Karlsruhe Tag nach der Tragödie: Busunfälle sind selten - können aber mit moderner Technik verhindert werden

Mittwochmorgen, kurz vor 6.30 Uhr. Ein Reisebus ist auf dem Weg von Bayern in Richtung Frankreich unterwegs. Kurz vor der Großbaustelle auf der A5 kracht es: Der Bus rast in einen vor ihm fahrenden Mülllaster. Dabei kommt die Reiseleiterin ums Leben, weitere Fahrgäste werden teilweise schwer verletzt. Technische Helfer könnten solche Unfälle eigentlich verhindern.

Es sind Szenen, die will man sich nicht vorstellen, als am Mittwochmorgen ein Reisebus in einen Mülllaster auf der A5 kurz vor der Dauerbaustelle bei Ettlingen kracht. Eine Person wird tödlich verletzt, weitere teilweise schwer. Zahlreiche Rettungskräfte sind im Einsatz, zwei Rettungshubschrauber wurden angefordert. Stundenlange Sperrungen und ein großes Verkehrschaos rund um Karlsruhe waren die Folge. Ein schwerer Unfall, der vielleicht hätte verhindert werden können.

Busse und Lkw sind heutzutage voller Technik

Immerhin ist die Technik schon so weit fortgeschritten, dass Lkw und Busse quasi alleine fahren könnten und der Fahrer nur noch im Notfall eingreifen müsste. So "vollgestopft" mit Technik sind die Fahrzeuge mittlerweile. Auch moderne Reisebusse haben viel Technik an Bord. Vom Spurhalteassistent über die Rückfahrsensoren bis hin zu Bremsassistenten. Die Liste der technischen Helferlein ist lang. 

Wie Laster auch, haben Busse ebenfalls einen Notbremsassistenten. Der ist seit November 2015 bei allen Erstzulassungen gesetzlich vorgeschrieben. Das System bremst das Fahrzeug um 10 km/h ab. "Doch dann rast der Bus immer noch mit 90 km/h auf ein Hindernis zu", erklärt Michael Uhrig, Technik-Experte beim ADAC im Gespräch mit ka-news. Denn auf Autobahnen dürfen Busse bis zu 100 Stundenkilometer fahren.

Ab November 2018 wird diese Regelung noch weiter verschärft, dann bremst der Notbremsassistent die Fahrzeuge um 20 km/h ab. "Das ist ein Anfang, doch wir sagen ganz klar, dass wir mehr Sicherheit in den Fahrzeugen wollen!" In einem Test hat der ADAC bereits 2015 gezeigt, dass Laster und Busse mit dem Bremsassistenten sogar bis zum Stillstand abbremsen könnten und so ein Unfall nicht nur abgeschwächt, sondern gar verhindert werden könnte. 

Faktor Mensch ist unberechenbar

Doch was nützt der beste Notbremsassistent, wenn der Fahrer die Technik ausschalten kann? "Wir vom ADAC sagen, dass das System dauerhaft angeschaltet sein sollte", so Uhrig gegenüber ka-news weiter. "Denn das System funktioniert tadellos, jedoch wissen wir von Fahrern, dass es gut ist, dass man den Assistenten in manchen Situationen ausstellen kann. Danach sollte er sich aber wieder von selbst scharfstellen können."

Trotz aller Assistenzsysteme, es ist der menschliche Faktor hinter dem Steuer der unberechenbar bleibt. Busfahrer müssen, wie Lkw-Fahrer auch, bestimmte Lenk- und Ruhezeiten einhalten. Die Lenkzeit darf viereinhalb Stunden nicht überschreiten, dann muss der Fahrer eine Fahrpause von mindestens 45 Minuten machen. Das kann eine Pause mit Ausstieg sein oder sogar die Zeit als Beifahrer - Hauptsache nicht mehr am Lenkrad. Die Lenkzeiten werden durch einen sogenannten Tachografen, also den Fahrtenschreiber, erfasst. 

Welche Ursache der Unfall auf der A5 am Mittwochmorgen hatte, ist nun Gegenstand der Ermittlungen. Im diesem Rahmen werde dann auch der Notbremsassistent und der Fahrtenschreiber des Busses untersucht. Einige Stunden nach dem Unfall informierte die Polizei darüber, dass wohl Unachtsamkeit die Ursache für den Unfall gewesen sein könnte. Ob der Bus ein Notbremssystem eingebaut hatte und das auch eingeschaltet war und wie lange der Fahrer bereits hinter dem Steuer saß, kann noch nicht gesagt werden.

Selten Unfälle mit Reisebussen - aber schwerwiegender

Allgemein kämen Unfälle mit Reisebussen im Vergleich zu Unfällen mit Lastwagen eher selten vor. Auch, weil schlicht weniger Reisebusse unterwegs sind. Dafür haben diese Unfälle meist ein viel größeres Ausmaß, da oft mehr Menschen verletzt werden, sagt Peter Roth, Leiter der Karlsruher Verkehrspolizei gegenüber ka-news.

PK Unfall auf der A5
Peter Roth, Leiter der Verkehrspolizei Karlsruhe (2. v.l.) bei einem Pressegespräch zu dem tragischen Busunfall auf der A5. | Bild: Anne Picot

Zeitdruck, wie ihn die Lastwagenfahrer häufig haben, gibt es nicht bei allen Busfahrern. Fahrer von Reisegruppen, wie im gestrigen Fall, hätten weniger Stress als solche, die im überregionalen Linienbus-Verkehr unterwegs sind. Hier finden auch häufigere Kontrollen statt: Wöchentlich prüfen die Beamten der Verkehrspolizei bei Kontrollen die Fahrzeuge und die Lenkzeiten am Busbahnhof. Zusätzlich findet etwa einmal im Monat eine Kontrolle des Busverkehrs auf den Autobahnen der Region statt. Hier werden dann auch die Busse der Reisegruppen unter die Lupe genommen, die seltener an Busbahnhöfen angetroffen werden.

"Wir stehen ebenfalls nicht unter Zeitdruck, denn einen Großteil machen bei uns Tagesfahrten aus", ergänzt ein Karlsruher Busunternehmer, das lieber ungenannt bleiben möchte, im Gespräch mit ka-news. Anders sieht es da schon bei den Fernbussen aus, schließlich müssen die zu festen Uhrzeiten die Fahrgäste an den verschiedenen Haltepunkten absetzen und abholen. 

Reisebus
Reisebus (Symbolbild) Foto: Daniel Bockwoldt/dpa | Bild: dpa

Eine weitere Unfallursache, neben der Müdigkeit, ist auch die Ablenkung oder Unachtsamkeit der Fahrer, nicht nur durch Smartphones oder ähnliches. Schließlich sitzen in einem Reisebus viele Menschen, vielleicht vorne auf dem Notsitz noch der Reiseleiter der Gruppe. "Das ist immer eine Art Ablenkung, das können wir nicht per se ausschließen", erklärt das Karlsruher Reisebus-Unternehmen auf Nachfrage von ka-news weiter. "Unsere Fahrer achten aber darauf, dass während der Fahrt alle Passagiere sitzen und ihn nicht von seiner Tätigkeit ablenken!"

Unfallursache und Unfallschwerpunkt Baustelle? 

Welche Rolle spielte bei dem Unfall bei Ettlingen aber die Großbaustelle, die wenige hundert Meter später beginnt? Gerade der Bereich vor einer Baustelle, wenn sich die Fahrspuren verengen und die Verkehrsteilnehmer einfädeln müssen, kommt es häufig zu Rückstaus und stockendem Verkehr. So auch am Mittwochmorgen. Das Müllauto bremste wegen eines Staus vor der Baustelle ab, als der Reisebus von der A8 kommend in das Heck des Müllautos krachte. Schon im letzten Jahr hatte sich die Dauerbaustelle zwischen Karlsruhe und Rastatt zu einem Unfallschwerpunkt entwickelt.

Das belegen auch die Zahlen der Verkehrsunfallstatistik 2017 des Polizeipräsidiums Karlsruhe (PPKA). Im vergangenen Jahr kam es zu 716 Unfällen - und das tatsächlich alleine im Bereich der Baustelle (-4 Prozent zu 2016), davon waren 219 mit Personenschaden (-19,2 Prozent). Insgesamt wurden dabei auf der A5 drei Menschen getötet. Das macht ein Plus von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Insgesamt hat es auf den Autobahnen im Bezirk des PPKA mehr als 3.400 mal gekracht (+10,9 Prozent zu 2016). Wie sich die Baustelle auf der A5 zwischen Ettlingen und Rastatt auf die Unfallzahlen 2018 auswirkt, kann nach wenigen Tagen noch nicht abgeschätzt werden. 

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