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Waghäusel Ende einer Ära: Abriss der Zuckertürme in Waghäusel hat begonnen

Für die Große Kreisstadt Waghäusel gehörten die beiden Zuckersilos seit langer Zeit zum gewohnten Stadtbild. Doch ortsfremde Passanten staunten, wenn sie die stahlgrauen, für manche Menschen hässlichen, 53 Meter hohen Giganten in unmittelbarer Nähe des wunderschönen, barocken Jagdschloss Eremitage hoch aufragen sahen.

Die Landmarken in der 22 000-Einwohner-Kommune im nördlichen Landkreis Karlsruhe sind schon fast Vergangenheit, denn sie werden im Moment dem Erdboden gleichgemacht. Vor einer Woche wurde mit den Abbrucharbeiten begonnen und eine 7 Tonnen schwere, an einem Kran befestigte, Abrissbirne beseitigte zusammen mit einem Raupenbagger Stück für Stück des Wahrzeichens.

Bild: Thomas Riedel

Die Zuckersilos wurden also keinesfalls gesprengt, wie im Mai das nicht weit entfernte Pendant, die Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg. Das weithin hörbare Spektakel in Waghäusel hatte jetzt zahlreiche Neugierige und Technikfreaks aus dem ganzen Land angezogen. Zunächst waren Dämmung und Putz entfernt worden, zuletzt eine Betonschere im Einsatz.

"Die Arbeiten und der Abtransport werden noch bis Januar 2021 andauern", berichtet Catrin Ehrlich vom Städtischen Hochbauamt in Waghäusel. Die Aufwendungen für den Abriss betragen für die Kommune rund 1,2 Millionen Euro, zuzüglich Nebenkosten. In der Vergangenheit war das brisante Thema bei den Sitzungen des Waghäuseler Gemeinderats immer wieder Gegenstand langer Diskussionen. Letztlich wurden im Haushaltsplan für den Abtrag zwei Millionen Euro vorgesehen.

In der Blüte fast 1.000 Mitarbeiter

Eine ganze Gegend hatte von diesem Unternehmen, das in der Blütezeit fast 1.000 Menschen zwischen Karlsruhe und Mannheim Arbeit gab, gelebt. Im 19. Jahrhundert hatte sich aus der Technik, aus dem Saft getrockneter Rüben Zucker zu gewinnen, eine ganze Branche entwickelt.

Bild: Thomas Riedel

Um das Jahr 1840 war das Rübenzuckerwerk Waghäusel Badens größtes Industrieunternehmen und auch in den folgenden Jahren der größte Arbeitgeber im Großherzogtum Baden. Tatsache ist, dass Waghäusel und der Zucker seit langer, langer Zeit zusammengehörten. Die Fabrik auf dem Gelände der Eremitage wurde bereits im Jahre 1838 eröffnet.

Die Stadt war fortan Sitz der "Badischen Gesellschaft Zuckerfabrikation". 1870 erhielt die Zuckerfabrik einen dringend benötigten, direkten Gleisanschluss zur Rheinbahn. Dieser sorgte für einen erneuten Wirtschaftsboom in Waghäusel, wobei deren Einwohner stolz auf "ihre" Zuckerfabrik waren.

Bild: Hans-Joachim Of

Abtragen oder doch eine Möglichkeit zur Erhaltung des Industriedenkmals suchen, lautete die Frage, der sich OB Walter Heiler (SPD) und der Gemeinderat schon vor fünf Jahren stellte. Lange Zeit stand auch an, die Silos durch andere Formen der Nutzung wiederzubeleben, doch jedes Konzept scheiterte an fehlenden Investoren.

Künstler beschäftigte sich mit den Türmen

Auch der bundesweit bekannte Künstler Jürgen Goertz aus Angelbachtal hatte sich eingeschaltet und sich Gedanken darüber gemacht, wie man die beiden Türme in das Ensemble neben Eremitage und Kavaliershäuser einbinden könne.

Bild: Thomas Riedel

Als Goertz bei einer Kunstausstellung in der Stadt weilte und den gesamten Komplex betrachtete, hatte er noch seine Zweifel und bezeichnete die hohen Silos neben dem schmucken Barockschloss als Störfaktor. Später sah er das anders und war von einem reizvollen Dialog zwischen Industriebau und Eremitage überaus angetan.

Goertz war sogar mit einem Modell der Silos vor Ort und sprach von einem “Wunderbaren Beispiel technischer Bauwerke der Industrialisierung“ sowie einem Industriedenkmal mit überregionaler Bedeutung als Fixpunkt zwischen den Rhein-Neckar-Region, Baden und der Pfalz. Alles Makulatur.

Abriss wurde 2015 beschlossen

Fakt ist, dass der Waghäuseler Gemeinderat bereits 2015 den Abbau beschlossen hatte, doch im Nachhinein feststellte, dass dieses Vorhaben mit hohen Kosten verbunden sei.

Bild: Hans-Joachim Of

Zudem bestand ein langfristiger Vertrag mit dem Mobilnetzbetreiber „Telefonica“, der schon vor Jahren seine Funkmasten auf einem der beiden über 50 Meter hohen Silos installiert hatte. Auch in der Bürgerschaft gingen die Meinungen von "Schandfleck" bis zur "Erhaltung als Zeichen des Respekts" weit auseinander.

1997 kaufte die Stadt Waghäusel das ganze, 41 Hektar große, Areal, auf dem heute einige Firmen sowie die Musikschule Waghäusel-Hambrücken untergebracht sind, zum symbolischen Preis von einer Mark. Mit dem Abriss der Silos wurde nun ein endgültiger Schlussstrich der Zucker-Ära gezogen.

Bild: Thomas Riedel
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Kommentare (8)
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  •   kommentar4711
    (2821 Beiträge)

    25.10.2020 21:11 Uhr
    Abrissbirne
    Ich dachte Abrissbirnen würden heutzutage nicht mehr verwendet?! Interessant.
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  •   peddersenn
    (1031 Beiträge)

    25.10.2020 17:23 Uhr
    nun ja, Goertz...
    "
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  •   peddersenn
    (1031 Beiträge)

    25.10.2020 17:26 Uhr
    nur 2
    Also nichts gegen ein Industriedenkmal. Aber hier gibts zu sehen, zu erfahren und von früher zu erleben: 2 Silos. Mehr nicht.

    Ergiebig im Sinne von Erinnerung ist das nicht.

    Und die Nähe zur damit eher abgewerteten Eremitage tut ein Übriges. Richtige Entsxheidung, meines Erachtens
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  •   BMWFahrer
    (330 Beiträge)

    25.10.2020 16:42 Uhr
    Fortführung
    der Deindustrialisierung Deutschlands im Zuge einer falsch verstandenen Globalisierung.
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  •   haku
    (4174 Beiträge)

    26.10.2020 07:37 Uhr
    ???
    Deutschland ist einer der größten Zuckerproduzenten der Welt, die Südzucker eine der größten Zuckerkonzerne der Welt. Was hier vorging waren die üblichen Konzentrationsprozesse zur Effizienzsteigerung.
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  •   melotronix
    (3275 Beiträge)

    25.10.2020 16:38 Uhr
    KA-News
    bis wann wurde den dort Zucker gewonnen?
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  •   stefko
    (2329 Beiträge)

    26.10.2020 11:08 Uhr
    1995
    laut Stadtwiki
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  •   Reger
    (363 Beiträge)

    25.10.2020 19:46 Uhr
    Das
    würde ich auch wissen wollen. Inwiefern hat sich das ganze nicht mehr rentiert?
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