Karlsruhe Ende der Gerüchteküche

Daniel Melchien ist zuversichtlich, den Kurswechsel im Rathaus zu vollbringen. (Foto: ka-news)
Wurde die vorigen Wochen von den Karlsruher Jusos und deren Vorsitzenden Daniel Melchien gesprochen, hieß es immer wieder: "Die wurden doch verarscht." Der Ursprung dieses Gerüchts kann zwar nicht zurück verfolgt werden, dafür kann aber geklärt werden, was es damit auf sich hat. Lauthals verkündete Melchien noch voriges Jahr, er wolle für den Gemeinderat kandidieren. Doch als dann die SPD-Kandidaten fest standen, war vom 20-jährigen Melchien nichts zu sehen. "Der hat den Mund zu voll genommen", hieß es dann von allen Seiten. Gegenüber ka-news erklärt er nun die wahren Hintergründe.

Die Kandidatur des Juso-Vorsitzenden war nämlich mit der Bedingung verknüpft, dass er hier in Karlsruhe Neue und Neueste Geschichte studiert. Doch statt dessen fängt er nun eine Ausbildung im gehobenen Dienst an. "Bei dieser Ausbildung gibt es einen bestimmten Rhythmus. Ein Jahr verbringe ich in einer benachbarten Kommune und anschließend ein anderes Jahr in Kehl." Das seien nicht die Bedingungen, unter denen er Kommunalpolitik betreiben will. "Diese Funktion wäre mir zu wichtig gewesen, als dass ich zweigleisig fahren könnte", fügt Melchien hinzu.

Jusos auch ohne Melchien im Gemeinderat?

Dies erklärt aber noch lange nicht, wieso kaum jemand dieses Gerücht in Frage gestellt hat. Es wirkte allzu normal und gewöhnlich, anscheinend gingen bereits sehr viele Karlsruher von einem schlechten Verhältnis zwischen der Partei und ihren Zöglingen aus. Historisch betrachtet spricht an sich auch nichts gegen diese Annahme. Mussten die Jusos - zumindest auf Bundesebene - doch immer von der SPD gezügelt werden. Doch in Karlsruhe, versichert Melchien, sei das Verhältnis einwandfrei. "Wir kämpfen doch nicht gegen die eigenen Genossen", bekennt er. So hätte ihm unter anderem auch Bürgermeister Harald Denecken, den der Juso-Vorsitzende zu seinen politischen Vorbildern zählt, zu einer Kandidatur geraten und eine erfolgsversprechende Listenplatzierung sei äußerst wahrscheinlich gewesen, beurteilt Melchien seine Gespräche mit der SPD-Spitze.

Doch zu diesem Zeitpunkt war noch niemandem bewusst, dass die SPD durch die Kampfabstimmung um den derzeitigen Fraktionsvorsitzenden Heinrich Maul einen unabsehbaren Image-Verlust erleiden würde. Dass die aktuelle Nummer eins nur auf dem zwölften Platz geführt wurde und eigenmächtig um den vierten Platz kämpfte, stank vielen Karlsruhern geradezu nach parteiinternem Streit. Wen mochte es dann noch überraschen, dass der allem Anschein nach willige Daniel Melchien nicht berücksichtigt wurde? Doch auch ohne den 20-Jährigen sind die Jusos im nächsten Gemeinderat wahrscheinlich mit von der Partie. Ihrer Kandidatin Natascha Roth, 31 Jahre alt, stehen mit dem elften Listenplatz viele Wege offen. Hier sieht Melchien ein weiteres Beleg für die gute Kooperation mit der großen Partei.

"JU spielt mit der Angst der Menschen"

Aber inhaltlich, könnten Kritiker bemängeln, gehen Jusos und SPD doch getrennte Wege. Das mag auch stimmen. Während die Jusos eine teure Kulturhauptstadtbewerbung ablehnen, "weil die Bürger von diesem Prestige-Gebilde nicht profitieren", so Melchien, stimmt die SPD diesem Unterfangen mit einigen zweifelnden Untertönen zu. Und während sich die Jusos schon zu einem frühen Zeitpunkt zum Verbleib der Ex-Steffi und der Kulturoase bekennen, benötigte die SPD lange Zeit für eine öffentliche Positionierung. Daraus entstünde jedoch kein Streit, versichert Melchien. Denn die SPD habe mehr Verantwortung als die Jusos, müsste auch auf mehr Faktoren achten als die Zöglingsorganisation. Die Karlsruher Jusos beharren allem Anschein nach nicht darauf, dass die Großen nach ihrer Pfeife tanzen, auch wenn es ihr Ruf eigentlich verlangt.

So wie die SPD ihren traditionellen Gegner in der CDU hat, führen die Jungorganisationen dieser Parteien den Kampf fort. Als die Junge Union (JU) drei Punkte aus ihrem Wahlprogramm veröffentlichte, wurde Karlsruhe erneut Zeuge dieser Rivalität. "Eigentlich beachte ich die JU nicht", behauptet Melchien, "aber ihre Aussagen zur Ex-Steffi fand ich empörend. Sie sind offensichtlich der Meinung, für solche Menschen gäbe es keinen Platz in Karlsruhe." Als bekennender Christ wären ihm solche Worte nie über die Lippen gekommen, so der Juso-Vorsitzende weiter. Auch beim Thema Videoüberwachung spiele die Junge Union seiner Meinung nach nur mit der Angst der Menschen.

Blickpunkt: Kurswechsel im Gemeinderat

"Dann wird uns auch noch vorgeworfen, dass wir kein Wahlprogramm haben. Eigentlich müsste man sich doch fragen, wofür Organisationen, die nicht zur Wahl stehen, ein Wahlprogramm erarbeiten! Das ist unnötig und irritiert die Bevölkerung." Die Jusos hätten statt dessen Grundsätze und Prioritäten, so Melchien. "Wir stehen für die Vision einer aktiven sozialen Stadt. Außerdem muss die Stadt ihrer Verantwortung als Schulträger gerecht werden." In diesem Zusammenhang fordert er mehr Sport- und Technikräume an den Schulen, ein Tätigkeitsfeld, das ihn seit seiner Schulsprecherzeit am Lessing-Gymnasium verfolgt. Priorität habe hierbei eine Sporthalle im Beiertheimer Feld, da der Sportunterricht in den umliegenden Schulen unter "unmöglichen Bedingungen" statt fände. Ein weiterer Punkt, der Melchien sehr am Herzen liegt, ist die Integration von Spätaussiedlern. Hier hat er zur Zeit auch die Gelegenheit, selbst Hand anzulegen.

"Ich beschäftige mich bei meinem Praktikum im Stadtjugendausschuss intensiv damit. Diese Arbeit ist mir sehr wichtig, weil ich keiner von den Politikern sein will, die Gelder kürzen, ohne eine Ahnung davon zu haben, was dort überhaupt getätigt wird." Hiermit hat sich auch die Frage nach seinem späteren Werdegang erübrigt. Doch anders als viele seiner Juso-Kollegen, zieht es ihn nicht nach Berlin. "Ich möchte auch nach meiner Ausbildung in der Karlsruher Politik tätig sein", gibt Melchien zu. Und einem Bürgermeisterposten wäre er alles andere als abgeneigt.

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