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Claus Mattheck: Physiker und "Baumflüsterer"

Der Enthusiasmus von Claus Mattheck ist hochgradig ansteckend: Begeistert lauscht man den Worten des herzlichen Forschers, der mit John-Lennon-Brille und Prinz-Eisenherz-Frisur in euphorischem Sächsisch von seiner jüngsten Entdeckung berichtet: "Die Konturen der Baumgabel finden Sie auch in den erodierten Zonen mancher Eisschollen. Da geht doch der Punk ab!"

Bäume waren Ideengeber für Matthecks Methode der Zugdreiecke, die Kerbformen in vielen Bereichen der Natur beschreibt - unter anderem die Blätter der Roteiche, welche Blattadern mit offenbar formoptimierten Buchten (Kerben) haben. Auch Bärenzähne oder die Stacheln von Schnecken weisen diese Universalkontur auf. In seinem Buch "Verborgene Gestaltgesetze der Natur" präsentiert Mattheck die - computerfreien, mit Bleistift und Geodreieck entwickelten - graphischen Methoden, mit welchen leichte und dauerfeste Bauteile entworfen werden können.

Claus Mattheck versteht Englisch, etwas Russisch, Französisch - und die Sprache der Bäume.

Der "Baumflüsterer" oder "Baumpapst", wie ihn die Medien bezeichnen, schlägt die Brücke zwischen Natur und Technik: Der Professor für Schadenskunde ist Vorreiter der Wissenschaft der Bionik, die biologische Prozesse in technische Produkte überführt. Die Visual-Tree-Assessment-Methode (VTA) ist eine von ihm entwickelte visuelle Baumdiagnose, bei der Wurzel, Stamm und Krone auf sichtbare Schadmerkmale untersucht werden und eine eventuelle Beeinträchtigung der Bruch- oder Standfestigkeit des Baumes erkannt werden kann.

Mattheck hat die mechanische Belastbarkeit von Bäumen nachgewiesen und das Prinzip auf technische Bauteile übertragen, wodurch mechanische Spannungen verteilt und gefährliche Spannungskonzentration vermieden werden kann. Die Ergebnisse seiner Methoden finden Anwendung bei Waschmaschinen, künstlichen Hüftprothesen und Zahnimplantaten.

Bis zu 60 Vorträge in aller Welt (darunter Singapur, Australien oder USA) jedes Jahr, mehr als 200 Fachpublikationen, etliche Buchpublikationen und Patente sowie unzählige Preise, von denen der renommierte Deutsche Umweltpreis 2003 hervorzuheben ist, legen eindrucksvoll Zeugnis von seinem Leben für die Forschung ab.

Die Ergebnisse seiner "naturnahen Trüffelhundmechanik" sind nicht geschützt. "Gießer, Metallformer und Haushaltshersteller der deutschen Industrie sind aufgeschlossen gegenüber meinen Methoden", so Mattheck, der für eine "Schadenskunde für Jedermann" lebt. Seine Methoden "soll jeder nehmen können, damit weniger Fehlkonstruktionen gekauft werden".

Wissensvermittlung und Verständnis sind dem sympathischen Abteilungsleiter für Biomechanik am Institut für Materialforschung II des Forschungszentrums Karlsruhe wichtig. Besonders die Jugend hat der Menschenfreund als Zielgruppe seiner Bücher auserkoren, schließlich gehen aus dieser Generation die Ingenieure der Zukunft hervor.

"Mit welcher Ernsthaftigkeit Kinder ihre Experimente vorstellen, da kommen einem fast die Tränen", schwärmt er von der Preisverleihung des Jugendwettbewerbs im Bereich Naturwissenschaften und Technik von "Jugend forscht" in Passau. Und so konzipiert Mattheck anstatt trockener Mechanik-Lehrbücher der klassischen Art Wissenschaftscartoons wie "Stupsi erklärt den Baum" oder "Warum alles kaputt geht", in denen der Igel Stupsi mit seiner roten Mütze kleinen und großen Lesern die Körpersprache der Bäume übersetzt oder Pauli, der Bär, den Kampf der Belastung gegen Material und Form veranschaulicht. Die Bücher können über die Karlsruher Buchhandlung Mende (info@mende.de) oder über den unten angegebenen Link bezogen werden.

Claus Mattheck wird am 11. November 1947 in Dresden geboren. Nach seinem Physikstudium promoviert er 1973 in Jena in Theoretischer Physik über "Wärmeleitung in Halbleitern". Wegen seines Fluchtversuchs aus der ehemaligen DDR (mit dem Schlauchboot über die Ostsee) ist er zwischen 1974 und 1976 politischer Häftling im Zuchthaus Cottbus und verfasst dort - zusammen mit einem mitgefangenen Arzt - Arbeiten über Blutströmung in der Plazenta. 1976 arbeitet er als Assistent am Physiologischen Institut der Universität Essen und anschließend als Assistent im Fachbereich Mechanik der Universität Paderborn (Bruchmechanik). Von 1978 bis 1980 ist er Berechnungsingenieur bei der AG Brown, Boveri & Cie in Mannheim. Seit 1980 ist er am Forschungszentrum Karlsruhe tätig. Er habilitiert im Fach Schadenskunde an der Universität Karlsruhe; die Abteilung Biomechanik des Forschungszentrums leitet er seit 22 Jahren. Claus Mattheck arbeitet auch als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für "Mechanik und Bruchverhalten der Bäume und Phänomenologie der Holzzersetzung durch Pilze" und für "Ermüdungsbrüche mechanischer Bauteile".

Beschreiben Sie sich mit drei Worten:
Unkonventionell, naturnahe, emotional.

Was ist Ihre größte Stärke?
Konzentrationsfähigkeit, Querdenken.

Was ist Ihre größte Schwäche?
Die englische Bulldogge.

Was war als Kind oder Jugendlicher Ihr Traumberuf? Haben Sie damals jemals daran gedacht, das zu werden, was Sie heute sind?
Förster. Jetzt bin ich Wissenschaftsförster.

Was würden Sie im Leben gerne noch erreichen?
Volksmechanik für alle, schadenskundliches Denken.

Was nervt Ihre/n Partner/in am meisten an Ihnen?
Kein Kommentar.

Auf welchen Gegenstand möchten Sie im Leben nicht verzichten?
Hunde, Zeichenzeug und Großkaliberwaffen.

Wen würden Sie gerne auf den Mond schießen?
Die meisten sind schon dort. Außerdem: Die Verursacher der Rechtschreibreform.

Welcher Mensch beeindruckt Sie?
Der deutsche Dichter Friedrich Schiller und die Kraft seiner literarischen Sprache.

Welche Musik (Interpret und Titel) und welcher Film haben Sie am meisten beeindruckt?
Beatles und "Jenseits von Afrika".

Welches Buch haben Sie als letztes gelesen?
Eine Balladensammlung von Friedrich Schiller.

Sie werden als Tier geboren. Als welches?
Als singender und musizierender Starmatz.

Sie tauschen einen Tag mit einer Person des anderen Geschlechts - wer wäre das?
Das will ich nicht.

Was finden Sie an Karlsruhe reizvoll?
Ich mag keine Großstädte, sondern liebe das Landleben. Ansonsten: Das Forschungszentrum Karlsruhe.

Was würden Sie an Karlsruhe ändern, wenn Sie Oberbürgermeister/in wären?
Das weiß ich nicht!

Welches sind die markantesten Karlsruher / deutschen Köpfe?
Standfeste Leute wie Hans-Olaf Henkel, ehemaliger Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Sie leben in einem anderen Land. Welcher Grund könnte Sie dazu bewegen beziehungsweise davon abhalten, nach Deutschland einzuwandern?
Dazu bewegen nach Deutschland einzuwandern würden mich die bodenständige Landbevölkerung in Baden-Württemberg und Bayern.

Es geht um das Glück der Republik. Welche Person, Gruppierung oder Idee sollte mehr Einfluss gewinnen?
Naturnahe, verständliche Wissenschaftler und die Kernenergieanhänger.

Wie und wo möchten Sie sterben?
Schnell und mitten in einem Vortrag oder im Wald.

Kommen Sie in den Himmel oder in die Hölle?
Warten wir's ab. Der Entscheidung möchte ich nicht vorgreifen.

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