Karlsruhe 10-Minuten-Steuererklärung

Seit seiner Aufnahme ins Wahlkampfteam der Union steht Paul Kirchhof im Zentrum des Medieninteresses (Foto: pr)
Wenn es nach dem Finanzexperten Paul Kirchhof geht, sollen Arbeitnehmer schon ab 2007 für ihre Steuererklärung nur noch zehn Minuten benötigen. Kein Lohnempfänger müsste sich mehr eines Steuerberaters bedienen. Steht die Existenz eines ganzen Berufsstands auf dem Spiel?

Die Steuerindustrie gilt als eine der wenigen Branchen in Deutschland, die seit Jahrzehnten kontinuierlich wächst, scheinbar unbeeindruckt von Wirtschaftsflaute und Rezession. Über sechzig Prozent der weltweiten Steuerliteratur ist für den deutschen Markt geschrieben, so wird es wenigstens kolportiert. Der deutsche Steuerdschungel ist undurchdringlich wie kein anderer. Ohne professionelle Hilfe sind die meisten dem Fiskus fast hilflos ausgeliefert. Kein Wunder, dass die Zahl der Steuerberater in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist. Gab es 1965 noch rund 25.000 Berater in Deutschland, so hat sich ihre Zahl seitdem fast verdreifacht: Mehr als 70.000 Mitglieder zählen die Steuerberaterkammern inzwischen.

Einschneidende Folgen für kleinere Kanzleien?

Der von Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) in ihr Wahlkampfteam berufene ehemalige Verfassungsrichter will nach einem Wahlsieg der Union so schnell wie möglich mit einer weit reichenden Steuervereinfachung Ernst machen. Sitzen Tausende Steuerberater demnächst vielleicht auf der Straße? ka-news hat bei Steuerberatern in Karlsruhe nachgefragt. "Nein, Sorge um die Existenz mache ich mir nicht", erklärt Bernhard Wangler, Inhaber der Kanzlei Wangler in Karlsruhe und selbst Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, gegenüber ka-news. "Arbeitnehmer-Steuererklärungen machen nur einen geringen Teil unseres Umsatzes aus." Die mit 30 Mitarbeitern - davon neun Steuerberater und Wirtschaftsprüfer - relativ große Kanzlei ist vor allem mit der Erstellung von betrieblichen Steuererklärungen, Jahresabschlüssen und Unternehmensbilanzen befasst.

"Unsere Kanzlei würde frei werdende Kapazitäten nutzen, um noch stärker als bisher in die betriebswirtschaftliche Beratung zu gehen", fügt Wangler an. Im Zuge der Erstellung der Bilanz verfüge ein Steuerberater über alle relevanten Daten, um ein Unternehmen in Fragen der Finanzierung, der Optimierung betrieblicher Abläufe oder der Unternehmensnachfolge zu beraten. "Für uns als große Kanzlei wird Kirchhofs Konzept keine oder sogar positive Auswirkungen haben", meint Wangler, "aber für kleine Kanzleien könnte es einschneidende Wirkungen mit sich bringen" - unter Umständen sogar existenzgefährdende.

Kirchhofs Pläne: Nur ein Anfang, mehr nicht?

Allerdings bricht auch bei kleineren Steuerberater-Kanzleien wie dem Steuerbüro Eßer in Karlsruhe offenbar keine Panik aus. "Kirchhofs Pläne betreffen, wenn überhaupt, nur einen kleinen Ausschnitt unseres Klientels", betont Inhaber Stephan Eßer auf ka-news-Anfrage. Reine Arbeitnehmer-Steuererklärungen würden nicht mehr als zehn Prozent des Umsatzes ausmachen. 90 Prozent des Umsatzes seien durch das vereinfachte Verfahren, das Kirchhof vorschlägt, nicht betroffen: komplexere Arbeitnehmerfälle mit Zins- oder Mieteinkünften sowie betriebliche Steuererklärungen. Und: "Das Steuerrecht bleibt im Kern weitgehend unangetastet", betont Eßer. Selbst wenn der Vordruck der Steuererklärung schrumpfe, stelle sich für den Steuerpflichtigen nach wie vor die Frage, ob er alles zu seinem Vorteil berücksichtigt habe. "Hier ist und bleibt es die Aufgabe des Steuerberaters, Gewissheit zu schaffen und die finanzielle wie rechtliche Garantie zu geben, dass die Steuererklärung komplett ist", gibt Eßer zu bedenken.

Schon heute sei das Formular für einen Arbeitnehmer nicht außergewöhnlich komplex, so Eßer weiter. Die dahinter stehenden Rechtsfragen würden jedoch so komplex bleiben wie vorher, auch nach Kirchhofs Vereinfachung. "Es ist ein Schritt in die richtige Richtung", meint der Steuerberater, "aber dennoch enttäuschend: Wenn Kirchhof konsequent sein will, müsste er weiter gehen und einen radikalen Schnitt machen." Die jetzt geplante Regelung sei ein "Herumdoktern" am bestehenden System, eine echte Vereinfachung des Steuerrechts bedeute es nicht.

"Kirchhofs Reform ist politisch nicht durchsetzbar"

Bernhard Wangler von der gleichnamigen Karlsruher Kanzlei unterstützt Kirchhofs Konzept: Er finde es unerträglich, dass ein normaler steuerpflichtiger Arbeitnehmer sich der Hilfe eines Steuerberaters bedienen müsste. "Da werden Ressourcen sinnlos für unproduktive Verwaltungsarbeiten verbraucht." Wangler hofft, dass Kirchhofs Reform umgesetzt wird, glaubt aber nicht, dass sie politisch durchsetzbar ist: "30 Jahre Steuerberatung haben mir gezeigt, dass immer, wenn von Steuervereinfachung gesprochen wurde, das Steuerrecht danach noch komplizierter geworden ist."

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