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Bad Schönborn Der "Waldparkring" bei Bad Schönborn: Als aus einem Munitionslager eine längst vergessene Rennstrecke wurde

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges entstand im Mingolsheimer Wald bei Bad Schönborn als Teil des Westwalls ein Munitionslager mit Bunker. Was jedoch kaum noch jemand weiß: Zwischen Bäumen und Sträuchern schlummern an dieser Stelle heute die Überreste des "Kraichgauer Waldparkrings" - eine Rennstrecke, die einst zehntausende motorsportbegeisterte Besucher anlockte.

Der sogenannte Westwall, von den Alliierten auch Siegfried-Linie genannt, war ein über rund 600 Kilometer verteiltes, militärisches Verteidigungssystem entlang der Westgrenze des Deutschen Reiches, das aus über 18.000 Bunkern, Stollen sowie zahllosen Gräben und Panzersperren bestand. Der Wall, der auch etliche Militärdepots und Munitionsbunker aufwies, verlief von Kleve an der niederländischen Grenze in Richtung Süden bis nach Grenzach-Wyhlen an der Schweizer Grenze.

Aus Westwall-Lager wird Rennstrecke

Hitler hatte die Anlage, die militärischen und auch propagandistischen Wert hatte, ab 1936 planen und bis 1940 errichten lassen. Auch am Oberrhein, in der Region zwischen Mannheim und Karlsruhe, wurden an wichtigen Stellen Stützpunkte und Bunker gebaut - unter anderem auch in Bad Schönborn. Dort, östlich vom heutigen Ortsteil Mingolsheim, entstand zu dieser Zeit ein Munitionslager mit dazugehörigem Wachhaus.

Bild: Hans-Joachim Of

Dieses wurde nach dem Krieg nicht wie alle Munitionsbunker gesprengt, sondern ging in den Besitz der Gemeinde über. Diese wollte, wie der einheimische Historiker Gerhard Bender berichtet, das Gebäude im Pfarrwald eigentlich abtragen. Der pensionierte, 70-jährige Pädagoge hatte jedoch eine andere Idee. So entstand im Laufe der Jahre mit dem "Wachhaus im Grünen", kurz WiGwam, eine umweltpädagogische Einrichtung.

Gerhard Bender | Bild: Hans-Joachim Of

Doch was viele Nachgeborene nicht wissen: Im Wald zwischen Mingolsheim und Östringen schlummert noch ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten - der "Kraichgauer Waldparkring". Gerhard Bender war als kleiner Bub hautnah dabei und erinnert sich, dass die Mingolsheimer Bürger nach Ende des Krieges auf die Idee kamen, die losen Schotterwege zwischen den einzelnen, rund 30 Baracken, miteinander zu verbinden.

Zur Eröffnung kommen zehntausende Menschen

"Dadurch entstand eine Art ovaler Ring mit mehreren, scharfen Kurven." Zur offiziellen Eröffnung dieser neu konzipierten Rennstrecke, die mit einem großen Volksfest verknüpft war, hätten sich am 10. Oktober 1948 über 10.000 Menschen aus der ganzen Region im Wald eingefunden, um hautnahen Motorsport zu erleben. Der Asphalt, über den damals Rennautos und Motorräder rasten, ist heute noch zu sehen, die Straße ist jedoch für motorisierte Fahrzeuge längst gesperrt.

Bild: Gerhard Bender

Während zu Beginn lediglich Motorräder über den Waldparkring ihre Runden zogen, hatte die Kommune, beflügelt durch den großen Erfolg, ein Jahr später den Parcours ausgebaut und erweitert, sodass später auch Rennwagen zugelassen wurden. Die Wege wurden auf acht Meter verbreitert und neben der Strecke war ein Tower mit Baracke für die Rennleitung entstanden.

Bild: Gerhard Bender

Der "Große Preis von Bad Mingolsheim" entsteht

Damit war der "Kraichgauer Waldparkring" offiziell als deutsche Rennbahn zugelassen und fortan Austragungsort für den "Großen Preis von Bad Mingolsheim". Das erste "Kraichgau-Motorrad-Rennen" fand am 19. Juni 1949 statt. "Motorsportliche Sonderprüfungen in Verbindung mit dem Hockenheimring und Radrennveranstaltungen folgten in den fünfziger Jahren", erklärt Bender um Gespräch mit ka-news.de.

Bild: Gerhard Bender

Auch die Odenheimer Rennsport-Legende und der vielfache Motorrad-Weltmeister Heinz Renken war Mitte der 50er-Jahre mit seinem Großvater schon hautnah als Zuschauer dabei. "Da schnupperte ich erstmals Benzinluft", so der heute 73-Jährige. Ob der 2012 verstorbene Paul Pietsch, Automobilrennfahrer aus Karlsruhe, am legendären Kraichgau-Rennen teilnahm, ist nicht überliefert. Sein letzter Start als aktiver Fahrer war 1952 beim "Großen Preis von Deutschland".

Bild: Gerhard Bender

Auch bei Ernst Jakob Henne, der einst beim Karlsruher Wildparkrennen für Furore sorgte und als einer der besten deutschen Motorradfahrer galt, ist nicht ganz klar, ob er damals mit von der Partie war. Henne hielt damals mit 275 km/h lange Zeit den Weltrekord für Motorräder.

Heute hat die Natur die Oberhand

Einige Jahre lang ging das im Kraichgau so weiter, doch als sich eine Reihe von schweren Unfällen ereignete, wurde die Rennstrecke schließlich im Jahre 1958 stillgelegt. "Damit war der Waldparkring Geschichte", erzählt Gerhard Bender bei einem Rundgang über den Parcours.

Bild: Hans-Joachim Of

Heute drehen dort Jogger und Spaziergänger ihre Runden, doch die Natur erobert sich immer mehr Terrain zurück. Neben den Grundmauern der ehemaligen Depot-Baracken erinnern heute nur noch Teile des originalen Asphalts an die rasante Historie der rund vier Kilometer langen Rundstrecke im Kraichgau. 

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