nach zehn Jahren brauchst du heute ja schon fast eine Totalsanierung. Kannst du alles selber bezahlen.

    Und jetzt hab ich keine Zeit mehr, muss ja auch was gearbeitet werden.
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  •   schmidmi
    (1503 Beiträge)

    02.01.2018 14:52 Uhr
    Hmmm
    man Haus in KA ist schon bezahlt. War sehr teuer, aber gefällt mir grinsen
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