Karlsruhe/Gaggenau "Es gab Tage, da bin ich nur zum Pizza holen aufgestanden!" - Wie Matthias auf einem Bauernhof zurück ins Leben findet

Ganz idyllisch am Waldrand bei Gaggenau liegt der Mittelberger Hof. Auf dem Bauernhof mit seinen vielen Tieren und Gartenbeeten werden Menschen mit Suchtproblemen oder psychischen Schwierigkeiten auf ein normales Leben vorbereitet. Zwischen Kuhmist, Hühnereiern und selbst gepflanztem Gemüse sollen die Männer und Frauen Stück für Stück in einen strukturierten Arbeitsalltag finden. ka-news hat Matthias getroffen, der durch seine Erfahrungen auf dem Mittelberger Hof eine neue Sicht auf sein Leben bekommen hat.

Schon allein der Weg zum Mittelberger Hof ist eine gefühlte Weltreise für mich. Hinter Gaggenau geht es den Berg hoch nach Moosbronn - und von dort führt die Straße durch einen kleinen Wald zum Sozialen Bauernhof. Der gehört seit fast 30 Jahren zum Haus Bodelschwingh in Karlsruhe, bei dem Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen Hilfe finden. Was also wird mich auf dem Bauernhof erwarten? 

Das Projekt Mittelberger Hof richtet sich an Menschen mit gravierenden Problemen. "Bei uns lernen die Betroffenen einfache Aufgaben zu bewältigen und werden so in den Arbeitsalltag mit eingebunden. Durch diese Erfahrung wird die persönliche Entwicklung der Bewohner gefördert und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereitet", erzählen mir die beiden Sozialpädagoginnen Elena Frenk und Bettina Kuschel. Einer der sieben Bewohner ist Matthias aus der Nähe von Berlin. 

Haus Bodelschwingh
Neben der Arbeit mit den Tieren wird auf dem Hof auch Obst und Gemüse angebaut. | Bild: Gustav Holzwarth

Durch die Drogen hat er alles verloren

Ich treffe Matthias, der gerade mit Hund Joshi spielt. "Ich bin seit gut einem Jahr hier, davor war ich im Haupthaus in Karlsruhe", sagt der junge Mann mit der Basecap. Hinter ihm liegt eine dunkle Vergangenheit geprägt von Drogen. Dadurch hat er viel verloren - sogar Frau und Kinder. 

Haus Bodelschwingh
Joshi, der Hund von Sozialarbeiterin Elena Frenk, zählt zu Matthias' engsten Vertrauten. Jeden Morgen begrüßen sich die beiden am Hoftor. | Bild: Gustav Holzwarth

Erst auf dem Mittelberger Hof - einem kleinen Bauernhof mit Rindern, Pferden, Hühnern und Gänsen - schaffte es der gelernte Koch von den Drogen wegzukommen. Denn immer wieder kam er, auch in Karlsruhe, mit den falschen Leuten in Kontakt und die Gefahr, rückfällig zu werden, blieb. "Ich wüsste nicht, ob ich ohne den Bauernhof noch hier wäre", erzählt Matthias rückblickend über sein neues Zuhause. 

Tiere stehen im Mittelpunkt des Geschehens

Ob Hund Joshi oder Henne Erna, zu vielen Tieren hat Matthias im Laufe der Zeit eine sehr persönliche Bindung aufgebaut. Das sehe ich sofort, als er mir den Hof zeigt. "Es war ein Glücksfall, dass ich hier gelandet bin", erzählt Matthias mir dankbar, während er eine Pferdestute liebevoll streichelt. Ich sehe ihm an, wie es in ihm arbeitet, wie er versucht, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, um damit endlich abschließen zu können. "Es gab Tage, da bin ich nur aufgestanden, um Pizza zu holen!", reflektiert er seine überwundene Drogensucht.

Haus Bodelschwingh
Zu den Tieren hat Matthias eine enge Bindung. | Bild: Gustav Holzwarth

Er zeigt mir die beiden Ziegen, die auf seine Idee hin angeschafft wurden. Die Tiere sind aus Matthias derzeitigem Leben nicht mehr wegzudenken. "Durch sie lerne ich, Verantwortung zu übernehmen. Wenn es Tieren schlecht geht, merkt man, wie die Stimmung auf dem Hof schlechter wird", sagt er. 

Haus Bodelschwingh
Auf Matthias' Drängen wurden auf dem Mittelberger Hof zwei Ziegen angeschafft. Auch um diese kümmert er sich mit viel Hingabe. | Bild: Gustav Holzwarth

Doch trotz aller Harmonie mit den Tieren, zwischen den Zweibeinern, die hier den ganzen Tag zusammenleben, kommt es immer mal wieder zu Reibereien. Die beiden Sozialpädagoginnen suchen dann aber nach Lösungen mit ihren Schützlingen, denn die Gruppe ist aufeinander angewiesen in ihrer täglichen Arbeit auf dem Hof. 

Die Bewohner werden genau ausgewählt

Nicht jeder ist für das Leben und die Arbeit auf dem abgeschiedenen Bauernhof geeignet. Nur abends und am Wochenende sind die Bewohner auf sich allein gestellt. Deshalb wird genau geschaut, wer von seinen Fähigkeiten her geeignet ist, auf dem Mittelberger Hof seinen Weg zurück in den Alltag zu finden. "Ich will wieder Teil der Gesellschaft werden", sagt Matthias gedankenverloren, während er das Gemüsebeet gießt, in dem schöne, grüne Zucchini liegen. 

Haus Bodelschwingh
Bild: Gustav Holzwarth

Matthias kann handwerkliches Geschick einbringen

Das Obst und Gemüse, oder die Eier aus dem Hühnerstall, werden im angrenzenden Hofladen verkauft. "Matthias ist unser Verkaufsleiter", erzählt Elena Frenk stolz. Und tatsächlich, der Koch ist total in seinem Element, als er mir im Verkaufsraum zeigt und was es hier alles gibt.

Mit einer gewissen Portion an Selbstbewusstsein zeigt mir Matthias die Halterungen für Hundenäpfe, die er selbst gemacht hat. Auch solche Produkte werden im Hofladen verkauft. Viele Wanderer kommen hier vorbei und kaufen ein, mittlerweile gibt es aber auch einen festen Kreis an Stammkunden. 

Haus Bodelschwingh
Die "Hundebars" für die Futternäpfe hat Matthias in der Holzwerkstatt gebaut. | Bild: Gustav Holzwarth

Das Leben auf dem Mittelberger Hof ist streng durchgetaktet und in drei Bereiche eingeteilt: Küche und Haushalt, Werkstatt und die Versorgung der Tiere. "Unsere Bewohner wechseln sich in diesen Diensten jede Woche ab", sagt Sozialpädagogin Elena Frenk.

Nach fast einem Jahr hier auf dem Hof fühlt sich die Arbeit für Matthias nicht mehr wie Arbeit an: "Ich mache das freiwillig und gern, weil ich weiß, dass beispielsweise die Tiere auf mich angewiesen sind!" Diese alltäglichen Aufgaben sollen helfen, dass sich die Bewohner irgendwann wieder komplett selbstständig versorgen können. "Ich habe hier die Chance, wieder in ein selbstbestimmtes Leben zu kommen", erzählt Matthias dankbar. Ich nicke bewundernd, denn ich merke, dass Matthias das wirklich will, wieder in die Spur finden und seine Familie nicht zu enttäuschen. 

Ein bisschen Spaß muss sein

Trotz aller Arbeit, die die Bewohner auf dem Bauernhof leisten müssen, ein bisschen Freizeit haben sie trotzdem. Die verbringt Matthias, wenn er mal nicht bei seinen geliebten Tieren ist, beim Tischkicker- und beim Billardspielen. Gerade an den langen Winterabenden ist er davon nur schwer zu trennen. Erst wenn gegen 22 Uhr die Nachtruhe beginnt, räumt der gelernte Koch (etwas) widerwillig seinen Platz im Gemeinschaftsraum, wie er mir bei einer Partie Billard verrät. 

Haus Bodelschwingh
Ein bisschen Spaß muss sein, nicht nur Arbeit. | Bild: Gustav Holzwarth

Ab und an zieht es Matthias auch zu seiner Familie in der Nähe von Berlin. Doch auch dabei steht er jeden Tag mit den Betreuerinnen Elena Frenk und Bettina Kuschel in Kontakt - denn er will wissen, wie es den tierischen Mitbewohnern geht. Nach spätestens einer Woche wird die Sehnsucht allerdings so groß, dass er wieder zurückkommt. Schließlich warten "seine" Tiere auf dem Bauernhof auf ihn.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Sie sind der Erste, der einen Kommentar schreibt – vielen Dank!
Schreiben Sie Ihre Meinung
Ein neues Posting hinzufügen
Fett Kursiv Link Zitat
Sie dürfen noch Zeichen schreiben