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Karlsruhe Jubiläumsjahr 2006

Am 5. Januar 1757 erschien die erste reguläre Ausgabe des "Carlsruher Wochenblatts" (Foto: ka-news)
In dem noch jungen Jahr 2006 steht der Fächerstadt ein ganz besonderes Jubiläum ins Haus. Denn vor bald 250 Jahren begann in Karlsruhe ein wichtiges Stück Kulturgeschichte: Im Dezember des Jahres 1756 erschien die erste Ausgabe der ersten Karlsruher Zeitung: das "Carlsruher Wochenblatt" war geboren.

Herausgeber war Michael Macklot, dessen Vorfahren über Frankreich aus Schottland gekommen waren, und der Mitte des 18. Jahrhunderts die Karlsruher Filiale des berühmten Buchhändlers und Verlegers Cotta leitete. Als Ankündigung des neuen "Carlsruher Wochenblatts" gab Macklot am 29. Dezember 1756 eine erste Probenummer heraus. Am 5. Januar des darauffolgenden Jahres lief der Druck der Zeitung unter dem Titel "Carlsruher Wochenblatt oder Nachrichten zum Behuf der Polizey, des Haushaltungs- und Handelswesens, wie auch der Gelehrsamkeit" in seiner künftigen Form an. Es war die Geburtsstunde der ersten Zeitung in der Fächerstadt, und damit der Anfang der bald 250-jährigen Karlsruher Zeitungsgeschichte, deren jüngstes Kapitel - in technischer wie chronologischer Hinsicht - vor knapp sechs Jahren von der Online-Tageszeitung ka-news aufgeschlagen wurde und seitdem fortgeschrieben wird.

Todes-, Geburts- und Hochzeitsanzeigen per Dekret

Auch ein Stück Karlsruher Zeitungsgeschichte: Mit diesem Logo ging ka-news vor knapp sechs Jahren zum ersten Mal online (Grafik: ka-news)
Die erste der über zehn thematischen Rubriken im "Carlsruher Wochenblatt" war selbstverständlich den landesherrlichen Verordnungen vorbehalten, erläutert Christina Wagner in dem Buch "Karlsruhe. Die Stadtgeschichte". Landesherr war damals Karl Friedrich, seit 1746 Markgraf von Baden-Durlach und ab 1806 Großherzog von Baden. Neben Verordnungen und allgemeinen Bekanntmachungen, Meldungen zu Gerichtsprozessen und Einlieferungen in das Pforzheimer Zucht- und Waisenhaus sowie Angaben zu den Durlacher und Karlsruher Marktpreisen enthielt das "Carlsruher Wochenblatt" sogar schon Privatanzeigen und Leserbriefe. Die übrigen Rubriken enthielten Verkaufsangebote und -gesuche, Suchmeldungen oder Leihangebote sowie Stellenmarktanzeigen.

Anfangs stand die Bevölkerung der Publikation von Privatanzeigen allerdings noch misstrauisch gegenüber, schreibt Wagner weiter. Den eigenen Namen gedruckt in einem Blatt zu lesen, dessen Verbreitung man nicht kontrollieren konnte, wurde als Eingriff in die Privatsphäre empfunden. Doch schließlich musste sich die Bevölkerung damit abfinden, Familienangelegenheiten in der Zeitung zu lesen: Per landesherrlicher Verordnung befahl der Markgraf 1758 den Bürgern, Familienereignisse wie Geburten und Hochzeiten im "Carlsruher Wochenblatt" bekannt zu geben.

Macklot - ein "räuberischer" Nachdrucker?

Wie sehr sich das Blatt von heutigen Zeitungen unterschied, zeigt unter anderem ein im "Carlsruher Wochenblatt" abgedrucktes "Gespräch zweyer Oberländischen Bauren" über die in einer vorangegangenen Ausgabe beschriebene Art, Maulbeerbäume zu ziehen. Die beiden Bauern, so Professor Dr. Holger Böning von der Universität Bremen in seinem Aufsatz "Pressewesen und Aufklärung - Intelligenzblätter und Volksaufklärer", sind sich darüber einig, dass die Anleitung nicht viel taugt. So sagt der eine Bauer, in lebensechter Mundart, über den Herausgeber des Intelligenzblattes: "Du hesch rächt; der Blättlys Schryber kahn einander mohl mit sym Zyeg deheime blyben, wenn ers nitt besser verstoht." Der andere Bauer antwortet: "Ho isch wohr, er schrybt eben etwas yne. Fryli äller Anfang isch schwär; doch hett mir der Herr Pfarrer gsayt, er gäb sich rächt wuseliche Mühe, damit üns sy Blötly wohl gfallen mög."

Zur Regierungszeit von Markgraf Karl Friedrich, später Großherzog, erschien die erste Karlsruher Zeitung (Foto: ka-news)
Auch Bücher - Liebesromane, Gedichte und Wissenschaftliches - publizierte Macklot, und scherte sich dabei reichlich wenig um Verleger und Autoren der von ihm herausgebrachten Werke, was in der damaligen Zeit allerdings nicht unüblich war. Ein Urheberrecht gab es noch nicht, und so war die Praxis des "Raubdrucks" weit verbreitet - ein Problem, dem vor allem die Verleger begegnen mussten, ohne dass sie hierfür Rechtsmittel in Anspruch nehmen konnten. Und der Weg zu einem allseits befriedigenden Urheberrecht war noch lange. Bei seinem Besuch in Karlsruhe 1775 schimpfte Goethe über den "räuberischen" Nachdrucker Macklot, für dessen Produkte er die Bezeichnung "Macklotur" prägte - in Anspielung an die Makulatur: schadhaftes, wertlos gewordenes bedrucktes Papier.

Drei Tage Haft für kritischen Journalismus

Einen immensen wirtschaftlichen Vorteil brachte Macklot die Wiedervereinigung der beiden Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach im Jahr 1771, in deren Folge 1774 die baden-badische Landeszeitung, das "Rastatter Wochenblatt", ihr Erscheinen einstellte. Die beiden badischen Blätter wurden im April 1775 zusammengelegt und erschienen fortan unter dem neuen Titel "Allgemeines Intelligenz- und Wochenblatt für sämtliche Hochfürstliche badische Lande". Der Absatzmarkt der von Macklot herausgegebenen Zeitung erweiterte sich dadurch um mehr als 70 Prozent auf 300 bis 400 Bezieher. Für heutige Verhältnisse eine bescheidene Zahl. Allerdings zählte Baden um 1780 nicht einmal 200.000 Einwohner, und nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung über sechs Jahren waren des Lesens mächtig. Vor allem die Landbevölkerung hatte weder Bildung noch Zeit zum Lesen.

Ein knappes Jahr nach dem "Carlsruher Wochenblatt" bekam Macklot ein zweites Zeitungsprojekt von der Regierung genehmigt. Am 23. November 1757 erschien die erste Ausgabe der "Carlsruher Zeitung". Sie sollte die Bevölkerung in erster Linie über den 1756 begonnen Siebenjährigen Krieg informieren, und berichtete später auch über andere europäische Kriege. Eine politische Zeitung also, wenngleich, so Wagner, kontroverse politische Themen vermieden wurden. Oder besser gesagt: vermieden werden sollten, wie in Georg Patzers Buch "Kleine Geschichte der Stadt Karlsruhe" nachgelesen werden kann: Denn als Macklot 1791 in seiner "Carlsruher Zeitung" Argumente gegen, aber eben auch für die französische Revolutionsverfassung publizierte, wurde er zu drei Tagen Haft verurteilt, die sein Sohn für ihn absitzen durfte. "So liberal war man damals dann doch nicht, dass man öffentlich Argumente für die Revolution gestattet hätte", schreibt Patzer.

Dezente Auflehnung gegen die Fremdherrschaft

Überhaupt stand es zur damaligen Zeit nicht besonders gut um die "Pressefreiheit", wie wir sie heute kennen. Nicht umsonst war später die Pressefreiheit eine der zentralen Forderungen der liberalen Opposition im Vormärz. An der Zensur der Druckerzeugnisse änderte sich auch nicht viel, nachdem der vermeintliche Befreier Europas seinen Fuß - und seine Armeen - über den Rhein setzte. Im Zuge einer "politischen Flurbereinigung" durch Napoleon war Baden im Jahr 1806 zum Großherzogtum erhoben worden, verbunden mit einem stattlichen Gebietszuwachs. Der berühmt-berüchtigte Korse duldete keine kritischen Stimmen in den von ihm kontrollierten Ländern. So führte ein unbotmäßiger Artikel über die verlustreiche Schlacht bei Eylau, der die Regierung in Paris verärgerte, am 9. Februar 1809 zum Verbot der in Mannheim erscheinenden "Rheinischen Bundes-Zeitung".

Zeitungen und andere Quellen zur Karlsruher Geschichte sind im Stadtarchiv zu finden (Foto: ka-news)
Doch ganz ohne Widerstand, wenn auch eher der subtilen Art, ließ Karl Friedrich, inzwischen Großherzog, das nicht mit sich machen. Nach dem Motto: "Wem ich einen Maulkorb verpasse, entscheide immer noch ich" erschien das Blatt knapp einen Monat später unter dem neuen Titel "Rheinische Correspondenz" in ansonsten unveränderter Aufmachung weiter. "Der französische Gesandte in Karlsruhe durchschaute dieses Manöver ohne jeden Zweifel", schreibt der Heidelberger Journalist Udo Leuschner in einer Online-Veröffentlichung zur Zeitungsgeschichte. "Aber dem Buchstaben war damit Genüge getan."

Aber schließlich wurde es dem Kaiser der Franzosen doch zu bunt. Am 27. Oktober 1810 wurden durch großherzogliches Dekret sämtliche politischen Zeitungen in Baden verboten. Napoleon hatte diesmal seinen Willen durchgesetzt. "Er war es leid", erläutert Leuschner, "eine Vielzahl von Blättern kontrollieren zu müssen, die immer wieder gegen das Gebot verstießen, Nachrichten über die auswärtige Politik ausschließlich dem regierungsamtlichen Pariser 'Moniteur' zu entnehmen." Eine einzige Zeitung, die in Karlsruhe unter den Augen der Regierung redigiert werde, genüge für die Bedürfnisse Badens vollkommen, schrieb Napoleon seinem Karlsruher Gesandten. Und so durfte in ganz Baden nur die "Carlsruher Zeitung" weiter erscheinen, die ab 1. Januar 1811 den Titel "Großherzoglich-Badische Staatszeitung" erhielt und direkt dem Ministerium des Auswärtigen unterstellt wurde.

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