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Karlsruhe 1918 wandert ein Ettlinger mit einer Kuh zu Fuß von Frankreich nach Hause: Die unglaubliche Geschichte der "Kriegskuh"

Auf einem Kriegerdenkmal in Ettlingen ist - schaut man genauer hin - ausgerechnet eine Kuh zu sehen. Diese "Kriegskuh" hat es in Wirklichkeit gegeben - und sie hat zu Lebzeiten eine unglaubliche Reise hinter sich gebracht, denn: Der Ettlinger Oskar Kiefer hat sie 1918, nach Ende des Ersten Weltkriegs, von der Westfront in Frankreich zu Fuß mit nach Hause gebracht.

Ein schauriges Skelett reitet auf einem großen schwarzen Hengst über eine Kompanie von vorrückenden Soldaten mit Gewehren und Trommeln, die über die Leichen von Gefallenen hinwegsteigen. Hinter den Soldaten steht eine Mutter mit Baby im Arm, als Symbol der Bevölkerung - wer schon mal in Ettlingen war, kennt eventuell das Kriegerdenkmal von Oskar Kiefer am Rathausturm.

Aber schaut man ein bisschen näher hin, sieht man zwischen den Vorderbeinen des Pferdes eine Kuh strampeln. Diese Kuh gab es in Wirklichkeit: Der tierliebe Oskar hat sie 1918 von der Schlacht an der Westfront in Frankreich mit nach Hause gebracht.

Obwohl Oskar als untauglich gilt, kommt er an die Front

Oskar Kiefer wird 1874 als erster Sohn des Ettlinger Stadtbaumeisters Alexander Kiefer geboren. Er studiert an der Großherzoglichen Badischen Kunstgewerbeschule und an der Großherzoglichen Badischen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und arbeitet anschließend als Bildhauer. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Martin-Luther-Plastik an der Lutherkirche in Karlsruhe, das Bismarckdenkmal in Baden-Baden und der Giebelschmuck am Badischen Bahnhof in Basel.

Kriegerdenkmal von Oskar Kiefer am Rathausturm Ettlingen.
Kriegerdenkmal von Oskar Kiefer am Rathausturm Ettlingen. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 melden sich seine drei Brüder Erwin, Tor und Felix freiwillig zum Militär. Oskar, der inzwischen etwas älter ist und an Hörschwierigkeiten leidet, wird nicht zum Dienst eingezogen. Er möchte jedoch trotzdem seinem Land dienen und gegen Ende des Krieges arbeitet er als Fahrzeugfahrer an der Westfront, mit der Absicht, nach dem Krieg wieder in seinem Metier zu arbeiten.

Als Deutschland den Krieg verliert, wird es aber klar, dass die Bildhauer keine großen Aufträge bekommen werden. Oskars Freund, Bildhauer Karl Albiker, schreibt ihm im November 1918: "Wie wird Europa 1919 aussehen? Ich bedaure jetzt, dass ich nicht Lithograph bin. Da hätte man doch als Landkartenzeichner sein Brot verdienen können! Mit den Siegesdenkmälern ist es doch endgültig vorbei."

Von Frankreich nach Ettlingen - zu Fuß und mit Kuh

Nach dem Waffenstillstand am 11. November 1918 an der Westfront treten die deutschen Truppen den langen Marsch in die Heimat an. Im Felde gab es auch einige Nutztiere, die von der deutschen Regierung zwecks Lebensmittelversorgung zur Verfügung gestellt wurden. Ein solches Tier ist auch eine kleine Kuh, die als "Überschuss" eingestuft wird. Oskar entscheidet sich, sie mit nach Hause zu nehmen.

Links die Kuh, die Oskar Kiefer nach Hause begleitet hat.
Links die Kuh, die Oskar Kiefer nach Hause begleitet hat. | Bild: Katherine Quinlan-Flatter

Die Entscheidung erweist sich als sehr vernünftig. Denn: Nach dem Krieg gibt es vielfach Hungersnot und die Lebensmittel werden noch lange rationiert. Oskar nimmt die kleine Kuh und marschiert mit ihr von Frankreich nach Hause. Auf dem Grundstück des Familienhauses in der Pforzheimer Straße in Ettlingen hat die Kuh genug Platz.

Denkmal wird Europas erstes pazifistisches Antikriegsdenkmal

Mit dem Kriegerdenkmal hat Oskar ebenfalls Glück: Bekannt als Pazifist, bekommt er den Auftrag während der Amtszeit von Paul Potyka, der im Mai 1920 als Ettlingens sehr sozialer Bürgermeister für neun Jahre gewählt wird. Ohne Potyka wäre das Denkmal, das als erstes pazifistisches Antikriegsdenkmal in Europa im Juli 1927 eingeweiht wird, nie entstanden oder an zentraler Stelle aufgestellt worden.

Ein Holzentwurf des Kriegerdenkmal von Oskar Kiefer.
Ein Holzentwurf des Kriegerdenkmal von Oskar Kiefer. | Bild: Museum Ettlingen

Um die Kosten für das Denkmal zu decken, wird zu Spenden aufgerufen – es kommt sogar eine erhebliche Spende aus den USA. Kiefer stellt einen Entwurf vor, dem zugestimmt wird. Ehe er das Denkmal ausführt, erstellt er mehrere präzise und detaillierte Skizzen von den Soldaten und dem Pferd, wobei er sogar den Lichteinfall berücksichtigt, sowie einen Entwurf aus Holz.

Denkmal übersteht die NS-Zeit unbeschadet

Im Denkmal von der Schlacht an der Front integriert Oskar auch seine Kuh. Sie war ja gewissermaßen dabei. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hat Oskar Kiefer jedoch Schwierigkeiten, größere Aufträge zu bekommen, weil er nicht bereit ist, Kompromisse mit dem NS-Regime einzugehen. Er ist Pazifist und hat zahlreiche jüdische Freunde.

Selbstporträt von Oskar Kiefer, Rötelzeichnung, 1924.
Selbstporträt von Oskar Kiefer, Rötelzeichnung, 1924. | Bild: Museum Ettlingen

Während dieser Zeit protestieren einige Ettlinger gegen das Denkmal und fordern seine Beseitigung: Das Denkmal entspreche weder der NS-Ideologie noch ihrer Vorstellung von "heroischen" Denkmälern. Glücklicherweise überlebt Oskars Denkmal diese Zeit. Oskar aber nicht - er ertrinkt 1938 bei einem Unfall an der nordfranzösischen Küste.

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  •   Rundbau-Gespenst
    (13035 Beiträge)

    22.08.2021 11:23 Uhr
    er wanderte mit einer Kuh zurück,
    andere Kriegsteilnehmer marschierten zurück, oder wurden verwundet transportiert. Viel zu viele blieben aber auch einfach dort liegen!
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  •   M.S.
    (396 Beiträge)

    21.08.2021 22:38 Uhr
    schön
    immer mal wieder solche kleinen aber sehr interessanten Geschichten kennen zu lernen!
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