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Karlsruhe Interview zur Kombilösung (I): "Die Uhr für das Projekt ist abgelaufen"

Verkehrsfragen in allen Facetten seien sein derzeit wichtigstes und gleichzeitig ambitioniertes Hobby, und waren für ihn auch zeitweilig Beruf: Heiko Jacobs, 47, Diplom-Vermessungsingenieur mit eigenem Büro in Karlsruhe, war ab dem Jahr 2000 bis Anfang dieses Jahres Erster Vorsitzender des VCD, Ortsverband Karlsruhe, dem umweltorientierten Verkehrsclub. Jacobs meint im Interview mit ka-news, die Stimmung "pro Kombilösung", die 2002 noch einen relativ deutlichen Bürgerentscheid „für“ den Stadtumbau in der Innenstadt ermöglichte, sei längst gekippt.

Heiko Jakobs galt schon im Vorfeld des Bürgerentscheids 2002 als ausgewiesener Experte für den Umbau der Innenstadt. Er hatte eigene Alternativkonzepte zu U-Strab und Kombilösung vorgelegt. ka-news Redakteur Stefan Jehle unterhielt sich mit dem, so die eigene Aussage, "ÖPNV-Überzeugungstäter" über den neuerlichen Streit um die Kombilösung und die seit Anfang September laufende Unterschriftensammlung.

Der Verkehrsspezialist, der sich zurzeit beruflich unter anderem mit Fernerkundung aus Satellitenbildern befasst, und selbst vor Jahren in seiner Heimatstadt Bremerhaven die Abschaffung der Straßenbahn mit ansehen musste, sieht einen taktischen und psychologischen Fehler in der Entscheidung der "Umsetzungsreihenfolge", wie sie der Gemeinderat im Herbst letzten Jahres getroffen habe. Der noch vor der Kommunalwahl beschlossene Bau eines Infopavillons am Ettlinger Tor sei zudem ein Beispiel dafür, dass "man in Karlsruhe einfach den rechten Maßstab verloren hat".

ka-news: Haben Sie den Eindruck, dass derzeit die Stimmung, die 2002 relativ eindeutig pro Kombi-Lösung war, am Kippen ist?
Heiko Jacobs: Sie ist nicht erst am Kippen, sie ist unseres Erachtens schon längst gekippt! Entweder zur Gegnerschaft, vereinzelt auch zur Resignation nach dem Motto "Die da oben machen doch sowieso, was sie wollen".

ka-news: Welche Gründe sehen Sie für die, wie Sie sagen, umgekippte Stimmung?
Jacobs: Im Vordergrund steht wohl bei den meisten derzeit die Kostenfrage und die allgemeine Finanzlage, gepaart mit der Meinung, dass die U-Strab einfach überflüssig ist und dass die durchaus vorhandenen Probleme anders gelöst werden könnten, wenn man nur wollte. Hinzu kommen schlechte Erfahrungen mit Karlsruher Großprojekten gerade der letzten Jahre, die entweder auf breite Ablehnung stoßen, überdimensioniert sind oder sich als sehr große finanzielle Belastung herausstellen. Ganz schlecht kommt übrigens der 800.000 Euro teure Infopavillon an, da hat man einfach den rechten Maßstab verloren.

ka-news: Wenn Oberbürgermeister Heinz Fenrich jetzt Gegnern aus dem Aktionsbündnis, die sich aktuell noch einmal gegen die planfestgestellte Kombilösung wenden, vorwirft, Sie würden "gegen Karlsruhe" handeln, schmerzt Sie das?
Jacobs: Was "für" und was "gegen Karlsruhe“ ist, da kann man aus jeweils gutem Grund sehr unterschiedlicher Meinung sein. Für mich stehen dabei gar nicht mal die Finanzen so sehr im Vordergrund, sondern die Nachteile für den Öffentlichen Verkehr, welche die Kombilösung mit sich bringt und auch städtebauliche Aspekte. Die U-Strab passt einfach nicht zur Größenklasse Karlsruhes. Ich bin ein Fan des "Karlsruher Modells", das gerade deswegen so erfolgreich ist und oft kopiert wird, weil dessen kleine, aber sehr wirkungsvollen Bausteine bisher zum Maßstab Karlsruhes passten. Daher handeln für mich die Befürworter der Kombilösung "gegen Karlsruhe" und das Karlsruher Modell. "Das rechte Maß halten" hat uns bisher den Erfolg gebracht, nicht das Nachahmen von Metropolen, das langfristig zum Scheitern verurteilt ist. Was eher schmerzt ist der Vorwurf der Lüge, wenn man sich selbst um Sachlichkeit und Fakten bemüht.

ka-news: Ist es wirklich bereits "5 nach 12", wie der Oberbürgermeister sagt?
Jacobs: "5 nach 12" als Bild für "die Uhr ist für das Projekt Kombilösung abgelaufen" kann man gerne so stehen lassen. Aber es ist wohl gemeint, dass es nicht mehr aufzuhalten wäre, aber da irrt der Oberbürgermeister. Der Auftrag für die wirklich großen Brocken ist noch nicht unterzeichnet.

ka-news: Welche (psychologische) Bedeutung messen Sie der von CDU und SPD im Herbst 2008 per Gemeinderatsbeschluss festgelegten "Umsetzungsreihenfolge" bei?
Jacobs: Eine für die Befürworter fatale in mehrfacher Hinsicht. Der Projektteil Kriegsstraße ist der Teil, der auf eine deutlich breitere Akzeptanz stößt. Vielleicht hat er 2002 die entscheidenden Prozentpunkte gebracht. Viele haben aber schon bei der Bürgerbeteiligung 2002 das Vertrauen in die Politik bezüglich U-Strab verloren. Wenn man nun auch noch im Zuwendungsbescheid die dicken Fragezeichen hinter diesem Projektteil liest, dann ist es verständlich, wenn viele glauben, die Kriegsstraße müsse leider "wegen der Sachzwänge" entfallen. Wenn man dann noch sieht, dass die Reihenfolge auch wegen einem angeblich um 130.000 Euro pro Jahr besseren Betriebsergebnis so getroffen wurde, also aufsummiert ungefähr der Gegenwert des Infopavillons, dann hätte man dessen Geld besser in eine andere Reihenfolge gesteckt. Historiker werden vermutlich in die Geschichtsbücher schreiben, dass diese beiden taktischen Fehler der Kombilösung das Genick brachen.

ka-news: Vom Aktionsbündnis wird ins Feld geführt, die Haushaltssperre des Regierungspräsidiums und die aus Sicht des Bündnisses nicht wirklich offen gelegte Kostenentwicklung des Projekts Kombilösung, mit allen Risiken für die Zukunft des städtischen Haushalts, sei wichtigster Auslöser für die aktuelle Protestwelle. Wäre der Protest auch so gekommen, wenn die Stadt die "Umsetzungsreihenfolge" anders beschlossen hätte, sprich: zuerst der Kriegsstraßenumbau angegangen würde?
Jacobs: Mit der Kriegsstraße zuerst hätten die Bürger die Sicherheit gehabt, dass der beim Bürger beliebtere Projektteil wirklich kommt. Natürlich hätte man dann gemerkt, dass man die U-Strab eigentlich gar nicht mehr braucht, aber dann wäre die Protestwelle wirklich zu spät für einen Stopp gekommen.

ka-news: Sehen Sie ein Glaubwürdigkeitsproblem der politisch Verantwortlichen im Gemeinderat, wenn Sie die Art und Weise betrachten, wie der Bürgerentscheid 2002 zustande kam, und wie nun vergangenen Herbst über die „Umsetzungsreihenfolge“ entschieden wurde?
Jacobs: Auf jeden Fall. So herum wie jetzt gebaut werden soll kann die Stadt noch so oft beteuern, dass die Kriegsstraße sicher käme. Auch wenn die Stadt damit Recht hätte: viele glauben ihr das einfach nicht mehr. „City 2015“ war für viele die Basis des Misstrauens, und viele Fehlentwicklungen der letzten Jahre haben dieses Gefühl verfestigt.

ka-news: Können Sie kurz in Erinnerung rufen, was mit "City 2015" gemeint ist und welche Erwartungen damit verbunden waren?
Jacobs: Das war eine Bürgerbeteiligung 2002, bei der es um die Zukunft der Innenstadt allgemein gehen sollte, eigentlich nicht nur um die Bahnen, aber diese waren der Anlass und dominierten. Zuvor gab es schon einen "Arbeitskreis Öffentlicher Verkehr" von Stadt, Verbänden und Parteien, der die drei Varianten entwickelte, welche die Basis der Diskussion in "City 2015" bildeten: rein oberirdisch (VCD), Tunnel mit fünf Rampen und straßenbahnfreier Fußgängerzone (Stadt) und verfeinerte 1996er Mischlösung mit drei Rampen (BUZO). Nachdem klar war, dass sich die Mehrheit der mitarbeitenden Bürger nicht für einen Tunnel erwärmen konnte, wurde vom Oberbürgermeister selbst die heutige Kombilösung geboren und ohne Diskussion in den ja schon abgeschlossenen Bürger-AGs als Ergebnis dieser Runden dargestellt. Später "repräsentativ" ausgewählte Bürger fanden sie zu erstaunlichen 94 Prozent gut. Die Erwartung vieler Teilnehmer war wohl, dass man sich seitens der Stadt intensiver mit den vielen alternativen Ideen und dem Sinn des Tunnels beschäftigt. Viele gewannen dann aber den Eindruck, dass das Ergebnis Tunnel schon vorher feststand und nur noch dessen genaue Form offen war.

Den zweiten Teil des Interviews mit Heiko Jacobs, "Kostenschätzung vom Dezember ist ein Milchmädchenwert", lesen Sie morgen bei ka-news!

(Interview: Stefan Jehle)

 
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Kombilösung Karlsruhe | ka-news.de: Baufortschritt, Mehrkosten, Sperrungen und Verzögerungen: Mehr Infos und Fotos von der Karlsruher Kombilösung finden Sie in unserem Dossier!
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (222 Beiträge)

    09.10.2009 09:01 Uhr
    zu rindfleisch
    Dies ist keine lustige These. Die Bahnen in der Fußgängerzone heute dürfen mit Sondergenehmigung nur ganz langsam fahren. Oft stehen sie, wie jeder weiß, im Stau. Im Tunnel können sie deutlich schneller fahren. Das Mühlburger Tor und das Durlacher Tor passieren sie ohne an den Kreuzungen anhalten zu müssen. Darin liegt die Effizienz - im Übrigen auch für den Autoverkehr an diesen beiden großen Kreuzungen, die in heutigem Zustand für viel Ineffizienz und Belastung sorgen. Und das auch dann, wenn grad keien Sperrung ist auf der Reinhold-Frank-Straße.
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  •   rindfleisch
    (60 Beiträge)

    09.10.2009 08:54 Uhr
    @faktencheckka
    es können max. die Anzahl Stassenbahnen durch den Tunnel, die heute etwa 4 Linien bedienen.
    Hier von "Die Linien können im Tunnel aber signalgesteuert schneller und besser voran kommen, so dass sie viel effizienter bedient werden können als heute", zu sprechen, ist unsinnig.
    Aus dem Wasserhahn kommen max 100L/Stunde, aber weil das besonders effiezient geschieht, sind es 120!?! Lustige These
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  •   rindfleisch
    (60 Beiträge)

    09.10.2009 08:42 Uhr
    @Dieter-K
    ich war damals 2002 auf einer dieser "Info"-Abenden. Da hat der Fenrich bestätigt, dass es eine vertragliche Vereinbarung mit dem ECE gibt, die ein Umbau der Kriegsstraße für eine gewisse Zeit verhindern. Er wusste allerdings nicht wie lange.
    War wohl nicht so wichtig, für das Projekt, wann man an der Kriegsstrasse anfangen kann.
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    unbekannt
    (222 Beiträge)

    09.10.2009 08:28 Uhr
    zu den unterschriften
    Viele Menschen unterschreiben, wenn man sie dann anschließend fragt, können viele nicht benennen, warum sie das eigentlich getan haben. Durch die "Ich biete jedem sein Häppchen"-Strategie werden die Leute eingefangen. Mit fragwürdiger Detailverliebtheit versucht man Leute zu überzeugen. Das Wesentliche und das große Ganze haben die Gegner schon längst aus dem Blick verloren.
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    unbekannt
    (27 Beiträge)

    08.10.2009 23:10 Uhr
    Danke Herr Jacobs
    Durch die Art und Weise wie die Gegner seit Wochen vorgehen, bringen sie immer mehr Karlsruher gegen sich.Ich will nicht wissen wieviele es mittlerweile bereuen daß sie dagegen unterschrieben haben.
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    unbekannt
    (2 Beiträge)

    08.10.2009 22:41 Uhr
    U-Strab-Tunnel
    Der Fehler des Beschlusses ist die falsche Reihenfolge. Auf jeden Fall hätte die Kriegsstraße zuerst umgebaut werden müssen. Da ist genug Platz zum Bauen, und dort kann die Bahn später schnell fahren. Dort ist das Bauen nicht so aufwändig und teuer wie unter der Kaiserstraße.

    An dieser Fehlentscheidung wird der Gemeinderat noch lange zu knacken haben.
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    unbekannt
    (60 Beiträge)

    08.10.2009 21:53 Uhr
    Null Weitsicht - kleinkarierte Karlsruher
    Wie soll Karlsruhe jemals eine attraktive Innenstadt bekommen wenn dauernd die Straßenbahnen durchrauschen? Manchmal heißt es halt "think big". Offensichtlich sind hier in Karlsruhe zu viele nicht bereit und lassen lieber die Millionen zurückgehen. Stuttgart freut sich.

    Armes Karlsruhe....danke Heiko Jacobs und wie die ansonsten geistigen Kurzzeitdenker heißen mögen...
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    unbekannt
    (222 Beiträge)

    08.10.2009 20:48 Uhr
    zu mueck
    ich korrigiere natürlich: 80 Prozent der zuschussfähigen Kosten von 588 Millionen Euro.
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  •   mueck
    (12080 Beiträge)

    08.10.2009 19:45 Uhr
    @faktencheckka
    "... 588 Millionen Euro ...Davon kommen 80 Prozent von Bund und Land"

    Ist so falsch: 173 Mio == ca. 70% nur von 588 Mio.
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    unbekannt
    (29986 Beiträge)

    08.10.2009 18:52 Uhr
    Und Schatten
    gäbs auch genug für die ganzen Flanierer und im Cafe Sitzer. Wo auch immer diese Cafes herkommen sollen.
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