Aus Feinden wurden Freunde

Rückkehr in die Normandie als Freunde
(Foto: SKA DezMilMus)
Ein Gastbeitrag von Johannes M. Langendorf und Christoph Scheibling

Alljährlich feiern die Alliierten mit den französischen Einwohnern entlang der Landungsabschnitte des D-Days die 1944 begonnene Befreiung Europas von der Schreckensherrschaft des "Dritten Reiches". Mit dem Luftwaffenmusikkorps 2 aus Karlsruhe war in diesem Jahr erstmalig ein deutsches Musikkorps vor Ort, umrahmte zahlreiche Gedenkveranstaltungen und gab etliche Konzerte - nach dem Auftritt in Israel (ka-news berichtete) der zweite historische Einsatz.

Es war das erste Konzert des Luftwaffenmusikkorps 2 in Merville, unweit der Strandpromenade, dort, wo vor 64 Jahren am britischen Landungsabschnitt "Sword" alliierte Kräfte an Land gingen oder hinter den feindlichen Linien absprangen und ihr Leben zur Befreiung Europas einsetzten. Genau hier fand nun das Konzert unseres Orchesters statt. Hunderte Besucher waren gekommen und fanden großen Gefallen an den ersten Stücken des abendlichen Konzertes.

Im Publikum waren auch zehn Veteranen der britischen Armee, die, etwas abseits sitzend, an dieser historischen Stätte den Auftritt der deutschen Militärmusik aufmerksam verfolgten. Britische Musik war natürlich im Marschgepäck dabei und so folgte als nächstes Musikstück "Pomp and Circumstance" von Edward Elgar. Die heimliche Nationalhymne war gerade einen Takt gespielt, als sich die britischen Veteranen stolz von ihren Stühlen erhoben und Haltung annahmen. Ich ließ als Dirigent das Musikkorps alleine weiterspielen, ging unter den Klängen der Musik zu den Veteranen, salutierte und nahm zwei der stolzen britischen Fallschirmjäger, die vor 64 Jahren die deutsche Batterie in Merville erstürmten, an der Hand und führte sie zum Orchester. Nach und nach erhob sich das Publikum von den Plätzen, applaudierend, weinend und tief bewegt.

"Hymn to the Fallen" wurde für Einsatz eigens vorbereitet

Die Veteranen nahmen vor dem Orchester Aufstellung, grüßten militärisch bis zum Ende der Musik stolz ins Publikum und ließen ihren Tränen freien Lauf. Hunderte Menschen waren von ihren Plätzen aufgestanden und unterstrichen diese Geste mit andauerndem Applaus und "Bravo"-Rufen. Das Musikkorps wurde in Intensität und Spannung immer nachdrücklicher, doch auch hier waren viele sichtlich bewegt und hatten mit ihren Tränen zu kämpfen. Dann der Schlussakkord: Jubel, endloser Applaus, Dankbarkeit, Friede und pure Emotionen! Kein Wort war zuvor gesprochen worden, nur eines hat gewirkt: Musik!

Emotionale Gedenkstunde in Frankreich am Ehrenmal (Foto: SKA DezMilMus)

"Hymn to the Fallen" ist die gleichnamige Filmmusik aus dem Hollwoodstreifen "Saving Privat Ryan". Ein bewegendes Werk, den Gefallenen des D-Days gewidmet. Wir hatten es für den Einsatz in der Normandie 2008 eigens vorbereitet und es stand daher auf dem Programm des abendlichen Konzertes in St. Marie du Mont, unmittelbar an der alliierten Gedenkstätte am Landungsabschnitt "Utah Beach".

Zu den zahlreichen Gedenkveranstaltungen an den einstigen Landungsabschnitten von "Utah Beach" bis "Sword" hatten die US-Streitkräfte einen Trompeter entsandt, der während der Kranzniederlegungen gemäß dem amerikanischen Protokoll das entsprechende Signal würdevoll intonieren sollte. Er hieß Sergeant W. und er fragte mich, ob er vielleicht bei unserem anschließenden Konzert mitspielen könne. Mit Begeisterung integrierten wir ihn ins Orchester und dort saß er nun Seite an Seite mit dem 1. Trompeter des deutschen Musikkorps. Das ist doch gelebte Völkerverständigung!

Der Großonkel von Sergant W. wurde genau hier erschossen

Vorbeimarsch der Veteranen
(Foto: SKA DezMilMus)
Als sich die Sonne langsam senkte, umgab die rund 300 Zuschauer und das Musikkorps eine ruhige, feierliche Stimmung am Ehrenmal des "Utah Beach". Aus dieser Stimmung heraus begann das Musikkorps mit der "Hymn to the Fallen", die wohl an keinem besseren Platz in diesen Tagen der Feierlichkeiten des D-Days hätte gespielt werden können. Anfang und Ende dieser packenden und fesselnden Musik werden getragen von melancholischen und mahnenden Trompetensignalen. Seite an Seite, vereint in der Musik, spielten der deutsche und der amerikanischen Trompeter diese Passgagen. Seite an Seite bekamen sie beide lang anhaltenden Applaus und dankbare, bewegte Blicke.

Auch am Schlusstag der Feierlichkeiten in St. Mère Église hatte Sergant W. mitgespielt. Er kam danach zu mir, übergab mir einige Erinnerungsgeschenke und brachte zum Ausdruck, was ihm dieser gemeinsame Auftritt bedeutete. Tiefe Genugtuung, große Freude und eine innere Ruhe waren ihm deutlich anzumerken. Anzumerken war ihm aber auch, dass es ihm überaus schwer fiel, sich von uns verabschieden zu müssen. Der gemeinsame Einsatz mit dem Luftwaffenmusikkorps 2 war für ihn etwas ganz besonderes gewesen. Mit Tränen in den Augen kam jetzt die bewegende Erklärung: der Großonkel von Sergant W. war Fallschirmjäger der 101. Division und wurde genau hier, auf dem Marktplatz von St. Mère Église während der Landung von deutschen Truppen erschossen.

64 Jahre später nun spielt Sergant W. gemeinsam mit einem deutschen Trompeter die "Hymn to the Fallen".

Die Vor-Ort-Erlebnisse von Oberstleutnant Christoph Scheibling, Chef des Musikkorps, hat Johannes M. Langendorf aufgezeichnet, Mitarbeiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Musikdezernat der Bundeswehr in Bonn. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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