EnBW-Pläne bei Germersheim

Trügerisches Idyll: Insel Grün
(Foto: ka-news)
Ein Bericht von Meinrad Heck

Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) hat in Karlsruhe mit dem Bau eines Kohlekraftwerks begonnen. Fast unbemerkt werden bereits die Weichen für ein neues Kohlekraftwerk im wenige Kilometer entfernten pfälzischen Germersheim gestellt.

Die Insel Grün hält nicht mehr, was ihr Name verspricht. Das Eiland in den Rheinauen bei Germersheim gehört dem Daimler-Konzern. Ein Lager für Zehntausende von Autos und an der Spitze der Insel ist noch ein Flecken von knapp 800 mal 400 Metern unbebaut. Spätestens seit 2006 hat die EnBW ein Auge auf diese Fläche geworfen. Hinter verschlossenen Türen hatte der Energiekonzern damals den Gemeinderat im pfälzischen Germersheim darüber informiert, dass dieser Flecken als Standort für ein neues Kohlekraftwerk durchaus in Betracht komme. Damals waren die pfälzischen Stadtväter noch wohlwollend gewesen. Kritische Klimadebatten wurden noch nicht so intensiv geführt wie heute.

Verbrennungsanlagen, Kohle- und Atomkraftwerke

Das Projekt Germersheim wurde 2006 eher am Rande wahrgenommen. Nach außen verfolgte der Energiekonzern die Strategie, am Konzernsitz Karlsruhe zu investieren. Mit einer Milliarde Euro wird im dortigen Rheinhafen ein altes Kohlekraftwerk zu einem neuen 2100-Megawatt-Riesen umgebaut. Der Plan ist weit fortgeschritten. Die Anhörungsverfahren im badischen Landesteil sind so gut wie abgeschlossen. Um im Zeitplan - Fertigstellung bis 2011 - zu bleiben, durfte die EnBW dort schon vor der offiziellen Genehmigung mit dem Bau beginnen.

Umweltverbände, Kinderärzte und selbst die evangelische Kirche hatten wegen der befürchteten Feinstaubbelastung heftigen, aber erfolglosen Protest eingelegt. Am Rhein bei Karlsruhe rauchen schon die Schlote der Papierfabrik Stora Enso, die fast in Steinwurfweite vom geplanten EnBW-Block einen eigenen und zusätzlichen Verbrennungsofen plant, um daraus die Abwärme zu nutzen. Wenige Kilometer nördlich stehen die beiden Blöcke des EnBW-Kernkraftwerks Philippsburg und fast in Sichtweite könnte in Germersheim noch ein neuer Meiler entstehen.

Entscheidung für Standort Germersheim schon gefällt?

Vergangene Woche präsentiert der Konzern dem Germersheimer Gemeinderat - wieder hinter verschlossenen Türen - erste Details. Mit importierter Steinkohle würde die EnBW den geplanten 900-Megawatt-Block auf der Insel Grün befeuern. Diese Insel sei "generell geeignet", befindet die EnBW. Die pfälzische Kleinstadt könnte sich "auf zwei bis drei Millionen Euro" Gewerbesteuer und 80 bis 100 Arbeitsplätze freuen. Der Energieriese liebäugele "mit einer Option für einen zweiten Block". Die Emission von Stickoxiden werde knapp 200 Tonnen im Jahr betragen, die Feinstaubbelastung solle sich allenfalls um ein Prozent erhöhen, als Betriebszeit peilt die EnBW knapp 40 Jahre an. Teilnehmer der Sitzung berichten im Vertrauen, bei der Präsentation der Pläne mit einem 120 Meter hohen Kühlturm sei "ein Raunen" durch den Saal gegangen.

Öffentlich ließ Germersheims Bürgermeister Dieter Hänlein nach dem Treffen verlauten, seine Stadt habe "keinerlei Einfluss" auf das Projekt. Die Insel Grün sei laut Bebauungsplan "reinstes Industriegebiet", ein Kraftwerk damit rechtlich dem Grundsatz nach nicht zu verhindern. Lokalen Medien gegenüber erklärte das Stadtoberhaupt, seinem Eindruck nach habe sich die EnBW - obwohl sie das öffentlich ausdrücklich nicht erklärt - für den Standort Germersheim bereits entschieden.

Gegner fordern auch hier ein Gaskraftwerk als Alternative

"Sie sind jetzt", erklärte ein anderer Kommunalpolitiker, "bereits zum zweiten Mal da, was sonst sollen wir daraus schließen?" 250 Kritiker hatten sich - von der Polizei auf Distanz gehalten - nahe der EnBW-Infoveranstaltung in der Pfalz eingefunden. Sie machen sich gegenseitig Mut. "Wir haben viele Mitstreiter in der Region", sagen die Germersheimer Grünen. Jetzt wollen sich die Gegner vernetzen. Sie wollen - wenn überhaupt - nach dem Atomausstieg statt eines Kohle- allenfalls ein umweltfreundlicheres Gaskraftwerk akzeptieren. Eine offizielle Entscheidung der EnBW erwarten Beobachter frühestens in einem Jahr.

[Meinrad Heck ist Karlsruhe-Korrespondent der "Stuttgarter Zeitung". Der Beitrag erschien dort am heutigen Montag, 14. April. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.]

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