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Stuttgart/Karlsruhe Interview zu "Stuttgart 21": "Herr Kerstan, sind Sie einer dieser neuen Wutbürger?"

Dieter Kerstan demonstriert seit mehr als 52 Wochen jeden Montag von Neuem auf der Straße gegen "Stuttgart 21": Er will seinen Protest gegen das Bahnhofsprojekt auch 2011 weiter in die Öffentlichkeit tragen. Der 50-jährige Familienvater verbrachte vergangenes Jahr viel Zeit im Stuttgarter Schlossgarten und ist einer von rund 32.000 registrierten "Parkschützern". Im Gespräch mit ka-news legte er seine Motive offen, warum er so andauernd - und gleichzeitig ausdauernd - auf der Straße demonstriert.

Der Sozialpädagoge und Leiter einer Einrichtung der Jugendhilfe in Stuttgart zählt zu den so genannten "trainierten Parkschützern", der Aktionsstufe "Orange" - dazu gehört etwa jeder zehnte Parkschützer - und hat nach seinen Aussagen auch mehrfach an Übungen und Trainings zu Aktionen und Formen zivilen Ungehorsams im Stuttgarter Schlossgarten teilgenommen.

Im Gespräch mit ka-news Mitarbeiter Stefan Jehle unterhielt sich Kerstan über spirituelle Aspekte des Protests, Momente weihnachtlicher Besinnung und das "jetzt erst recht" von Wutbürgern zum Jahreswechsel.

Sie sind seit mehr als einem Jahr jede Woche auf der Straße gegen das Projekt Stuttgart 21, immer im Wechsel mit Ihrer Frau...
Ja, mittlerweile häufig auch zu zweit.

Sind Sie einer dieser sprichwörtlichen Wutbürger?
Ich hadere etwas mit diesem Begriff. Wenn man damit meint, dass sich über den Protest gegen den Bahnhof hinaus da andere Dimensionen entwickelt haben, etwa als Bürger, der auf die Straße geht und mehr Demokratie einfordert und der andere Beteiligungsmodelle wünscht, dann würde ich mich da schon dazu rechnen. Aber Wutbürger als Begriff bleibt mir doch eher fremd.

Wie oft waren Sie jetzt insgesamt gegen Stuttgart 21 auf der Straße, zusammen mit Ihrer Frau?
Das kann ich nicht exakt sagen. Bei mittlerweile mehr als 52 Protestwochen, und das schon im letzten Winter durchgehend, als Minimum die Teilnahme einmal pro Woche, dürften das mindestens 60 bis 70 Aktionen gewesen sein. Es gab jetzt im Herbst Wochen, da war ich allein schon jede Woche vier Mal unterwegs.

Müsste jetzt - bis Ende November der Fall - nach sechs Wochen, oder umgerechnet: 80 Stunden Schlichtung, nicht die Wut etwas abgedampft sein?
Die Schlichtung hat bei vielen der Parkschützer eher Enttäuschung hervorgerufen, und die Wut bestätigt. Zunächst ist da aber eine gewisse Resignation eingekehrt, es wurde kalt, es ist Winter. Man hatte am Ende der Schlichtung mit der Empfehlung von Heiner Geißler das Projekt durchzuziehen, das Gefühl, jetzt erst mal einen Dämpfer gekriegt zu haben. Ich weiß, dass das für viele aus der Parkschützerszene, aus Kreisen des Bündnisses, aber durchaus Anlass ist sich nochmals zu sammeln und zu sagen: jetzt erst recht.

Jetzt erst recht, das klingt doch ziemlich trotzig. Gibt es dafür einen sachlichen Grund?
Die Begründung dafür ist, und damit sind wir wieder beim Thema Wutbürger: Wir haben jetzt in dieser Schlichtung Argumente ausgetauscht, wir haben im Grunde genommen argumentativ - so sehen das zumindest die Leute aus dem Aktionsbündnis - absolut überzeugt, was auch der Schlichter durchaus anerkannt hat. Aber das führt eben nun trotzdem nicht dazu, dass man umdenkt, sondern dass man Kosmetik anbringt, im Zweifel das Projekt dann noch teurer macht als geplant. Man geht weiterhin kalt lächelnd über die Artikulation und die Bedürfnisse der Bürger hinweg. Das macht natürlich viele nochmals extra wütend. Das wird sicherlich nochmals für Mobilisierung sorgen, Leute herausfordern die sagen: Jetzt wollen wir es doch wissen.

 

Alle Welt schreibt Bücher über Stuttgart 21. Auch Schlichter Heiner Geißler will Anfang Februar seine Erkenntnisse vorlegen. Sind die Grundlagen dessen, was Bürgerbeteiligung ausmacht, und was vor allem glaubwürdige Bürgerbeteiligung ausmacht, nicht eigentlich längst bekannt?
Doch, natürlich sind die bekannt. Da gibt es ja auch Modelle dafür. Nehmen wir die Schweiz, beispielsweise die Beteiligung am Gotthardtunnel. Hier in Stuttgart, so sehe ich das, der ich nun seit mehr als zwölf Monaten auf der Straße bin, geht es aber vielmehr um Macht, hier geht es um Geld, um Prestige und auch um Machterhalt. Deswegen kann eine Bürgerbeteiligung auch bei bester Kenntnis demokratischer Möglichkeiten gar nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn man jetzt noch ein weiteres Buch schreibt, wird das vielleicht eine halbe Million mal gelesen. Aber das dient doch grundsätzlich bestenfalls nochmals der Unterstützung und der Verfestigung dieser Strukturen. Viele Gedanken muss man wohl erst 20 Jahre lang auf den Markt bringen, bis sich da mal was tut. Bei dieser Landesregierung tut sich da sicher nichts mehr.

Das heißt, der Parkschützer Dieter Kerstan spricht den von Politikern jetzt im Oktober und November neuerdings gezeigten guten Willen doch eher ab.
Ja, so ist es.

Kurz vor Weihnachten haben die Parkschützer ein Youtube-Video, ein Motivationsvideo unter dem Slogan "Auch wenn es frostig wird", gefertigt und ins Netz gestellt. Der Weihnachtsmann und auch die Kerstans waren als Laienschauspieler mit dabei. Ist das Demonstrieren inzwischen so etwas wie ein religiöser Akt geworden?
Das würde ich so nicht sehen wollen. Die Winter- und Weihnachtszeit ist eine Zeit, und das schon auch für die Demonstranten, in der das Bewusstsein des Protests in Stuttgart auch eine Art innere Besinnung erfährt. Wie stark das jetzt ein Akt der Religiosität, also eine Art Glaubensfrage ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber eine Besinnung in der Art: was wollen wir eigentlich, warum machen wir das, und wie wichtig ist uns das, das würde ich schon bejahen. Das hat im allerweitesten Sinne auch etwas mit Spiritualität zu tun.

 

Was muss sich 2011 ändern, damit die Stuttgarter in der Bahnhofsfrage wieder neu zusammenfinden?
Es muss gezeigt werden, in der praktischen Umsetzung von Bürgerbeteiligung, dass man auch tatsächlich die Bürger ernst nimmt. Das heißt eben, die Forderungen die immer wieder aufgestellt werden, auch aufzunehmen und umzusetzen. Das fängt an mit dem so genannten Stresstest, der nur unter den Augen der Öffentlichkeit stattfinden kann. Alles andere wäre Gemauschel. Das zweite ist, dass an irgendeiner Stelle, wenn schon nicht ein Volksentscheid, dann zumindest doch eine Volksbefragung stattfinden müsste. Es müsste auch eine grundsätzliche Bereitschaft erkennbar werden, das Projekt insgesamt in Frage zu stellen. Spätestens daran mangelt es. Man lässt bestenfalls Kosmetik zu.

Für Montag den 3. Januar war auf der Internetseite der Parkschützer ein Neujahrsempfang eingetragen. Ist das dann wie Weihnachten auch eine Form von Ritualisierung?
Es ist eine Protestdemonstration. Es ist die Wiederaufnahme der klassischen Montagsdemos, wie diese in Stuttgart heißen. Beim ersten Montag im Januar bietet es sich an, dies als Neujahrsempfang mit Sekt zu deklarieren. Das auch mit dem neuen Jahr in Verbindung zu bringen, finde ich einfach einen guten Gedanken. Da lege ich gleichzeitig nicht allzu viel Inhalte mit rein.

Das heißt nach derzeitigem Stand: Dieter Kerstan und seine Familie wird 2011 weiter auf der Straße sein und will oben bleiben?
Auf der Straße bleiben, und oben bleiben - genau. Und das haben wir zunächst mal so gehalten am 3. Januar.

Die Fragen stellte Stefan Jehle






 

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  •   runsiter
    (11986 Beiträge)

    05.01.2011 10:09 Uhr
    Startbahn West
    war noch so ein ein Projekt, von dem heute jeder profitiert.
    Natürlich war auch dort die Polizei schuld.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (441 Beiträge)

    05.01.2011 09:39 Uhr
    ...
    man kann von s21 halten was man will: es gibt gute gründe dafür und dagegen.
    was dieser mann (und seine familie) jedoch (im gegensatz zu vielen anderen) schafft: er tönt nicht nur (anynom) seine meinung raus, sondern zeigt diese öffentlich, gemeinsam mit anderen, investiert kontinuierlich zeit und will etwas bewegen/verändern.
    dafür hat er meinen respekt.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (1924 Beiträge)

    05.01.2011 09:38 Uhr
    Typisch !
    "Ich benötige keine..." eben,egoistisches Denken.Ihr seid blinde Weltverbesserer ohne Fundament.Eins ist klar,was die Politik unbedingt will,das setzt Sie auch durch !Grüne,Linke etc. sind nichts anderes als Marionetten,die die welt etwas beschäftigt,aber nicht wirklich bewegt.Selbstverständlich brauchen wir solche Leute,die Aufrufen und sich versuchen zu wehren,aber leider sind die Anstrengungen in der Regel umsonst.
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  •   prinz-luitpold
    (353 Beiträge)

    05.01.2011 08:44 Uhr
    Wackersdorf und Kalkar
    Hätten wir die Sachen gebaut, wären wir heute technologisch weiter und müssten den Dreck nicht durch halb Europa karren. Aber dann gäbs ja nix zum demonstrieren...

    Vor knapp 30 Jahren hat übrigens unser damaliger Gemeinschaftskundelehrer zu Demonstrationen gegen die Südtangente aufgerufen. Der gemeine SozPäd hat schon immer verstanden! Geschichte wiederholt sich....
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (6808 Beiträge)

    05.01.2011 08:50 Uhr
    möglicherweise
    schauen Sie mal nach Sellafield oder La Hague und die dortige Verseuchung, um zu begreifen, wie wichtig es war, dass Wackersdorf nicht gebaut wurde. Die Endprodukte der Wiederaufbereitung werden dieser Tage durch Karlsruhe gekarrt - es hätte also weiterhin etwas zum durch-die-Gegend-Fahren gegeben. Gleiches gilt für Kalkar - oder was sollte mit dem erbrüteten Plutonium geschehen?
    Was damals richtig war, ist es auch noch heute: Vereinfachung des Verkehrs zieht neuen Verkehr an. Das war damals bei der Südtangente richtig und kann tagtäglich betrachtet werden. Daher ist die Nordtangente auch unbedingt zu verhindern - das ist die Lehre aus der Südtangente. Andere Verkehrskonzepte damals schon aufgelegt, würden die heutigen Folgeprojekte unnötig machen. Ich benötige keine Stadtautobahn mit all den Folgeproblemen: Lärm, Feinstaub, Pendler, Abkürzung für den Fernverkehr - wenn die B10 fertig ist in der Pfalz, wird sie wohl zur A8 durchgängig werden. Toll.
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  •   prinz-luitpold
    (353 Beiträge)

    05.01.2011 13:34 Uhr
    1715
    war hier, wo heute der Moloch Karlsruhe mit all seinen Giften, Schlägern, Nutten, Fleischfabriken, Magistralen und Innenstadtschnellzügen steht, noch unberührter Wald und kein Verkehr. War wesentlich besser. Ich wette, Du wärst damals auch gegen das Schloss des feinen Herrn da oben gewesen. Ich nicht - ich bin froh, dass er damals die Bäume gerodet hat. Denn ich lebe verdammt gern in dieser Stadt, inmitten von Gift, Fabriken und Baustellen. Ich habe mir sogar Soundfiles und Luftproben von der Südtangente gezogen, weil ich sie hier in der Südweststadt je nach Wind weder hören noch riechen kann.

    Für mich seid ihr "Dagegenaktivisten" einfach nur jammernde, egoistische Besitzstandswahrer unter der Schirmherrschaft des heiligen St. Florian.
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    05.01.2011 10:49 Uhr
    Es ist doch
    völlig wurscht, ob Wackersdorf sinnvoll gewesen wäre oder nicht. Klar ist: in der Frage, was man mit dem Atommüll macht, handelt es sich um eine, die als gesamtgesellschaftlicher Aufreger taugt. In Stuttgart geht es um einen Bahnhof, B-A-H-N-H-O-F. Wer das jetzt in einem Atemzug nennt, sagt damit implizit nur, dass sein Engagement "damals" ebenfalls nicht aus den vorhandenen zu rechtfertigenden Gründen erfolgte, sondern wie bei S21 aus z.B. tiefer Sehnsucht nach Anerkennung durch eine erfolgende Gegenreaktion des Staates, Obrigkeitsverschwörungswahn oder Minderwertigkeitskomplexen. Ach egal, ist letztlich eh alles eins.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (6808 Beiträge)

    05.01.2011 11:03 Uhr
    es eght eben nich nur
    um den Bahnhof, es geht auch um eine Neubaustrecke nach Ulm, es geht um 30 km Tunnelstrecke unter der Stadt, es geht um die Anbindung des Flughafens und es geht um die Tierferlegung und Drehung eines Bahnhofs - warum weiß keiner, selbst die Bahn geht ja nicht mehr davon aus, dass S21 leistungsfähiger ist.
    Und da das alles Steuergelder kostet und ein Bundesunternehmen ausführend ist und daher andere Projekte bundesweit nicht gebaut werden oder fertiggestellt werden - ist das ein bundesweiter Aufreger. Wobei es gundsätzlich darum geht, WIE solche Projekte durchgezogen werden.
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    05.01.2011 11:52 Uhr
    ach
    ich dachte, es geht um den Park? Und zwar in Aktionsstufe "orange"!

    Ernsthaft: dann geht es eben um einen Bahnhof plus zweihundert oder so km Gleise und 30 km Tunnel. Aber auch die beiden letzteren sind nicht radioaktiv und daher ist das alles nicht ernsthaft mit der Frage des Umgangs mit Atommüll zu vergleichen.

    Aber zur Frage "wie ein Projekt durchgeführt wird": das ist sehr interessant. Die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Neuerungen ist eine hohe Kunst und oft genauso schwierig wie die Erkenntnis selbst, nur in anderer Weise. Da kann man viel falsch machen und es wurde schon viel falsch gemacht, keine Frage. Aber die Gesellschaft am meisten voran gebracht, haben jene wenigen Leute, die wissenschaftlich-technisch auf höchstem Niveau waren und gleichzeitig die politische und soziale Persistenz hatten die Umsetzung durchzuführen. [...]
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  •   tok
    (7205 Beiträge)

    05.01.2011 11:55 Uhr
    weiter
    Mir scheint heute erkennen viele Typen, die weder das eine noch das andere haben durch geschickte Nutzung der neuen und vor allem neuesten Medien in kurzlebigen Dagegen-Projekten eine Chance auch mal nach oben schwimmen zu können und sei es nur in einer wirklich sehr kurzlebigen Illusion. 15 minutes fame. Na gut, vielleicht mehr, vielleicht ein sehr langlebiges Sommerloch. Dann ist es vorbei. Aber das macht nichts, irgendwo wird sich schon wieder ganz schnell etwas finden, wo man schnell eine Facebook-Seite und einen Twitter-Account erstellen kann, um gegen "die Machenschaften von denen da oben" aufzurufen.
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