Attacke auf 14-Jährigen

Der aktuelle Fall ruft Erinnerungen an die tödliche Messerattacke auf die 17-jährige Nicole wach (Foto: ka-news)
Ein Bericht von Daniel Baader

Karlsruhe - Nach der brutalen Attacke auf einen 14-Jährigen am Durlacher Tor vor knapp einer Woche (ka-news berichtete) hat die Polizei erste Verdächtige festgenommen. Wie ein Polizeisprecher gegenüber ka-news bestätigte, wurden bereits mehrere Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren vernommen. "Wir stehen kurz vor der Aufklärung", so Hans-Peter Pott, Leiter des Dezernats für Raub, Erpressung und jugendliche Intensivtäter bei der Karlsruher Kripo, am gestrigen Donnerstag gegenüber ka-news.

Wenig später heißt es: "Die Leute sind uns bekannt und in unserer Obhut." Wobei man einzelne Täter wieder laufen lassen musste, da sie als 13-Jährige noch strafunmündig sind. Auch einer der namentlich bekannten Haupttäter sollte, so die Absicht der Polizei, noch am gestrigen Donnerstag festgenommen werden. Nach derzeitigem Erkenntnisstand handelt es sich um eine Gruppe von etwa 25 Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren, offenbar größtenteils aus der Südstadt stammend. "Der Schwerpunkt Südstadt ist gegeben", so Pott. Und größtenteils Täter mit "Migrationshintergrund" - "es handelt sich um eine multikulturelle Truppe", berichtet Pott.

Problem Jugendgewalt: Stagnation auf hohem Niveau

Der genaue Tathergang ist noch nicht bekannt. Die Jugendlichen hatten anscheinend die Absicht, sich in einer Umlandgemeinde einige Opfer zu suchen, die angeblich an einer früheren Tätlichkeit beteiligt gewesen sein sollen - "eine Art Vergeltungsakt", sagt Pott. Doch so weit kam es nicht: An der Straßenbahnhaltestelle am Durlacher Tor trifft die Gruppe auf ein Opfer, den 14-jährigen Jugendlichen, der dort auf seine Bahn wartete. Einer der Täter nimmt ihm sein Handy weg, er holt es sich zurück - die Provokation ist perfekt. Daraufhin schlagen die Angreifer mit Fäusten, Schlagringen und Baseballschlägern auf ihr Opfer ein und verletzen es schwer. Inzwischen konnte der Junge das Krankenhaus wieder verlassen.

Die Tat hat bei vielen Karlsruhern für Entsetzen und Fassungslosigkeit über das Ausmaß der Gewalt unter Jugendlichen gesorgt. Erinnerungen an den Fall der 17-jährigen Nicole (ka-news berichtete), die nach der Messerattacke eines 16-jährigen Mädchens (ka-news berichtete) auf dem Kronenplatz ihren Verletzungen erlag, kommen hoch. Was die reinen Zahlen im Bereich der Gewaltkriminalität von Jungtätern, also der unter 21-Jährigen, angeht, "haben wir die Zunahme schon hinter uns", berichtet Pott. Seit zwei, drei Jahren nimmt die Zahl der Tatverdächtigen nicht mehr zu. Im Zeitraum von 1996 bis 2005 wurde jedoch eine deutliche Zunahme verzeichnet. "Wir haben es derzeit mit einer Stagnation auf hohem Niveau zu tun", sagt Pott. Dabei geht die Gewalt meist von Gruppen aus.

"Verstärkte Polizeipräsenz kann das Problem nur verlagern"

Auch die Qualität der Gewalt ist heute eine andere. Das heißt, "wenn man ein Messer dabei hat, dann wird auch damit zugestochen, wenn man einen Baseballschläger dabei hat, dann wird der auch eingesetzt", berichtet Pott. Als Hauptursachen nennt er Probleme im Elternhaus, insbesondere aber die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen. "Die Perspektivlosigkeit spielt eine große Rolle", sagt auch Remigius Kraus, Leiter der Prävention beim Polizeipräsidium Karlsruhe. Oft sind es fehlende Sprachkenntnisse, aus denen Probleme in der Schule resultieren, daraus folgt die fehlende Aussicht auf einen Ausbildungs- respektive Arbeitsplatz. Hinzu kommt die fehlende Unterstützung durch die Familie. Die Spirale beginnt sich zu drehen. Keine Perspektive, keine Freundin - ein Freund mit Zukunftsperspektive ist eben attraktiver -, kein Job. Bleibt als einziger Rückhalt der Betroffenen: die Gruppe. Und in der Gruppe hat oft der das größte Ansehen, der am meisten säuft und am schnellsten und härtesten zuschlägt.

Kraus betont, dass die Polizei keineswegs tatenlos und ohnmächtig zusieht angesichts der wachsenden Gewaltbereitschaft und der neuen Qualität der Gewalt. Vielmehr versuche man seit längerem mit einer Vielzahl von präventiven Maßnahmen an den Ursachen des Problems anzusetzen. "Mit verstärkter Polizeipräsenz am Abend kann man das Problem nur verdrängen, es verlagert sich an eine andere Örtlichkeit. Prävention hingegen packt an den Ursachen an." Bei der Präventionsarbeit geht es um Langzeitwirkung, sie könne nie kurzfristig angelegt sein.

Präventionsprojekt "Boxen gegen Gewalt"

"Das setzt ganz früh an, schon in der Schule", erläutert Kraus. Da gebe es beispielsweise das Landesprogramm "Herausforderung Gewalt", das sich insbesondere an Lehrer richtet. Es gehe darum, "Gewalt" im Unterricht, aber auch bei Elternabenden, in Jugendtreffs oder bei Vereinen, zu thematisieren - und zwar dann, wenn an den betreffenden Örtlichkeiten eine Zunahme von Gewalt beziehungsweise Gruppenbildung mit Gewaltausprägung festgestellt wird. Ein Bestandteil dieses Programms ist auch der Auftritt eines Polizeibeamten - eines Jugendsachbearbeiters - in den Schulklassen.

Es gebe aber noch viele andere Projekte, so Kraus weiter, bei denen meist viele verschiedene Partner mit im Boot sitzen: Schulen, Familien, Sozial- und Jugendbehörden, Kommunen und Landkreise. Kraus nennt drei Beispiele: 1) "Boxen gegen Gewalt" (ka-news berichtete): dieses Projekt richtet sich vor allem an Jugendliche, die eine gewisse Gewaltneigung an den Tag gelegt haben, mit dem Hauptziel, die Kids von der Straße zu holen. Im praktischen Teil - echtes Boxtraining - geht es darum, Aggressionen abzubauen und mit Aggressionen umzugehen. Im theoretischen Teil geht es darum, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden, Konfliktlösungsstrategien zu vermitteln sowie die rechtlichen und körperlichen Folgen von Gewaltausbrüchen darzustellen.

2) Ein zweites örtliches Projekt ist "Sicheres Nightlife" (ka-news berichtete), und 3) als drittes Beispiel nennt Kraus die so genannten "Jugendschutzteams" (ka-news berichtete), die es seit diesem Jahr gibt. Hintergrund: Die wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die auf Festen und anderen Großveranstaltungen durch extremen Alkoholkonsum auffallen. Die präventiv tätigen Teams werden gemeinsam von der Polizei, dem Rettungsdienst und der Sozial- und Jugendbehörde aufgestellt, mit der Aufgabe, Jugendliche auf illegalen Alkoholkonsum anzusprechen. "Nur gemeinsam funktioniert es", erläutert Kraus die hinter den verschiedenen Präventionsprojekten stehende Strategie: "Es sind verschiedene Komponenten abzudecken, jeder Partner bringt sein Know-How und seine Kompetenzen und Zuständigkeiten ein."

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