6  

Karlsruhe Karlsruher Geschichtsstunde: Der Landgraben

Bei einem normalen Stadtbummel überquert man ihn etliche Male, man nutzt ihn täglich und doch bleibt er stets verborgen: Der Landgraben. Er ist nicht nur Karlsruhes ältestes Gewässer, sondern auch das größte, zugleich älteste Bauwerk der Stadt - und obendrein äußert geschichtsträchtig.

Schon über 100 Jahre, bevor "Carlsruhe" gegründet wurde, war unter Markgraf Ernst Friedrich der offene Landgraben vom Schloss Gottesaue bis Mühlburg angelegt worden, um die sumpfigen Wiesen zwischen Durlach und Ettlingen zu entwässern.

Nachdem unter Stadtgründer Karl Wilhelm von Durlach ab 1715 der "Fächer" entstanden war, musste die klare Symmetrie bei der ersten Stadterweiterung des "Dörfles" (südlich der heutigen Kaiserstraße) für den Landgraben aufgegeben werden: Noch heute kann man an der Dreiecksform des Lidellplatzes und des Ludwigsplatzes erkennen, wie diese Wasser-Hauptschlagader das Stadtbild mitprägte. Ebenso die Vorgärten in der Durlacher Allee, die zweispurige Sophienstraße, der schräge Verlauf der Südseite des Rathauses – all dies sind Auswirkungen des Gewässers, welches Karlsruhe von Osten nach Westen durchfließt.

"Tricksender Müller" trug zur Verschlammung bei

Rund 50 Jahre nach der Stadtgründung war der Graben bis zur Pfinz verlängert worden. Der so genannte "Steinschiffkanal" war ein wichtiger Transportweg für Holz und Steine - den Baustoffen, die eine rasant expandierende Stadt wie Karlsruhe dringend benötigte. Im Jahre 1794 wurde der Kanal dann zum Abwassergraben: Küchen- und Badewasser durften eingeleitet werden, Fäkalien jedoch nicht.

Als zudem einem Müller genehmigt wurde, eine Mühle zu errichten, verschlimmerte die ständige Stauung die Verschlammung des Gewässers, welches bereits durch sein relativ geringes Gefälle ein "Abfließproblem" hatte. Laut Paul-Gerhard Reinle vom Karlsruher Tiefbauamt hatte "der Müller zusätzlich ein wenig getrickst" und künstlich mehr aufgestaut, als ihm erlaubt worden war.

Anwohner finanzierten Gewölbe über dem Graben

Die Folge waren enorme Geruchsbelästigungen, unter denen die Anwohner in den Sommermonaten zu leiden hatten. Daher wurden ab 1846 Gewölbe über dem Graben errichtet: Teilweise erwarben die Anwohner das Eigentumsrecht an der Grabenfläche und finanzierten diese "Überdachungen"; bei den an den Straßen gelegenen Passagen bezahlte die Stadt diese Maßnahme. Bald wurden auch Straßenkanäle, so genannte Dohlen, auf einer Gesamtlänge von 14 Kilometer gebaut, welche dem Graben das Straßenwasser auf dem schnellsten Weg zuführten.

Rund 30 Jahre später erhielt Stadtbaumeister Hermann Schück den Auftrag, den Landgraben zu vertiefen und als Hauptsammelkanal auszubauen. Jedoch mussten zunächst die Wasserrechte für 70.000 Mark von dem Müller erworben werden, um den für den Aufbau hinderlichen Aufstau beseitigen zu können. Diese Summe entspräche heute dem stolzen Betrag von über einer Millionen Euro.

Nazis nutzten Landgraben als unterirdischen Fluchtweg

Nachdem sich das Wasserklosett Ende des 19. Jahrhunderts sehr schnell durchgesetzt hatte, wurde die Kanalisation für die Fäkalienabschwemmung ausgebaut. 1913 nahm dann das Klärwerk seinen Betrieb auf und sieben Jahre später war der Ausbau der Sammelkanäle abgeschlossen. Noch bis heute bildet der Landgraben die wichtigste Entsorgungsader dieser komplexen Verästelung, die eine Gesamtlänge von über 1.100 Kilometern hat.

Der Landgraben unterquert im Innenstadtbereich einige Häuser und verläuft auch nördlich des Polizeipräsidiums am Marktplatz. Im Zweiten Weltkrieg schufen sich die Nationalsozialisten eine Fluchtmöglichkeit in Richtung Rheinhafen beziehungsweise Durlach, indem sie im Keller des Gebäudes einen Durchbruch zum Graben einrichteten. Der Fluchtweg, den einer der Nazis dann auch nutzte, entwickelte sich jedoch zu einer Falle: Am Auslass beim Messplatz hatte man ein Gitter angebracht.

Seit 2002 können Interessierte am Lameyplatz in die "Unterwelt" hinabsteigen und sich selbst ein Bild von Karlsruhes Wasserlinie machen. An dieser Stelle mündet der Landgraben in zwei Kanäle, die in Richtung Kläranlage führen; ein Überlauf führt geradeaus in die Alb. Schon über 6. 600 Besucher konnten sich unterhalb des Natursteingebäudes von Paul-Gerhard Reinle und seinem Kollegen Günter Hörrle die ganze Geschichte der wässrigen Hauptschlagader erzählen lassen.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (6)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   80er
    (5611 Beiträge)

    03.05.2009 16:03 Uhr
    Jep....
    meine Vorschreiber haben es auf den Punkt gebracht. Dies wäre auch so eine Nische, wo ka-news gegenüber der BNN "punkten" könnte....
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (91 Beiträge)

    03.05.2009 09:11 Uhr
    kann mich ...
    ... nur anschließen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (9 Beiträge)

    02.05.2009 18:47 Uhr
    super
    mehr davon!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   robertdaxxtor
    (160 Beiträge)

    02.05.2009 17:48 Uhr
    Bravo!
    Endlich mal auch etwas Historisches zu Karlsruhe, der alten Residenzstadt! Leider gibt es hierzu nur selten Artikel... Schließe mich den anderen an - gerne mehr davon!

    Es gibt viele interessante Geschichten rund um unsere schöne Stadt. Und viele Bürger kennen nicht mal ihren Stadtteil...

    Ergo: Bitte mehr aus Karlsruhes ruhmreichen Zeiten!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (456 Beiträge)

    02.05.2009 12:48 Uhr
    Wäre begrüssenswert...
    wenn man hier ein bißchen auf "Heimatkunde" machen könnte. Sehr, sehr schön! grinsen
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   tok
    (7205 Beiträge)

    02.05.2009 10:16 Uhr
    Sehr guter Artikel
    bitte mehr davon
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Schreiben Sie Ihre Meinung
Ein neues Posting hinzufügen
Fett Kursiv Link Zitat
Sie dürfen noch Zeichen schreiben