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Karlsruhe Eine Manege ohne Elefanten: Was bedeutet das Karlsruher Wildtierverbot für Zirkusse?

Künftig keine Wildtiere mehr im Zirkus? Darauf einigte sich der Karlsruher Gemeinderat im September. Doch was bedeutet diese Entscheidung nun? Wohin mit den Zirkustieren nach dem Verbot? Und was sagt der Karlsruher Zoo dazu, der sich seit einigen Jahren auf ehemalige Zirkuselefanten spezialisiert hat? ka-news ist dem nachgegangen und hat auch mit einem Zirkusbetreiber gesprochen.

Im September beschloss der Karlsruher Gemeinderat ein Wildtierverbot für Zirkusse auf Karlsruher Flächen. Initiiert wurde das Verbot durch einen Antrag der SPD. Solche kommunalen Verbote nehmen in den vergangenen Jahren deutschlandweit zu. Vor allem die Grünen-Fraktion freut sich über diesen Beschluss, allerdings mit einer kleinen Einschränkung.

"Es ist zumindest insoweit ein Teilerfolg, als im Gemeinderat erstmals eine Mehrheit für ein Wildtierverbot erreicht wurde", so Renate Rastätter, Stadträtin der Grünen. Seit 2010 hat ihre Fraktion bereits vier Anträge im Gemeinderat gestellt, die allesamt gescheitert sind, auch am Veto der SPD.

Elefanten im Zirkus
(Symbolbild) | Bild: pixabay.com

Die bisherigen Anträge haben sich immer auf das Argument des Tierschutzes gestützt. "Diese wurden von der Stadtverwaltung abgelehnt mit der Begründung, dass dazu keine Rechtsgrundlage für die Kommunen bestehen würde. Nur der Bund könne eine solche Verordnung erlassen", so Rastätter weiter. Über dem Wohl des Tieres stehe juristisch gesehen noch ein anderes Gebot, das der Berufswahlfreiheit, ergänzt Rastätter.

"Das ist jetzt der Trick 17"

Im neuen Antrag der SPD ging es nun um die Gefahr, die von einigen Tieren für den Menschen ausgeht. "Damit liegt der Fokus nicht mehr auf dem Tierwohl, sondern auf dem Wohl des Menschen", beklagt Rastätter.

Wildtierverbot II
Pferde in der Manege des "Circus Carl Busch". | Bild: www.kaya-photographie

Auch der Pressesprecher vom "Circus Carl Busch", der 2018 auch wieder in Karlsruhe Station machte, beurteilt die Herangehensweise der SPD als fraglich: "Das ist jetzt der Trick 17 von unsern Politikern. Jetzt gehen sie über das Gefährlichkeitsargument. Und das ist total lächerlich. Vergleichen Sie einfach mal wie viele gefährliche, tödliche Unfälle es mit Zirkustieren in den letzten Jahren gab und wie viele es mit Hunden gibt", so Sven Rindfleisch vom Zirkus "Carl Busch".

Für Tiere bedeutet das Zirkusleben Stress

Die Grünen haben dem Antrag dennoch zugestimmt, da es einen "weiteren Baustein" auf dem Weg zu einem bundesweiten Verbot darstellt. Für Rastätter ist vor allem der enorme Stress, dem Tiere im Zirkus ausgesetzt sind, ein Problem. Insbesondere Bären als typische Einzelgänger hätten es da schwer. Für sie sei es "eine Ausnahmesituation, wenn sie in einem kleinen Gehege eingesperrt werden und sogar mit vielen Artgenossen in der Manege auftreten müssen", erklärt Rastätter.

Renate Rastätter
Sitzt für die Grünen-Fraktion im Gemeinderat: Renate Rastätter. | Bild: Christine Weber, Print & Webdesign

Neben aggressiveren Verhaltensweisen reagieren die Tiere auf diesen Stress durch ein oft zu beobachtendes Phänomen: "ständiges Hin-und Herlaufen im Käfig, ohne jemals zur Ruhe oder Entspannung zu kommen", meint Rastätter. Nach Meinung der Grünen-Abgeordneten findet eine Entwürdigung der Tiere statt: "Die Tiere werden zu Verhaltensweisen gezwungen, die in der Natur nicht vorkommen, wie Kopfstände von Elefanten beispielsweise."

Das Wohlfühlen steht für die Tiere über allem

Sven Rindfleisch widerspricht den Vorwürfen einer nicht artgerechten Haltung: "Natürlich kann ein Zirkus einem Tier keine Savanne, keinen Dschungel, keine Wildnis, kein Afrika bieten. Darum geht es aber auch nicht. Ein Tier muss sich wohlfühlen, genau wie der Mensch", betont er und fügt hinzu: "Wohlfühlen bei Tieren heißt vor allen Dingen: genug Futter, Abwechslung und Interaktion mit Artgenossen."

Auch der geringe Platz in den Gehegen sei kein Problem: "Ein Elefant oder ein Tiger geht nicht spazieren wie ein Mensch das macht, sondern weil sie Futter suchen", so Rindfleisch. Das würden auch Studien belegen: "Die Größe eines Reviers eines Tieres richtet sich nach dem Angebot an Futtertieren. Je mehr Futtertiere es gibt, umso kleiner ist das Revier", erläutert Rindfleisch. Die fehlenden Jagdbewegungen werden durch die Auftritte in der Manege ausgeglichen: "Da haben sie Adrenalin. Da haben sie Action. Da haben sie Sport", betont der Pressesprecher.

Wildtierverbot I
Bald keine Wildtiere mehr im Zirkus? Hier Kamele in der Manege des "Circus Carl Busch". | Bild: Photographer: Sascha Humpel

Er hält auch nichts von Pauschalisierungen wegen einzelner negativer Vorfälle in Zirkussen. Stattdessen setzen er und sein Team auf Transparenz, um Vorurteilen entgegenwirken: "In Städten, wo es solche Diskussionen gibt, laden wird ja auch immer wieder die ganzen Stadträte ein, zu einem Blick hinter die Kulissen. Wer kommt? Keiner. Und wenn jemand kommt, dann von der CDU, die im Normalfall nichts gegen Wildtiere im Zirkus haben. Aber die Grünen, die SPD, die Linken, all die, die gegen Tiere im Zirkus sind, die zeigen sich einfach nicht", ärgert sich Rindfleisch. "Man kann nicht einfach irgendwas verbieten, was man überhaupt nicht kennt", ergänzt er.

Wohin mit den Zirkustieren?

Außerdem habe sich die Zirkusbranche in den vergangenen 15 Jahren nach seinen Aussagen gewandelt: "Man sieht heute keine Affen mehr, die Röckchen tragen. Diese ganze Vermenschlichung von Tieren, die es früher gab, gibt’s momentan nicht mehr." Ein bundesweites Gesetz zur Abschaffung von Wildtieren im Zirkus sieht Rindfleisch kritisch. Wenn es eines Tages keine Wildtiere mehr im Zirkus gibt, wäre das aus seiner Sicht für den Menschen "ein kultureller Rückschritt".

Elefant Nanda
Der ehemalige Zirkuselefant Nanda (rechts) soll in Karlsruhe seinen Alterswohnsitz finden. | Bild: Kyra Hoffmann

Auch Matthias Reinschmidt, Direktor des Karlsruher Zoos, sieht das geplante Wildtierverbot aufgrund der bislang fehlenden Auffangstationen für Zirkustiere in Europa mit Skepsis: "Das ist nicht zuende gedacht", bemängelt er. Das hat zur Folge, dass ausgediente Zirkustiere stattdessen oft "in osteuropäische Länder verkauft werden, an Privateinrichtungen, wo sie auch heute noch angekettet leben", erklärt Rastätter. Reinschmidt selbst weiß wovon er redet, hat sich doch der Karlsruher Zoo vor einigen Jahren auf Zirkuselefanten spezialisiert und bietet ihnen seitdem eine Altersresidenz,"die erste und bislang einzige ihrer Art in Europa", so der Zoo-Direktor.

Gemeinderatsbeschluss noch nicht endgültig

Für Reinschmidt und sein Team stellt die Arbeit mit den Elefanten eine spannende, aber zugleich ungewohnte Situation dar. Schließlich müssen die Tiere immer wieder beschäftigt werden, "um Stereotypen, die die Elefanten aus früheren Zeiten teilweise haben, entgegenzuwirken", berichtet Reinschmidt von seinen Erfahrungen. "Behinderungen einzelner Tiere, wie bei unserer blinden Nanda, die aus einem Berliner Zirkus stammt, haben uns vor ganz neue Herausforderungen gestellt", erklärt er gegenüber ka-news.

ELefanten im Zoo II
Elefantin Nanda in ihrer Altersresidenz. Sie ist durch den Grauen Star fast vollständig erblindet. | Bild: Zoo Karlsruhe/Timo Deible

Trotz des Teilerfolges im Gemeinderat bleibt Stadträtin Rastätter realistisch: "Die Stadtverwaltung wird sich jetzt erst einmal rechtlich informieren müssen, ob und wie ein solches Verbot in Karlsruhe zulässig ist." Wenn die Stadtverwaltung zu dem Schluss komme, dass das Verbot nicht umsetzbar sei, werde sie es auch nicht umsetzen, so Rastätter weiter.

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Kommentare (31)
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  •   Nachteule
    (529 Beiträge)

    08.11.2018 11:16 Uhr
    Populismus
    Da haben die grünen Spaßbremsen wieder mal zugeschlagen ohne vorherige juristische Prüfung. Die roten Populisten springen nach jedem Stöckchen. Das macht völlig unglaubwürdig wenn man in den Jahren vorher etliche Male den Antrag der Grünen abgelehnt hat. Aber nächstes Jahr ist Gemeinderatswahl.
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  •   melotronix
    (2614 Beiträge)

    08.11.2018 11:16 Uhr
    was bringt das Wildtierverbot?
    ....einen fortschrittlichen Zirkus...der Spreu trennt sich vom Weizen. Was übrig bleibt, kann sich auf dem Markt behaupten.
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  •   ALFPFIN
    (6291 Beiträge)

    08.11.2018 10:04 Uhr
    Zirkusse
    ohne Tiere, da wird es wohl bald keine Zirkusunternehmen mehr geben. Natürlich müssen die Tiere gut gehalten werden. Aber ein Zirkus nur mit Clowns und "Seilhüpfen", das werden die wenigsten überleben.
    Mich wundert immer wieder, dass die Grünen sich an diesem Thema von Zeit zu Zeit aufhängen. Inzwischen sind die Elefanten in einem Teil von Afrika oder zum Beispiel auf Sumatra vom Aussterben bedroht. Nach wie vor werden sie wegen des Elfenbeines gewildert. Kein Wort davon von den Grünen.

    Ja, und wie hier schon geschrieben, das Hündchen im lila Mäntelchen und die ganzen "Ver"Züchtungen von Hunderassen, die für diese Tiere zu einer Qual werden. Aber natürlich, so manch einer der Parteigänger oder Freunde hat so einen Hund. Da hat man dann keine Argumente dagegen. Wie bei so vielen Themen, die Grünen messen gerne mit zweierlei Maß.
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  •   stefko
    (1969 Beiträge)

    08.11.2018 12:19 Uhr
    "das werden die wenigsten überleben"
    Und? Dann überleben sie es halt nicht, stellt mMn keinen besonderen und vor allem keinen kulturellen Verlust dar.
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  •   bingobongo
    (198 Beiträge)

    08.11.2018 10:48 Uhr
    Und weiter?
    Die Menschenschauen des 18./19. Jahrhunderts gibts heute auch nicht mehr. War das jetzt ein "Kultureller Rückschritt" oder eher ein "Kultureller Fortschritt".

    Aus dem Blickwinkel eines Zirkusdirektors ist natürlich der Zirkus mit Wildtieren das Kulturelle Non-Plus-Ultra.........
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  •   betablocker
    (3546 Beiträge)

    08.11.2018 10:11 Uhr
    Stimmt,
    die wenigsten von denen werden die Cannabisfreigabe aus 'medizinischen Gründen' fordern. grinsen
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  •   ALFPFIN
    (6291 Beiträge)

    08.11.2018 10:25 Uhr
    Den Nagel
    genau auf den Kopf getroffen oder Cannabisrauchzeichen richtig gedeutet. grinsen
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  •   suedoschtkarle
    (183 Beiträge)

    08.11.2018 09:42 Uhr
    Wildtiere haben...
    ...im Zirkus nichts mehr zu suchen, damit bin ich einverstanden. Aber ein totales Verbot ist m.E. Unsinn und auch rechtlich anfechtbar. Ein weiterer Zukauf und die Zucht von Wildtieren außerhalb von zoologischen Gärten sollte verboten werden. Damit können weiterhin Zirkuselefanten, Löwen, Tiger etc. auftreten, bis sie ganz natürlich aus Altersgründen aus dem Zirkus verschwinden. Zirkusse müssen sich eben auf andere Tiere umstellen, was mit Pferden ja sehr gut gelingt.
    Richtig ärgert mich das Zitat: "Ein bundesweites Gesetz zur Abschaffung von Wildtieren im Zirkus sieht Rindfleisch kritisch. Wenn es eines Tages keine Wildtiere mehr im Zirkus gibt, wäre das aus seiner Sicht für den Menschen "ein kultureller Rückschritt".
    Ein artgerechter Umgang mit allen Tieren sollte ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur sein. Was für einen kulturellen Gewinn haben Kinder, wenn sie dressierte Tiere im Zirkus beobachten?
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  •   heikoka
    (305 Beiträge)

    08.11.2018 09:28 Uhr
    Nach Meinung der Grünen-Abgeordneten findet eine Entwürdigung der Tiere stat
    .. wie entwürdigt ist dann ein typischer Handtaschenhund im pinkfarbenen Regenmantel - vielleicht sollte man das mal verbeiten.
    Oder ein Doberman im Käfig hinten im Golf Kombi - ist das Artgerecht ??
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  •   timo
    (3068 Beiträge)

    08.11.2018 18:06 Uhr
    Ein Doberman
    ist ein Wildtier? Und täglich die meiste Zeit im Kofferraum?
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