Energierebellen im Land (I)

Die katholische Kirche wendet sich vom Karlsruher Energiekonzern ab (Foto: ka-news)
Ein Bericht von Josef-Otto Freudenreich

Freiburg/Karlsruhe - Mit Mesner Hummel hat das Energiesparen angefangen. Die Kosten für Gas und Öl sind gesunken, und die Erzdiözese Freiburg befand, dass jetzt zum großen Schlag ausgeholt werden müsse. Weg von der EnBW, hin zur Selbstversorgung - mit allen großen Kirchen im Land. Die Erzdiözese Freiburg ist mit 1.170 Kirchengemeinden das zweitgrößte katholische Bistum in Deutschland mit einer Ausdehnung vom Südschwarzwald bis an die hessische Grenze. Die Diözese zählt zu den Energierebellen im Land, wie neuerdings auch sieben Gemeinden am Bodensee - die in einem zweiten Beitrag vorgestellt werden.

Böse Zungen behaupten, der eiserne Vogel auf der Türklinke des Haupteingangs symbolisiere den Heiligen Geist, der es nie ins Innere geschafft habe. Genauer: ins erzbischöfliche Ordinariat zu Freiburg. Das mit dem Vogel stimmt natürlich nicht, denn drinnen sitzen Leute, die sehr wohl erleuchtet sind. Der Chef vorneweg, Robert Zollitsch, Vorsitzender der Bischofskonferenz, Deutschlands oberster Katholik. Er wird nicht müde, die Bewahrung der Schöpfung zu predigen, den Blick fest auf den Klimawandel und die Endlichkeit irdischer Schätze gerichtet. Dafür verleiht der Schmetterlingssammler auch einen Umweltpreis, bei dem jeder mitmachen kann, der nachhaltig unterwegs ist, und dafür darf Zollitsch bei den Grünen eine Rede halten.

Hummel: "Es lebe der Minirock im Haus"

So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass auch seine Mitarbeiter umweltbewegt sind. Der wichtigste, Energiefragen betreffend, ist der erzbischöfliche Oberrechtsdirektor Johannes Baumgartner. Der 51-jährige Jurist ist ein fröhlicher Mensch, der Freude am Rechnen hat. Auf seinem Schreibtisch liegt Mesner Hummel, eine Comicfigur, die zu allerlei Späßen aufgelegt ist, aber vor allem eins tun soll: die Gläubigen zum Sparen von Öl, Strom und Gas zu bringen. Der Mann im schwarzen Umhang, 3500-fach in Umlauf gebracht, hat Erfolg. Im vergangenen Jahr haben die 1170 Kirchengemeinden der Erzdiözese ihre Energiekosten um fast 20 Prozent gesenkt. Macht 4,4 Millionen Euro.

Sie haben Ölzähler, Zeitschaltuhren, Energiesparlampen, Strommessgeräte eingebaut und in den Gemeindesälen die langen Vorhänge vor den Heizkörpern gekappt. "Es lebe der Minirock im Haus", lockt Hummel in luftiger Sprache, was so manchen Gottesmann womöglich behend hat zur Schere greifen lassen. Auch das Abdichten kirchlicher Fenster ist keine Sünde, beruhigt der Mesner, weht der Heilige Geist doch, wo er will. Er dringt noch durch die kleinste Ritze. Über solche Sprüche kann sich der Oberrechtsdirektor prächtig amüsieren.

Aber jetzt wird's ernst. Was zum 1. Januar 2009 kommt, ist bundesweit einmalig: ein Energieverbund aller großen Kirchen eines Bundeslands. Nach zehn Jahren zäher Arbeit hat es Baumgartner geschafft, die Diözesen Freiburg und Rottenburg sowie die evangelischen Landeskirchen von Württemberg und Baden zusammenzuführen. Unter dem Namen "KSE" haben sie die "Gesellschaft zur Energieversorgung der kirchlichen und sozialen Einrichtungen mbH" gegründet, die das Gasgeschäft für die Gottes-, Pfarr- und Gemeindehäuser sowie Kindergärten übernehmen wird. Dazu gehören auch Diakonie und Caritas, nicht jedoch Privatkunden. Der Bischof könne seine Schäfchen nicht aufrufen, den Anbieter zu wechseln, heißt es, man wolle, um Gottes willen, den Eindruck vermeiden, als Konkurrent aufzutreten.

Wie schmerzhaft ist der Verlust der Kirche?

Das ist die KSE schon jetzt. Bevor das erste Gas über die klerikalen Zähler läuft, droht ein württembergischer Oberbürgermeister einem kirchlichen Internat, er lasse die Schüler nicht mehr im Hallenbad schwimmen, sollten seine Stadtwerke den Auftrag verlieren. In der KSE-Geschäftsstelle in Ravensburg laufen Anrufe empörter Stadtväter ein, die den "gemeindlichen Frieden" gestört sehen. Ihre Weihnachtsbäume stellten sich die Pfarrer gerne vor die Kirchen, schimpfen sie, und dann zum Dank den Hahn abdrehen.

Der Hauptgegner ist freilich ein anderer: die EnBW, der Monopolist im Land. Wenn ein paar Ökos zu den Schönauer Stromrebellen wechseln, okay, wenn ein paar Stadtwerke ausscheren, Betriebsunfall. Aber die Kirchen auf einen Schlag zu verlieren - das tut weh. Zumal sie ihren Schritt mit einer Botschaft versehen: weg von den Giganten, hin zum Wettbewerb. Baumgartner erzählt, sein Generalvikar sei bestens gelaunt von einer Pfarrversammlung zurückgekehrt, bei der zum Kampf gegen die Konzerne aufgerufen worden sei. "Da sind wir dabei", habe der geistliche Würdenträger eifrig eingeworfen und selten so viel Beifall erhalten. "Super, dass ihr das macht", haben die Katholiken gerufen.

Da Kirchenmenschen stets auf Ausgleich und Versöhnen bedacht sind, spricht Baumgartner natürlich nicht vom Kampf. Stattdessen sagt er, die EnBW könne jederzeit Gas an die KSE liefern - zu einem "fairen Preis" und "auf Augenhöhe" ausgehandelt. Dann sei sie mit im Boot. Da ist er großzügig, der Vorsitzende der Ritter vom Heiligen Grab, Sektion Süd, einem einflussreichen Orden des Papstes, der in der Tradition der Kreuzzüge steht. Was er nicht sagt, ist, dass sich in den letzten Jahren viel Ärger aufgestaut hat über das Geschäftsgebaren des Karlsruher Konzerns.

Aufstand im Himmelreich des Barock

Erst Ende 2007 hat die Evangelische Landeskirche Württemberg ihren Gasvertrag mit der EnBW gekündigt, nachdem die Badener wie "Gutsherren" in der Stuttgarter Gänsheide aufgetreten waren. Im solarbedachten Hauptquartier der Landeskirche boten sie vierteljährliche Preiserhöhungen und Mindestabnahmemengen an, was selbst sanfte Gemüter wie Oberkirchenrat Rudolf Pfisterer auf die Palme trieb. Fortan war dort von Wegelagerei und Knebelverträgen die Rede und das Geschäft perdu. Lieferant ist seitdem die Freiburger Badenova, die sich gerne mit einem grünen Mäntelchen schmückt.

Schon damals war auch die Diözese Rottenburg auf dem Sprung zur Badenova, sie hielt aber noch einmal still, nachdem die EnBW ein verbessertes Angebot vorgelegt hatte. Was noch zählt, sind die innigen Beziehungen der Rottenburger zum Hauptaktionär des Energieriesen, zu den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken (OEW), die auch als Loge der Landräte durchgehen können. Und die sind alle katholisch. Viele Kirchen und Klöster im Himmelreich des Barock haben von der OEW profitiert, viele Würdenträger beider Seiten sitzen gemeinsam in Gremien, und jetzt hauen die Gottesmänner einfach ab.

Bitter ist die Abspaltung für den Ravensburger Landrat und OEW-Vorsitzenden Kurt Widmaier (CDU). Er muss mit ansehen, wie eine Tradition endet, die seine Vorgänger gegründet haben. Wilfried Steuer, Wolfgang Schürle, Peter Schneider - alle waren sie der OEW und der Kirche verbunden, zu Nutz und Frommen beider. Das ist nun Geschichte. Von 2011 an wollen sich die Bischöfe auch beim Strom selbstständig machen - ohne Atom. Dann geht es um 120 Millionen Euro.

[Josef-Otto Freudenreich ist Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung". Der Beitrag erschien dort am Mittwoch, 23. Juli. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Freudenreich ist am Montag, 22. September, mit einer Lesung aus seinem Buch "Wir können alles" im Karlsruher Tollhaus zu Gast (ka-news berichtete).]

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.