Karlsruhe Adoption: Die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln

Im ersten Teil unseres Berichts haben wir darüber informiert, wie eine Adoptionsvermittlung abläuft. Aber wie wirkt sich eine Adoption denn auf die Kinder aus? Wie gehen Adoptierte mit ihrer Geschichte um? Und ist es möglich, als Erwachsener seine leiblichen Verwandten zu finden?

Schon während der Schwangerschaft wirke sich die geplante Adoption auf die Kinder aus, so die Adoptionsvermittlerin Rosemarie Schmidt. "Eine Frau, die sich auf ihr Kind freut, hat sicher ganz andere Gedanken und Gefühle als eine Frau, die ihr Kind weggeben möchte," erklärt sie.

Bei vielen Adoptivkindern seien ganz ähnliche Probleme erkennbar, so die Pädagogin. Oft seien sie unruhiger, unkonzentrierter und langsamer in ihrer Entwicklung. "Ein Grund dafür ist sicher der erste tiefgreifende Bruch, den die Kinder gleich nach der Geburt erleben. Da sie nicht von ihrer leiblichen Mutter großgezogen werden, sind sie plötzlich mit jemandem konfrontiert, dessen Stimme sie nicht gewöhnt sind; sie verlieren also alles was ihnen bis dahin vertraut war," berichtet Schmidt.

Sehnsucht nach einem Spiegel

Für die Entwicklung und die Identitätsfindung der Kinder sei die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln besonders wichtig. "Die Kinder denken jeden Tag an ihre leiblichen Eltern und fragen sich, warum sie weggegeben wurden. Da sie keine Verwandten haben, in denen sie sich wiederfinden können, beschäftigen sie sich immer wieder mit den Fragen, wem sie ähnlich sehen und von wem sie bestimmte Eigenschaften haben. Bildlich gesprochen fehlt ihnen also ein Spiegel," erklärt Schmidt.

"Wir geben ihnen Wurzeln, damit sie Flügel bekommen können"

Der Kontakt zu anderen Adoptierten hilft den Kindern beim Umgang mit ihrer Sehnsucht und ihren unbeantworteten Fragen. "Wenn sie im Alter zwischen 10 und 12 Jahren sind, lade ich die Kinder gemeinsam mit einem Kollegen zu der 'Biografiegruppe' ein. An mehreren Nachmittagen unterhalten wir uns in dieser Gruppe über das Thema Adoption. Sie sollen spüren, dass das kein Tabuthema ist," erzählt die Pädagogin.

"So beschäftigen wir uns gemeinsam mit der Frage, warum Eltern ihr Kind weggeben. Die teilnehmenden Kinder erzählen uns ihre Geschichte und tauschen sich untereinander aus. Es tut ihnen gut, ganz offen mit anderen betroffenen Kindern zu sprechen, denn hier befinden sie sich nicht in dem Loyalitätskonflikt, den viele spüren, wenn sie zu Hause über dieses Thema sprechen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich die Kinder gegenseitig unterstützen und Mut machen," betont Rosemarie Schmidt und bringt ihre Arbeit mit einer Metapher auf den Punkt: "Wir geben ihnen Wurzeln, damit sie Flügel bekommen können."

Spurensuche

Wie sehr die Frage nach der eigenen Herkunft die Adoptierten beschäftigt, erlebt die Pädagogin immer wieder. "Etwa einmal die Woche meldet sich jemand bei mir, der mich mit der Suche nach Verwandten beauftragt," erzählt sie. Meist seien es in Karlsruhe Adoptierte, die gerne ihre Mutter oder Geschwister kennenlernen möchten. "Oft geht der Kontaktsuche ein langer innerer Prozess voran. Die Suchenden sind häufig schon über 30 und in einer Lebensphase, in der sie selbst eine Familie gründen. Die meisten möchten einfach einen Blick auf ihre Verwandten werfen oder noch einmal aus dem Mund der Eltern hören, warum sie zur Adoption freigegeben wurden," erzählt Schmidt.

In den alten Unterlagen des Jugendamtes sucht Schmidt dann die entsprechende Akte. Mit den Daten, die sie darin findet, nimmt sie die Spur des Gesuchten auf. Ist jemand häufig umgezogen, verfolgt sie diese Spur mit Hilfe der jeweiligen Einwohnermeldeämter bis sie die aktuelle Adresse gefunden hat. Oft vergehen darüber zwar Monate, aber dafür hat die Pädagogin in 90 bis 95 Prozent aller Fälle auch Erfolg. Die gefundenen Daten darf die Pädagogin aber nicht einfach an den Auftraggeber weitergeben. Vielmehr setzt sie sich selbst mit der gefundenen Person in Verbindung und fragt, ob Interesse an einem Kontakt besteht.

In sehr seltenen Fällen wird sie abgewiesen. "Ich akzeptiere so eine Entscheidung natürlich und informiere auch den Suchenden darüber. Ich bitte die betroffene Person aber, meine Kontaktdaten aufzuheben, falls sie irgendwann doch noch zu einem Treffen bereit ist," erklärt Schmidt.  In den meisten Fällen stößt sie ohnehin auf positive Resonanz. "Viele Eltern haben schon lange darauf gewartet, dass ihr Kind sich meldet. Oft haben sie sich selbst nicht getraut, den Kontakt zu suchen," erzählt sie.

Ein Treffen mit den leiblichen Eltern

Häufig kommt es dann auch irgendwann zu einem Treffen. "Manchmal nehmen die Betroffenen selbstständig Kontakt miteinander auf. In vielen Fällen findet so ein Treffen aber in meinem Büro statt. Es tut den meisten gut, wenn sie dabei begleitet werden," weiß die Pädagogin zu berichten. "Auffällig ist, dass die Adoptierten bei einem Zusammentreffen sofort nach Ähnlichkeiten bei ihrem Gegenüber suchen. Sie suchen also nach ihrem Spiegel."

Meist bleibt es bei einem einmaligen Kontakt. "So ein Treffen ist mit sehr vielen Ängsten, Schuld- und Schamgefühlen verbunden. Diese verhindern oft, dass zwischen Eltern und Kindern eine Beziehung entsteht." Anders sehe es bei zusammengeführten Geschwistern aus. Hier stünden die Chancen für einen dauerhaften Kontakt höher, denn die Beziehung werde nicht von solchen Gefühlen belastet, so Schmidt.

Die Suche lohnt sich

Mit den Familienzusammenführungen verbindet Rosemarie Schmidt viele schöne Erinnerungen. "In der Regel lohnt sich so ein Treffen für alle Seiten, auch wenn daraus kein dauerhafter Kontakt entsteht." Zu einer Frau, die sie vor Jahren mit ihrem Sohn zusammenführte, hat sie immer noch Kontakt. "Kürzlich rief sie mich überglücklich an und berichtete mir, sie werde Oma."

Lesen sie im ersten Teil unseres Berichts wie eine Adoptionsvermittlung abläuft.





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