Karlsruhe/Stuttgart Im Kreuzfeuer der Kritik

Ein Stück kultureller Identität oder zu versilbernder Wertgegenstand? (Foto: ka-news)
Der Protest gegen den geplanten Handschriftenverkauf ebbt nicht ab und nimmt immer breitere Ausmaße an. Neben Wissenschaftlern aus aller Welt (ka-news berichtete) bezieht nun die katholische Kirche klar Position gegen die Veräußerungspläne - siehe auch gesonderten Kommentar: "ka-news fordert Soli für Oetti" (ka-news berichtete). In der unter Beschuss geratenen Landesregierung zeichnet sich ein langsamer Stimmungswechsel ab.

Die von Ministerpräsident Günther Oettinger zunächst als unbedeutender Feuilleton belächelten Proteste weiten sich zum echten Politikum aus. Am vergangenen Mittwochabend hatte Oettinger eine Krisensitzung mit Museumschefs, Kabinettsmitgliedern und Abgeordneten einberufen, um über alternative Finanzierungsmodelle zu diskutieren. Innerhalb der Landtagsfraktion distanzieren sich offenbar einige CDU-Abgeordnete von den Verkaufsplänen ihres Ministerpräsidenten. Der Karlsruher Bürgermeister und CDU-Landtagsabeordnete Manfred Groh erklärte, er glaube nicht an eine Mehrheitsfähigkeit der Verkaufspläne in der Landtagsfraktion.

In einem dreisäuligen Finanzierungsmodell soll der Verkauf der Handschriften verhindert werden. Das Land will sich mit Mitteln aus der Landesstiftung finanziell beteiligen sowie Spenden bis zu einem Gesamtbetrag von 10 Millionen Euro, um die gespendete Summe aufstocken. Als dritte Säule sollen darüber hinaus Kunstwerke an Mäzene verkauft werden, ohne dass sie für die Allgemeinheit verloren gehen, wie es bereits mit dem Nibelungenlied möglich war (ka-news berichtete).

Vogt: Grundübel bleibt

"Das Grundübel ist und bleibt, dass sich die Landesregierung in vorauseilendem Gehorsam den Besitzansprüchen des Hauses Baden unterwirft", kommentiert SPD-Landeschefin Ute Vogt die Ergebnisse des Krisengipfels. Vogt kündigt außerdem an, dass sich der Landtag auf seiner Sitzung am Mittwoch mit dem geplanten Verkauf befassen werde.

Die Landtagsfraktion der Grünen will in einem Antrag um Einsicht in das von der Landesregierung zitierte Rechtsgutachten bitten und die Landesregierung mit der Argumentationskette des Rechtswissenschaftlers Professor Dr. Reinhard Mußnug (ka-news berichtete) konfrontieren. Am gestrigen Donnerstag erklärte der kulturpolitische Sprecher der Grünen, Jürgen Walter, es erschließe sich ihm immer noch nicht der Zusammenhang zwischen den Handschriften in der Landesbibliothek und der Finanznot des Fürstenhauses.

Rastätter: Es herrscht ein Aufruhr in der Region wie noch nie

Im Brennpunkt - die Handschriften der BLB (Foto: ka-news)
Darüber hinaus müsse geprüft werden, ob nicht bereits seitens des Landes in den vergangenen Jahren Beträge im zweistelligen Millionenbetrag in den Erhalt der Handschriftensammlung investiert worden seien, was gesetzten Falles nur den Besitzanspruch des Landes untermauere, erklärt Walter. "Da ist man stolz auf das Weltkulturerbe Insel Reichenau und will auf der anderen Seite dann genau die Handschriften verkaufen, für die das Kloster bekannt ist. Da geht irgend etwas nicht richtig zusammen." Dieser Vorgang sei ein in der Bundesrepublik bisher einmaliger Tabubruch.

Die Karlsruher Grünen-Landtagsabgeordnete Renate Rastätter zeigt sich von den Protesten beeindruckt: "Wir haben hier in der Region einen Aufruhr wie noch nie, nicht nur aus der Fachwelt. Die Bürger sind sich bewusst, dass da ein Teil ihrer Kultur, ihrer eigenen Identität verschachert werden soll," echauffiert sich die Grünen-Politikerin.

Erzbischof Zollitsch: Handschriften in ihrer Gesamtheit bewahren

Mit dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch meldet sich nun auch ein Vertreter der katholischen Kirche zu Wort. In einem Brief an Ministerpräsident Oettinger äußert Erzbischof Zollitsch die Befürchtung, dass von den Verkaufsplänen auch Bestände betroffen sein könnten, die im Rahmen der Auflösung der Klöster vor 200 Jahren vom markgräflichen Haus Baden übernommen worden waren, wie zum Beispiel die kostbaren Schriften der Reichenau.

"Alle diese Handschriften dokumentieren den bedeutenden kulturellen, wissenschaftlichen und historischen Beitrag, den die Klöster für unser Land und für die Kirche im Südwesten Deutschlands geleistet haben", heißt es in dem bischöflichen Schreiben an den Ministerpräsidenten. Sie müssten deshalb "unbedingt in ihrer Gesamtheit in unserem Land" erhalten bleiben und dürften keineswegs durch Vereinzelung zerstört werden, so Erzbischof Zollitsch. Unterdessen schloss sich auch die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften sowie das PEN-Zentrum Deutschland dem internationalen Protest an.

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