Es ist Montagabend, gegen 23 Uhr, als ka-Reporter Kay Graumann mit der S11 in Richtung Langensteinbach unterwegs ist. Bei der Haltestelle Ettlingen-Stadt findet ein Fahrerwechsel statt. Nicht weiter ungewöhnlich. Doch auch ein sichtlich betrunkener Mann steigt in die Bahn ein. Graumann hält ihn aufgrund seines ungepflegten Erscheinungsbildes für einen Obdachlosen. Was zu dem Zeitpunkt aber noch niemand ahnt: Mit der ruhigen Fahrt wird es gleich vorbei sein.

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"Der Fahrer war schon vorher aggressiv"

"Der Mann war sehr laut und hat während der Fahrt ständig mit anderen das Gespräch gesucht. Er trug dabei keine Maske. Irgendwann fiel ihm auf, dass wir nicht in Richtung Karlsruhe fahren. Da ist er zur Fahrerkabine gegangen und hat den Fahrer angepöbelt", schildert Graumann im Gespräch mit ka-news.de.

Doch statt deeskalierend zu reagieren, sei der Fahrer eine verbale Auseinandersetzung mit dem Obdachlosen eingegangen. An der Haltestelle Schießhüttenäcker kommt es schließlich zum Eklat. 

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
Bild: Thomas Riedel

Laut Graumann habe der Fahrer dann angehalten, den Beutel mit dem Hab und Gut des Betrunkenen geschnappt und diesen hinausgeworfen. Dabei soll er den Mann mit einem "Du fliegst jetzt raus" zum Aussteigen aufgefordert haben. "Der Fahrer war schon beim Fahrerwechsel aggressiv", berichtet Graumann.

Als der betrunkene Fahrgast der Aufforderung nicht nachkommt, soll der Fahrer ihn gepackt und aus der Bahn geschubst haben. Das Resultat: Der Mann verletzt sich beim Sturz am Kopf.

Fahrer hilft nicht und streitet mit anderen Fahrgästen

Geholfen habe der Fahrer dem Verletzten allerdings nicht. Im Gegenteil: "Er hat sich sogar noch über den Mann lustig gemacht und wollte weiterfahren. Erst nachdem die Fahrgäste auf ihn eingeredet haben, hat er den Notruf gewählt. Währenddessen habe ich mit einer weiteren Frau erste Hilfe geleistet. Er war blutüberströmt", erklärt Augenzeuge Graumann.

Doch damit nicht genug. Viele Fahrgäste ergreifen Partei für den vermeintlich Obdachlosen, sehr zum Ärger des Fahrers. "Er wollte sogar mit einem weiteren Fahrgast eine Schlägerei anfangen." Die Polizei sei erst nach dem Krankenwagen an der Unfallstelle eingetroffen.

Blick aus dem Führerhaus einer Straßenbahn in der Kombilösung.
Ein Bahnfahrer im Führerhaus einer S-Bahn (Symbolbild). | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Das bestätigt auch die Karlsruher Polizei auf Nachfrage der Redaktion. Allerdings sei die Polizei erst verständigt worden, nachdem der Verletzte sich gegenüber den Sanitätern renitent verhalten hatte. "Nach dem Eintreffen der Polizeibeamten beruhigte sich der Mann und konnte wohl ohne Zwangsmaßnahmen zur Behandlung in eine Klinik gebracht werden", so die Polizei weiter.

Was den Fahrer schlussendlich erwarten wird, bleibt laut Polizei und Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) abzuwarten. Entsprechende Ermittlungen würden derzeit noch laufen. Aber wie hätte sich der Fahrer richtig verhalten?

Bei Problemen immer die Polizei verständigen

Nach Angaben von Sarah Fricke, Sprecherin der AVG Karlsruhe, seien Bahnfahrer durchaus dazu angehalten, laute und pöbelnde Fahrgäste der Bahn zu verweisen. Doch selbst wenn die Fahrgäste dieser Aufforderung nicht nachkommen sollten, sei dies kein Grund handgreiflich zu werden. Das bestätigt auch die Karlsruher Polizei.

"Grundsätzlich obliegt den Bahnführern und Kontrolleuren quasi das Hausrecht. Insofern kann Fahrgästen die Weiterfahrt verwehrt werden, wenn sie gegen die Beförderungsrichtlinien verstoßen. Allerdings und völlig unabhängig vom konkreten Fall müsste zur Durchführung unvermeidbarer körperlicher Zwangsmaßnahmen die Polizei hinzugerufen werden", so ein Sprecher gegenüber ka-news.de.

Eine Domkamera in einer Straßenbahn zur Überwachung des Innenraums
Eine Domkamera in einer Straßenbahn zur Überwachung des Innenraums | Bild: Carmele/TMC-Fotografie

Eine Ausnahme hiervon sei jedoch der Paragraph 127 Absatz 1 der Strafprozessordnung. Darin wird das Recht der vorläufigen Festnahme durch Jedermann geregelt. Das heißt: Wenn eine Person flüchten will, dürfte diese vom Fahrer und von den Fahrgästen bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten werden.

Hinsichtlich des Fahrers selbst gibt Fricke zu, dass es sich um einen "langjährigen und zuverlässigen Mitarbeiter“ gehandelt haben soll. Was der Vorfall für seine weitere Laufbahn bedeuten werde, sei aber noch unklar.