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Waghäusel-Wiesental Die Ruine "Schönborner Mühle" bei Waghäusel: Wo einst schon Kaiserin Sisi Station machte

Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich an einer äußerst verkehrsgünstigen Stelle zwischen Neudorf (heute Graben-Neudorf) und Wiesental (heute Waghäusel) eine Mühle und Ziegelhütte zu einem kleinen Wirtschaftszentrum an Bruhrain und Hardt entwickelt - so erfolgreich, dass der "Schönbornmühle" sogar Kaiserin Sisi höchstpersönlich schon einen Besuch abstattete! Heute ist das Gebäude seit 25 Jahren nach einem mysteriösen Brand verfallen - doch schon in naher Zukunft soll es wieder im alten Glanz erstrahlen.

Baubeginn der sogenannten Schönborn- oder Neudorfer Mühle - zuweilen auch Ziegelhüttermühle oder Herrschaftsmühle genannt - war 1740, wie aus dem Heimatbuch Neudorf hervorgeht. Neudorf "profitierte" damals vom Ende der Engelsmühle in Philippsburg, die 1734 während des polnischen Erbfolgekrieges mit der Belagerung Philippsburgs durch französische Truppen "in Rauch aufgegangen" war.

Reproduktion. | Bild: Hans-Joachim Of

Tatsache ist, dass zu dieser Zeit, wie alten Schriften zu entnehmen ist, "an einem architektonisch imponierenden Bau in handwerksmäßigem Barock mit dem Saalbach, auch Mühlbach genannt, ein Schifffahrtskanal bis zum Rhein" bestand. Unmittelbar daneben floss der Saugraben. 1756 ist belegt, dass Franz Christoph von Hutten die Mühle an einen Anton Cordell, zugleich Oberschultheiß von Huttenheim, überschrieb.

Bis 1959 blieb die Mühle in Familienbesitz

In der Urkunde heißt es: "Wir, Frantz Christoph Bischof zu Speyer, bekennen hiermit, bewogen worden zu sein, dem Anton Cordell Temporalbestände der uns und unserem fürstlichen Hochstift eigentümlich zugehörigen Mahl-, Öl- und Hirsenmühle unweit dem Dorf Neudorf und der Bruchsaler Bach gelegen, gedachte Mühle mit dazu gehörigen Stallungen, Ziegelhütten, Gärten und Weinschank in einen Erbstand zu verleihen."

Reproduktion. | Bild: Hans-Joachim Of

Bis 1959 hatte ein Mitglied der Großfamilie die Mühle, die dann auch als Gasthaus verwendet wurde, betrieben und zwei Jahrhunderte lang nicht nur die Geschichte des Mühlenwesens, sondern auch ein turbulentes Kapitel Zeitgeschichte des Bruhrains geschrieben.

Kaiserin Sisi gibt sich die Ehre

1884 hatte hier sogar Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn - besser bekannt als "Sisi" - begleitet von einem Diener, "zu Pferde von Heidelberg kommend", an der Neudorfer Mühle Station gemacht. Ernst Rudolf Woll war dann der letzte bekannte Müller auf der für den ganzen Raum bedeutenden Mühle, die zunehmend ein Problem für den Denkmalschutz geworden war. 

Bild: Hans-Joachim Of

Das Problem löste sich am 29. Januar 1995 von selbst: Seit einem verhängnisvollen Brand, bei dem der Anbau der Mühle völlig zerstört wurde und der Dachstuhl des Gasthofes niederbrannte, zeugen nur noch Außenmauern und Teile der Fassade von der einst barocken Mühle, die an der L560 bei Waghäusel liegt - genau gegenüber des "Spukhauses", des Schönborner Jagdhauses. Man vermutete damals Brandstiftung, doch Täter konnten nie ermittelt werden.

Nach Brand liegt Mühle 25 Jahre im Dornröschenschlaf

Seither liegt der Komplex mit viel geschichtlichem Hintergrund sage und schreibe 25 Jahre lang im Dornröschenschlaf und wartet darauf, erweckt zu werden. "Wenn es einer schafft, das Areal und den Gebäudekomplex wieder in voller Schönheit erstrahlen zu lassen, dann Dieter Rauh", sagt Historiker und Stadtführer Ekkehard Zimmermann aus Philippsburg.

Bild: Hans-Joachim Of

Bereits im Jahre 2008 hatte die Rauh-Gruppe mit Dieter, Christian und Victoria Rauh aus Philippsburg als künftiger "Eigentümer und Projektträger der Schönbornmühle GmbH" das rund ein Hektar große Areal am Saalbach, auf dem lange Zeit ein gut gehendes Lokal zahlreiche Gäste anlockte, für die Investitionssumme von 3,5 Millionen Euro erworben.

Ein Gastronomiebetrieb soll entstehen

Weitestgehend erhalten ist der Giebel des Hauptgebäudes, an dem zwischen zwei Fenstern in einer Mauernische eingelassen eine aus der Barockzeit stammende Kreuzigungsgruppe ihren Platz hatte. Diese wurde schon vor einigen Jahren gerettet und soll nach dem Willen der heutigen Besitzer nach dem Wiederaufbau wieder ein besonderer Blickfang werden.

Reproduktion. | Bild: Hans-Joachim Of

Der Standort mit seiner langjährigen, gastronomischen Tradition auf der Verbindungs- und früheren Handelsstraße von Karlsruhe nach Schwetzingen soll nach den Plänen der Investoren aus Philippsburg nach dem Wiederaufbau als Gastronomie-Betrieb mit Biergarten unter Bäumen, dem Element "Wasser" und einer Theaterbühne der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dies wurde bereits im Dezember 2008 im Bebauungsplan der Stadt Philippsburg festgeschrieben.

"Wir sind hier in der Region sehr verwurzelt und lieben unsere Heimat"

"Zielgruppe sind Familien, Ausflügler, Radfahrer sowie Natur- und Heimatfreunde", betont Christian Rauh. Was treibt die Investoren und Entwickler an? Warum hat es so lange gedauert, bis endlich Bewegung an diesen historischen Mühlenkomplex, bei dem auch die Belange des Umwelt- und Naturschutzes zu berücksichtigen sind, kommt?

Bild: Hans-Joachim Of

"Wir sind hier in der Region sehr verwurzelt und lieben unsere Heimat", sagt Diplomingenieur Dieter Rauh und Sohn Christian ergänzt: "Nicht zuletzt durch die derzeitige Entschleunigung durch Corona haben wir festgestellt, wie wichtig den Menschen regional gut erreichbare Ausflugsziele sind." Die bisherige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Interessensgruppen wie Kommunen, Ämtern (Landesdenkmalamt Karlsruhe) oder Nachbarn sei positiv.

"Wäre schade. wenn es eine Ruine bliebe"

Auch Philippsburgs Bürgermeister Stefan Martus wünscht sich, dass in diesem "Vierländereck" bald wieder Leben einkehrt. An der Kreuzung stoßen die Gemarkungen von Philippsburg, Graben-Neudorf, Waghäusel-Wiesental und Bruchsal/Hambrücken aufeinander. Der Verwaltungschef der früheren Garnisonsstadt hat noch eine kleine Anekdote parat: "Zusammen mit Hans Reinwald, dem früheren Bürgermeister von Graben-Neudorf, wollten wir schon vor Jahren unseren runden Geburtstag, den wir am gleichen Tag begehen, im Gasthaus der Schönbornmühle feiern".

Martus hatte dadurch auch Dieter Rauh ein wenig unter Druck gesetzt, doch die Realisierung des historischen Ensembles scheiterte bislang an bürokratischen Hürden. Jetzt hofft Martus, dass der Aufbau endlich Fahrt aufnimmt und bekundet: "Ich habe den Gedanken, meinen nächsten, runden Geburtstag dort feiern zu können, noch nicht aufgegeben". Auch Graben-Neudorfs aktueller Rathauschef Christian Eheim würde einen Gastronomiebetrieb als Anziehungspunkt sehr begrüßen und sagt: "Es wäre ein Gewinn und eine Aufwertung für den ganzen Raum." 

Waghäusels Oberbürgermeister Walter Heiler, der schon zu seiner Zeit als Landtagsabgeordneter mit der Thematik konfrontiert war, meint: "Ein historisch wertvolles Gebäude. Gut, dass jetzt etwas passiert - denn es wäre schade, wenn es eine Bauruine bliebe."

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  •   JustMy2cts
    (28 Beiträge)

    21.07.2020 11:37 Uhr
    Gleich mit Drive-In
    wäre wohl das Geschäft des Jahrhunderts, jeden Abend quält sich dort die kilometerlange Blechlawine entlang, wenn auf der A5 wieder mal nix mehr geht. zwinkern

    Spaß bei Seite, schön wenn man die Möglichkeit hat solch historische Gebäude wieder aufzubauen bzw. zu erhalten.
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