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Karlsruhe 15 Minuten bis zur Rettung: Doch oft kommt in Karlsruhe die Hilfe zu spät

Man stelle sich das mal vor (oder lieber nicht): Der geliebte Opa erleidet einen Herzinfarkt, man ruft den Rettungsdienst und dann heißt es erst einmal warten! Eigentlich, und das ist vom Rettungsdienstplan des Landes Baden-Württemberg so vorgegeben, muss nach 10 bis maximal 15 Minuten der Rettungsdienst und Notarzt vor Ort sein. Das ist die sogenannte Hilfsfrist. Eigentlich... in Karlsruhe sieht die Realität ganz anders aus.

In und um Karlsruhe sind acht Notärzte stationiert, die im Notfall ausrücken um Leben zu retten. Dabei gilt die gesetzliche Vorgabe zur Hilfsfrist: Nicht mehr als 10, höchstens 15 Minuten, bis der Rettungsdienst vor Ort ist - und diese Zeit muss in mindestens 95 Prozent aller Notfälle eingehalten werden. Doch diese Vorgabe im Rettungsdienstplan ist lediglich eine Planungsgröße, auf die in Einzelfällen kein rechtlicher Anspruch besteht, erklärt Erster Landesbeamter Knut Bühler im Gespräch mit ka-news. Er ist Vertreter von Landrat Christoph Schnaudigel und war bei der vergangenen Sitzung des Bereichsausschuss dabei. So kann er ka-news Auskunft über den gültigen Bereichsplan geben. "Die Quote muss nicht im Einzelfall eingehalten werden, sondern übers Jahr gesehen!", so Bühler weiter.

Rettungsdienstbereich Karlsruhe
Baden-Württemberg hat 34 Rettungsdienstbereiche. Das ist Rettungsdienstbereich für Karlsruhe, der im Bereichsplan festgelegt ist. | Bild: Landratsamt Karlsruhe

Im Stadt- und Landkreis Karlsruhe sind die Zahlen erschreckend. Innerhalb der 15 Minuten erreichten im Jahr 2016 gerade mal 90,7 Prozent der Rettungsdienste in der selbstgesetzten Hilfsfrist ihre Patienten. Bei den ausrückenden Notärzten sieht die Lage noch finsterer aus: Lediglich 88,5 Prozent der Lebensretter kommen in den 15 Minuten zum Notfall. Zahlen, die nun erneut den Kreistagsausschuss des Landratsamtes Karlsruhe beschäftigt haben, obwohl es für den Rettungsdienst keine Verpflichtung gibt, diese Frist einzuhalten.

Erreichen der Hilfsfrist geht seit Jahren zurück

Denn seit 2013 geht die Einhaltung der Hilfsfrist immer weiter zurück, bis zuletzt im Jahr 2016 in lediglich 90,7 Prozent der Einsätze das Rettungspersonal in den 15 Minuten eingetroffen ist. "Eine mögliche Ursache für Karlsruhe ist, denn am Personal hat sich nichts geändert, dass man 2013 das bei uns so gehandhabt hat, dass die Hilfsfrist erst dann begonnen hat, wenn die Disponierung in der Leitstelle losging", sagt Knut Bühler gegenüber ka-news. "Denn eigentlich beginnt die Hilfsfrist bereits mit dem Anruf und endet, wenn das Rettungsfahrzeug vor dem Haus parkt. Doch das erklärt nicht die schlechten Zahlen der folgenden Jahre!" 

Immerhin, durch die neue Stationierung eines Notarztes am Klinikum in Karlsbad/Langensteinbach habe sich die Situation vor allem im Albtal bereits verbessert, so das Landratsamt. Doch was sind die Gründe dafür, dass die 10-minütige Hilfsfrist in gerade mal 90 Prozent der Notfälle eingehalten wird? Neben dem Klassiker fehlendes Personal können auch noch längere Wegzeiten wegen Umleitungen zu Verzögerungen führen.

Weite Wege auf dem Land, Baustellen in der Stadt

Das bestätigt auch der Erste Landesbeamte Knut Bühler. Nicht nur im ländlichen Gebiet, wo der Rettungswagen und Notarzt eine weitere Anfahrt haben, wird immer wieder die Hilfsfrist unterschritten. "Auch in der Stadt Karlsruhe werden die Zahlen der Hilfsfrist nicht erreicht. Ein Grund sind die vielen Baustellen. Hier ist die verkehrliche Wirkung das Problem!" Jedoch spielen auch längere Wartezeiten vor der Notaufnahme oder der Missbrauch des Rettungsdienstes für Krankenfahrten eine Rolle, warum die Quoten zur Hilfsfrist im Stadt- und Landkreis Karlsruhe nicht eingehalten werden können. "Wir müssen also das Gesamtsystem betrachten, die gesamte Rettungskette", so Bühler weiter. 

Um die Zahlen und das Erreichen der Hilfsfrist wieder zu verbessern, hat der Bereichsausschuss, bestehend unter anderem aus Landkreis, Stadt und dem leitenden Notarzt, den 17 Jahre alten Bereichsplan aktualisiert. Der definiert den Rettungsdienstbereich, die Standorte die Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) und wie viel Personal vorgehalten werden soll. Für den Rettungsdienstbereich Karlsruhe sind das über 4.615 Vorhaltestunden pro Woche. Davon übernimmt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mehr als 2.230 Wochenstunden. Der Rest der Stunden entfällt auf den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), den Malteser Hilfsdienst und ProMedic.

Vorhalteplan Rettungsdienst Karlsruhe Bereichsplan
Im Bereichsplan steht der Vorhalteplan für den Rettungsdienst Karlsruhe festgeschrieben. | Bild: Landratsamt Karlsruhe

Seit Januar 2017 ist nun schon der neue Bereichsplan in Kraft, doch verlässliche Zahlen fehlen noch. "Wir erhoffen uns dann nicht nur Details zu den Hilfsfristen, sondern auch anderen Problemen, die wir dann noch angehen müssen", sagt Knut Bühler vom Landratsamt Karlsruhe im Gespräch mir ka-news. "Doch die Einhaltung der Hilfsfrist ist ein gutes Indiz dafür, ob unser System funktioniert!" Er hofft, das bald die Zahlen für das Jahr 2017 vorliegen werden. "Ich erwarte jedoch, dass wir immer noch unter der 95 Prozent-Hürde liegen werden. Das liegt daran, dass der neue Bereichsplan erst seit letztem Jahr gilt und erst dann mit der Umsetzung begonnen wurde", schlussfolgert Bühler. Dann hofft er, die Probleme lokal eingrenzen zu können, um so noch besser gezielte Maßnahmen ergreifen zu können.

ka-news Hintergrund: Der Rettungsdienst in der Stadt Karlsruhe und im Landkreis organisiert sich selbst und hat eine Selbstverwaltungsaufgabe. Per Gesetz ist geregelt, wie sie sich organisieren. Dabei werden sie durch die Rechtsaufsicht, den Bereichsausschuss, überwacht. 
Der Bereichsausschuss besteht unter anderem aus Vertretern der Stadt, dem Landkreis Karlsruhe und dem leitenden Notarzt. Sie beraten lediglich, denn nur die Kostenträger (Krankenversicherungen) und Leistungsträger (Rettungsdienste wie das Deutsche Rote Kreuz) können über den Bereichsplan abstimmen.
Der Bereichsplan legt die Anzahl der Standorte für Rettungswachen fest, aber auch die Vorhaltungen wie Personal und Ausstattung. Der Bereichsplan muss regelmäßig überprüft und angepasst werden. Zuletzt passierte das in Karlsruhe im Jahr 2016, seit 2017 gilt der neue Plan. 
Die Hilfsfrist gilt in ganz Baden-Württemberg: "Die Hilfsfrist soll aus notfallmedizinischen Gründen möglichst nicht mehr als 10, höchstens 15 Minuten betragen." (§3, Absatz 2 Rettungsdienstgesetz) In 95 Prozent der Einsätze soll diese, über das Jahr gesehen, eingehalten werden. 

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  •   Hollandkaese
    (89 Beiträge)

    13.04.2018 12:34 Uhr
    Wird alles anders....
    ...wenn erst mal dem Horst sein Heimatmuseum richtig in Schwung kommt.
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  •   Suedweschter
    (371 Beiträge)

    13.04.2018 11:00 Uhr
    Auch die Krankenkassen gehören abgeschafft!
    Wir brauchen ein öffentliches Gesundheitssystem mit öffentlichem Rettungsdienst der flächendeckend aufgeteilt ist, so dass diese Vernachlässigung der Landkreise endlich Vergangenheit wird.

    Und die Leute sollen anständig verdienen, so dass es sich wieder lohnt Rettungssanitäter, Krankenschwester oder -Bruder, usw. zu werden.
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  •   diesel
    (24 Beiträge)

    13.04.2018 09:29 Uhr
    Ja
    weil die Zahlen auch nochmal geschönt sind.... Außerdem ist es ein Mittelwert für den Landkreis. Es gibt also den Ballungsraum Karlsruhe wo die Hilfsfrist zu sagen wir mal 97% eingehalten wird und dann die Randgemeinden wo die Hilfsfrist fast nie eingehalten werden kann. Das sind also keine guten Zahlen... und wie gesagt... auch die sind noch geschönt.
    Der Rettungsdienst gehört in die öffentliche Hand und nicht zu einem Verein. Außerdem müsste man den Krankenkassen sagen was sie zu bezahlen haben und nicht von denen sagen lassen wie viel Rettungsdienst man haben darf. Sehr schlechtes System. Die AOK sind die Schlimmsten
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    13.04.2018 09:47 Uhr
    Gut,
    so betrachtet sieht das natürlich schon wieder ganz anders aus.
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  •   betablocker
    (4089 Beiträge)

    13.04.2018 09:11 Uhr
    Natürlich
    kommt es manchmal auf Sekunden an, aber sind die 90,7 bzw 88,5 bei einer Vorgabe von 95% wirklich so schlecht zu bewerten?
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  •   diesel
    (24 Beiträge)

    13.04.2018 09:02 Uhr
    so ein Blödsinn
    Wenn ich sowas lese....
    - die Hilfsfrist ist gesetzlich vorgeschrieben und keine eigene Vorgabe vom Rettungsdienst
    - es gibt viel zu wenig Rettungswagen und zu wenig Notärzte
    - das Personal ist schlecht bezahlt und hat eine zu hohe Belastung
    - Das Personal wird demotiviert und der Krankenstand ist hoch (Ausfall vieler RTW´s)
    - die Menschen rufen wegen jedem Dreck den Notruf statt zum Hausarzt zu gehen (und wissen was sie sagen müssen damit ganz schnell jemand kommt)
    - die Krankenkassen zahlen nicht mehr Personal und nicht mehr Rettungswägen

    Baustellen, Entfernung und die anderen aufgeführten Gründe von oben machen vielleicht nicht mal 1% aus.

    Wenn man mal mitbekommt wie das System läuft und wo was im Argen liegt hofft man inständig den Rettungsdienst nie zu brauchen. Es ist katastrophal und die Öffentlichkeit wird nach Strich und Faden belogen damit es nicht auffällt (von Politik und Verantwortlichen)
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  •   Route66
    (1750 Beiträge)

    13.04.2018 18:13 Uhr
    Vor einigen
    Jahren stand in der Zeit einer toller Bericht mehrerer Rettungssanitäter zu diesem Dilemma. Das ging so weit, dass die Leute mit Schwerstkranken nachts stundenlang durch die Stadt cruisen müssen, weil kein Krankenhaus den Patienten (alt, Herzinfarkt, Kassenpatient) aufnehmen will. Ein Horrorbericht. Und sehr glaubhaft.

    Den Vorschlag hatte ich schon mal gebracht im Hinblick auf überfüllte Notaufnahmen abends und am Wochenende (schliesslich werden hier Kapazitäten verschwendet und wirkliche Notfälle leiden oder sterben) : ein jeder Patient, der den Notarzt anruft oder in die Notaufnahme geht, weil er zu faul war zum Hausarzt zu gehen und nur eine Lapalie hat, der löhnt. Und zwar richtig. Die Kasse sollte diese Kosten dann nicht übernehmen. Der Patient bekommt die Rechnung vom Krankenhaus und Rettungsdienst und die können damit mehr Personal einstellen. Dann hört dieses asoziale Verhalten ganz schnell auf. Ein Mensch stirbt weil man bequem ist.... Echt...
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  •   Der_Sprayer
    (291 Beiträge)

    13.04.2018 08:33 Uhr
    Dass diese Frist innerhalb Karlsruhe
    überschritten wird, liegt sicher nur daran, dass in Karlsruhe alles gegen Autofahrer getan wird, was möglich ist und da der Rettungsdienst nunmal mit dem Auto kommen muss, wird auch der durch alle mehr oder minder unsinnigen Verkehrsmassnahmen eingebremst.
    Aber vielleicht kommen die Retter irgendwann auch mit dem Fahrrad, dann wird es wieder schneller gehen.
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  •   ralf
    (3653 Beiträge)

    14.04.2018 03:32 Uhr
    Radfahren in Karlsruhe
    Das läuft dann wieder so: "Fahren wir mal die Kriegsstraße von Westen nach Osten. Oh, da ist der Fußweg für Radfahrer freigegeben. Bleiben wir lieber auf der Fahrbahn, da wir nicht wissen, ob der Fußweg in einer Baustelle endet oder uns Fußgänger vors Rad wanken, hier dürfen wir ja auch weiterfahren. Oh, nun ist der Fußweg gesperrt und vom Fußweg kommend ein Schild, dass die Zufahrt auf die Kriegsstraße mit dem Rad verbietet. Ja dürfen wir dann überhaupt da weiterfahren? Verbotsschild gabs Keines und eine nun passable Alternative auch nicht. Also mal weiter radeln und hoffen, dass ein ausgehupt werden oder eine Diskussion mit einem unwissenden Polizisten ausbleibt."
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