Browserpush
 

Badischer Kulturgüterstreit

Um solche Handschriften geht's. Das große B steht für "Baden" (Foto: ka-news)
Ein todernster Kommentar von Michael Wirth

Der Badische Kulturgüterstreit - im folgenden kurz BKS genannt - bewegt inzwischen sogar bundesweit die Gemüter, nachdem sich dieser Tage auch der Kulturausschuss des Bundestages mit der Frage beschäftigte, was aus den Kunstschätzen werden soll, um die sich das Land und das Haus Baden seit Anbeginn der Zeiten streiten.

Rund um den Globus schlägt der drohende Verkauf wertvoller Handschriften derzeit hohe Wellen. Aber worum geht es da gleich nochmal? Das Haus Baden, das einstmals über das gleichnamige Land herrschte, braucht dringend Knete - unter anderem für die Renovierung des familieneigenen Schlosses Salem am Bodensee. Dieses Geld - etwa 70 Millionen Euro, es darf auch gerne etwas mehr sein - gedenkt man nunmehr aus dem Verkauf von Kunstschätzen zu erlösen; unter anderem sollen teilweise jene kostbaren Handschriften veräußert werden, die sich im Besitz der Badischen Landesbibliothek (BLB) zu Karlsruhe befinden.

Nun ist "Besitzer" nicht gleich "Eigentümer", bezeichnet doch das Eigentum die rechtliche, der Besitz aber die tatsächliche Herrschaft über eine Sache. Und wer nun rechtmäßiger Eigentümer der badischen Kunstschätze ist - das entsprechend benamste Adelshaus oder das Land Baden-Württemberg -, ist seit dem Ende der Monarchie 1918 eine ungelöste Frage im angeblich schönsten Land in Deutschlands Gau’n.

"Schwowe schaffe, Badener denke", lautet ein populistisches Sprüchlein, mit dem sich die Badener gerne über ihre östlichen Nachbarn lustig machen. In diesem Falle stimmt es sogar: Während die Badener seit rund 90 Jahren über eine Lösung der Eigentumsfrage nachdenken, haben es die Schwaben schon in der Frühzeit der Weimarer Republik aus der Welt g’schafft: Was vorher - genauer gesagt, seit 1816 - des Hauses Württemberg war, gehört seitdem dem Land. Basta.

Und hätte "Uns Oetti" nicht in gewohnt taktvoll-charmanter Art auf eine Beschleunigung des Problemlösungsfindungsprozesses hingewirkt, würde man wohl in echt badischer Gemütlichkeit - andernorts "Lahmarschigkeit" genannt - noch weitere 90 Jahre an die Eigentumsfrage denken. Allein, bloßes Nachdenken reicht halt nicht - es muss auch mal was passieren. Da hilft auch der empörte Aufschrei über die "Kulturbarbarei" honoriger Herren wie Oettinger, Finanzminister Gerhard Stratthaus (Heidelberg/Baden) oder Peter Frankenberg (Mannheim/Baden), so berechtigt er angesichts des drohenden Ausverkaufs wertvoller Kulturgüter auch sein mag, Seiner Königlichen Hoheit Prinz Bernhard und den Seinen nicht aus der finanziellen Klemme.

Doch noch ist Baden nicht verloren. Auch für den schwelenden BKS gibt es Mittel und Wege, zu einer gütlichen Einigung zu kommen. Hier sind sie - oder, wie man im penetrant frankophilen Charlesrouhe vielleicht sagen müsste: Voilà!

Vorschlag 1

Die Landesregierung erhebt einen Solidaritätszuschlag auf sämtliche Landessteuern. Mit dem solcherart eingenommenen Geld kauft sie die fraglichen Kunstschätze auf, schafft sie in die Landeshauptstadt Stuttgart (von dem badischen Dichter Heinrich Hansjakob treffend "das Lächeln Deutschlands" genannt) und stellt sie dort in einem - eigens hierfür zu gründenden - "Gelbfüßlermuseum" aus. Als Prunkstück der Sammlung könnte eine Wachsfigur von Hans Filbinger dienen. Durch die Einnahme von Eintrittsgeldern wäre hierbei sogar eine Refinanzierung möglich.

Ein weiterer Vorteil dieser Lösung: Obwohl dieser "Soli" - im Gegensatz zum bundesweiten - nicht den notleidenden Landsleuten im Osten, sondern diesmal im Westen unseres Landes zukäme, könnten diese wieder mal ihrem liebsten Freizeitvergnügen nachgehen: heftig über den "Stuttgarter Zentralismus" schimpfen.

Vorschlag 2

Die Landesregierung spart das Geld durch Haushaltskürzungen in jenen Bereichen ein, in denen es ansonsten eh nur sinnlos verbraten würde, beispielsweise... äh... öhm... bei der Bildung. Der Vorteil hierbei wäre, dass man für ein solches Ansinnen auch die Opposition ins Boot holen könnte: Werden in Baden-Württemberg die Mittel für das Bildungswesen um die fraglichen 70 Millionen Euro gekürzt, schneidet vielleicht unser Bundesland bei den nächsten PISA-Studien endlich einmal ähnlich lumpig ab wie diejenigen, die noch die Segnungen sozialdemokratischer Bildungspolitik genießen oder deren Altlasten zu bewältigen haben.

Vorschlag 3

Es erfolgt eine Umleitung von Geldsummen des Landes, die ansonsten im badischen Boden verklappt werden. Statt etwa -zig Millionen Euro jährlich (Anschubfinanzierungen nicht mitgerechnet) für Flughäfen zu verplempern, die angeblich vor den Toren Karlsruhes liegen und gerade mal eine Handvoll Flüge am Tag abfertigen, oder für mitten in die Pampa gebaute überdimensionierte Messen, die ohne Zuschüsse nimmermehr überleben könnten, käme das Geld somit der badischen Kultur zugute. Der Vorteil hierbei: Investitionen, die bislang Baden zugute kamen, kämen auch weiterhin Baden zugute. Die Variante hätte aber noch einen besonderen Reiz: Württemberg bliebe hierbei ganz außen vor - zumal es ohnehin bereits einen großen Flughafen, eine große Messe und eine große Kultur hat.

Vorschlag 4

Die rund 400 Aktivisten der "Landesvereinigung Baden in Europa e. V." (LVB) und der "Bund Freiheit statt Baden-Württemberg" (BFsBW) erwirtschaften die erforderliche Summe durch Mehrarbeit, deren Entgelt in einen Topf zur finanziellen Beilegung des BKS fließt. Hierbei könnte der von der Sozialdemokratie geforderte Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde sogar verdoppelt werden: Für 15 Euro die Stunde müssten die LVB-Mitglieder also nur 11.666,67 Arbeitsstunden pro Person ableisten, dann wäre das Geld beisammen. Vorteil dieser Variante: Da unser aller Minischterpräsident Oettinger selbst der LVB angehört, könnte er sich in die Wertschöpfung höchstpersönlich mit einbringen.

Sollte also nicht gerade die Landesstiftung Baden-Württemberg in die Bresche springen, hätten wir somit genug Vorschläge zur Beilegung des BKS, einer realistischer als der andere! Da sollte doch wenigstens ein konsensfähiger darunter sein. Und falls nicht, so wird man diese Ideen gewiss mit der berüchtigten badischen Toleranz zur Kenntnis nehmen.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.
ka-news-logo

Es gibt neue Nachrichten auf ka-news.de

Abbrechen