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Karlsruhe "Abgefuckt" im Klassenzimmer: Poetry Slammer dichtet mit Karlsruher Kids

Poetry Slam hält auch Einzug in Karlsruhe: Seit 2011 wagen sich nun auch Schüler beim Projekt "Sprechreiz" an die alternative Kunstform. Eingebettet in den Deutschunterricht soll dieses Projekt einen alternativen Zugang zu Sprache ermöglichen: Mithilfe von anwesenden "Profis" verfassen die Schüler eigene Texte und tragen diese vor. Mit dabei ist dieses Mal auch Nikita Gorbunov aus dem Raum Stuttgart. Im Interview mit ka-news spricht er über das Projekt - und warum es ganz gut sein kann, ein bisschen "abgefuckt" zu sein.

Zurück an den Anfang: Herr Gorbunov, Wie kamen Sie zum Poetry Slam?

Nikita Gorbunov: "Ein bisschen wie die Jungfrau zum Kind. Eigentlich komme ich aus der Rap-Szene. Ein Kollege aus dem Stuttgarter Hiphop-Dunstkreis hat einen eigenen kleinen Poetry Slam ins Leben gerufen. Dort hab' ich ein bisschen die musikalische Begleitung gemacht. Und dann hat der Gründe plötzlich aufgehört und mir ist der Slam auf der Couch praktisch in den Schoß gefallen. Das ist jetzt etwa 8 Jahre her, seitdem veranstalte ich jeden dritten Donnerstag den Slam auf der Couch im Stuttgarter Jugendhaus Mitte. Dort hat alles begonnen."

Worin liegt der Reiz dieser Kunst?

Gorbunov: "Der Reiz am Poetry Slam ist für mich das partizipative und egalitäre Prinzip der Veranstaltungen. Jeder darf auf die Bühne, wenn er etwas zu sagen hat. Und am Ende entscheidet kein komisches Gremium, sondern die Zuschauer selbst. Das prägt auch die Stücke: Sie sind schnell, aktuell, reduziert auf das Wesentliche. Das gefällt mir."

Was gehört zu einem guten Poetry-Slam-Vortrag dazu?

Gorbunov: "Jeder Kleinkünstler -und das sind Poetry Slammer - muss für sich einen Schlüssel finden, wie er seinen Act beim Publikum ins Ohr und ins Herz bekommt. Ein guter Vortrag setzt sich darum vor allem bewusst mit der eigenen Bühnenwirkung auseinander. Ich bin zum Beispiel ein bisschen angemoppelt, ein bisschen abgefuckt. Auf der Bühne, in meiner Performance, wird mein schieres Aussehen aber zu einer inhaltlichen Aussage, damit muss ich umgehen.

Gute Vorträge berücksichtigen die "Schubladen", in denen der Künstler bei den Zuschauern landet. Ganz banal formuliert: Cindy aus Marzahn singt keine traurigen Balladen, Tim Benzko erzählt keine dreckigen Witze. Sie tun das, worin sie authentisch wirken. Natürlich sollen Erwartungshaltungen auch gebrochen werden, aber eben kalkuliert."

Zurück zum Projekt "Sprechreiz": Wie kann Poetry Slam jungen Menschen Sprache näher bringen?

Gorbunov: "Poetry Slam ist ja das aktuelle Unterhaltungsformat in der Literatur. Es ist die Kleinkunst, die zur Sprachvermittlung überhaupt in Frage kommt. Die Stücke sind aktuell und ausgefeilt, die Protagonisten der Slam Szene sind cool. Und wie gesagt: Jeder darf und soll bei einem Poetry Slam mitmachen. Das ist schon auch eine Versprechen: Du wirst gehört. Das nehmen viele Schülerinnen und Schüler gern an."

Poetry Slam im Klassenzimmer- Wie genau laufen die Deutschstunden bei diesen "interaktiven Workshops" ab?

Gorbunov: "Die Workshops sind für alle Beteiligten ein bisschen wie eine Wundertüte, es läuft sehr individuell. Grob gesagt, kommen wir in den Unterricht, zeigen: "das ist Slam, das ist unsere Kunst". Wir machen ein paar zentrale Schreib- und Assoziationsspiele. Aber der Kern des Workshop ist die individuelle Textarbeit mit den Nachwuchsdichtern. Jeder und Jede hat eine Idee, eine Geschichte zu erzählen und wir versuchen jeder Geschichte aufs Textblatt zu verhelfen und die Ideen der Kids zum funktionieren zu bringen. Und am Ende kommen wir zusammen und hören uns an, was entstanden ist. Das ist fast immer ein ganz schöner Aha-Moment."

Welche Erfahrungen und Fähigkeiten sollen die Schüler mitnehmen?

Gorbunov: "Was die tatsächlich erworbenen Fähigkeiten im Sinne messbarer Leistungen angeht, müssen wir vorsichtig sein. Projektbezogene Jugendbildungsarbeit ist sicherlich eine maßgebliche Ergänzung des Unterrichts und kann ein Anker im Portfolio einer Schule sein. Gleichzeitig vollbringen auch freie Träger und Künstler-Pädagogen keine Wunder.

Erfahrung ist ein gutes Stichwort. Ich kann garantieren, dass alle Schülerinnen und Schüler in meinem Workshop die Erfahrung machen, dass literarische Werke heute stattfinden und nicht gestern. Und das es viel mehr zu sehen und zu hören gibt, als das Mausoleum der zu Tode besprochenen Klassiker. Ich vermittle Spaß am Schreiben und Performen. Ich vermittle, dass man Texte angehen kann, wie Lego-Bausätze: Für viele ist es zum Beispiel ein Aha-Moment, dass man Texte in der Regel nicht mit der Einleitung beginnt. Und vor allem machen alle die Erfahrung: "Ich hab diesen Text hier geschrieben. Weil, ich kann das. Einfach so. Ich konnte es schon immer. Und jetzt hören mir alle zu, wenn ich das, was ich geschrieben habe, präsentiere". Das ist schon eine mächtige Erfahrung.


Aber an dieser Stelle muss ich den Ball an die Lehrer zurückgeben. Sie müssen aus solchen Erlebnissen von Selbstwirksamkeit und Erfolg einen messbaren Kompetenzgewinn schöpfen können. Das gelingt duch eine clevere Einbindung von Workshops in den Unterricht, durch eine breite Reichweite eines Workshop-Programms und vor allem durch Kontinuität. Manche Projekte sind wie Strohfeuer: Sie holen die Schüler da ab, wo sie stehen und bringen sie im Anschluss auch dorthin wieder zurück. Wenn künstlerische Projektarbeit aber kontinuierlich in den Unterricht integriert wird, führt das zu erstaunlichen Erfolgen. Vor allem mit vermeintlich schwachen Schülern."

Kann man auch als erfahrener Poetry Slammer noch von etwas von Schülern lernen?

Gorbunov: "Ja klar! Ich bleibe up to date, was meine Sprache angeht. Vor allem die "Soziolekte"."

Wie wird es nach dieser Runde mit dem Projekt weitergehen?

Gorbunov: "Na wie wohl? Wir werden rasieren! Das ist Slang und heißt: Ich bin mir sicher, dass es erfolgreich weitergeht."

 

Die Fragen stelle Ramona Holdenried. 

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Kommentare (6)
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  • unbekannt
    (361 Beiträge)

    29.06.2014 00:18 Uhr
    Gute Sache!
    Ich finde es schön zu sehen, daß es Menschen gibt, die mal etwas neues ausprobieren. Poetry Slam scheint eine harmonische Symbiose zwischen lyrischer Kernkompetenzen und alltagstauglicher Sprache zu sein.

    Es ist zu wünschen, daß dieses Projekt erfolgreich wird.
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  • unbekannt
    (2169 Beiträge)

    28.06.2014 18:28 Uhr
    Der Wert
    dieser Veranstaltung wird schon durch den Einsatz sinnloser Anglizismen beeindruckend zur Schau gestellt.
    Oder einfacher ausgedrückt,jeder Depp ist heute Philsoph also besteht auch für mich noch Hoffnung.

    in hope i trust militant unicorn full hardcore alder
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  • unbekannt
    (14337 Beiträge)

    28.06.2014 19:07 Uhr
    Im Deutschunterricht?
    //....seitdem veranstalte ich jeden dritten Donnerstag den Slam auf der Couch im Stuttgarter Jugendhaus Mitte. //
    Und da sollte er auch bleiben.
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  • unbekannt
    (2169 Beiträge)

    28.06.2014 19:25 Uhr
    Richtig
    bei einem Menschen wie Mike Tyson kann man wenigstens verstehen weshalb er spricht wie er spricht,ihn nachzuäffen empfinde ich einfach nur geschmacklos.

    Iron Tongue Tyson
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  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    28.06.2014 17:25 Uhr
    Wenn man
    eingangs des Artikels die Worte Rap und Hiphop liest ist eigentlich schon alles gesagt...
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  •   spital8katz
    (1178 Beiträge)

    28.06.2014 16:56 Uhr
    Kriegt der auch Geld
    für diese "Kunst"?

    So eine Art "Fettecke"...
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