4  

Bruchsal Bruchsal in der Nazizeit: Ein Stück Stadtgeschichte, über die niemand gerne spricht

NS-Diktatur, Judenverfolgung, Hinrichtungen - und vor allem: Verdrängung: Der Bruchsaler Autor Rainer Kaufmann setzt sich in seinem neuen Buch "Elternstadt Bruchsal - eine Zeitreise in die Vergangenheit" mit der dunklen Vergangenheit der Barockstadt auseinander. Sein Vorwurf: Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung versuchen seit Jahrhunderten, eine vorurteilsfreie Dokumentation der Stadtgeschichte zu verhindern.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert begleitet der im November 1950 in Bruchsal geborene Rainer Kaufmann das Geschehen in seiner "Elternstadt" als Zeitungs- und Fernseh-Journalist, als Buch- und Theater-Autor, aber auch als lokaler Kabarettist.

Obwohl er große Teile des Jahres im Kaukasus als Reiseführer und Restaurantbetreiber verbringt, hat ihn seine Geburtsstadt nie losgelassen, wie er sagt. Dabei war ihm immer wieder der Umgang Bruchsals mit seiner Geschichte eine kritische Betrachtung wert, so wie in seinen früheren Werken "Seilersbahn - ein Weg Geschichte" (1989), "Unschädlichmachungen" (1991) und "Bergfried-Trilogie" (1992).

Kaufmann legt den Finger in historische Wunden

Vor allem die Barockstadt in der Zeit des Nationalsozialismus greift Kaufmann dabei auf. In seinem neuen - zum 75. Jahrestag der Zerstörung Bruchsals durch amerikanische Bomben am 1. März erschienenen - Buch legt er erneut den Finger in die historischen Wunden.

Bild: Hans-Joachim Of

Sein Vorwurf: Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung haben in den vergangenen Jahrhunderten und teilweise bis zum heutigen Tag versucht, eine vorurteilsfreie Dokumentation der Stadtgeschichte zu verhindern.

Teile der Geschichte wurden aus dem Verkehr gezogen

"Die hiesige Geschichtsaufarbeitung mit der Zeit der Nazi-Diktatur und deren Folgen befinden sich bis heute in einem Prozess kontinuierlicher Verdrängung", sagt Kaufmann gegenüber ka-news.de. Der Autor erkennt jedoch auch gute Ansätze, etwa in der Verlegung von "Stolpersteinen" in der Stadt, die an einst jüdische Mitbürger erinnern.

Der Bergfried
Der Turm "Bergfried" ist das älteste noch erhaltene Gebäude Bruchsals. | Bild: Hans-Joachim Of

Dennoch: Wichtige Teile der Geschichte und Zeitdokumente seien aus dem Verkehr gezogen worden. Gerade das Themengebiet "Judenverfolgung im Dritten Reich" und deren Aufarbeitung nach Kriegsende nimmt im Buch breiten Raum ein. Der Holocaust ist ebenso Thema wie der "Bergfried“ als ältestes noch erhaltenes Gebäude in Bruchsal oder die "Geschichte der Badischen Revolution von 1848/49".

Wo die Feuerwehr einst eine brennende Synagoge absichtlich nicht löschte, steht heute eine Feuerwache

Auch die Wache der Bruchsaler Freiwilligen Feuerwehr findet in dem Buch Beachtung. "Sie ist eine einzigartige Situation in ganz Deutschland", so Kaufmann. Der Grund: Hier stand einmal eine jüdische Synagoge, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 abgebrannt wurde.

Die damalige Feuerwehr allerdings griff mit den Worten "Wir haben kein Wasser" nicht ein. "Seit 1954 steht hier ausgerechnet ein Feuerwehrhaus. Eine historische Gedanken- oder eher Verantwortungslosigkeit?", sagt Kaufmann.

Autor Rainer Kaufmann hat ein Buch über Bruchsals Geschichte geschrieben.
Autor Rainer Kaufmann hat ein Buch über Bruchsals Geschichte geschrieben. | Bild: Hans-Joachim Of

Als Paul Schrag, Rechtsanwalt aus New York mit jüdischer Abstammung, in den 80er-Jahren seine badische Heimat und Karlsruhe besuchte, habe er auch einen Abstecher nach Bruchsal - wo sein Onkel einst eine Malzfabrik besaß - gemacht. Als er die Synagoge suchte und ein Feuerwehrhaus sah, sagte er einem Bruchsaler Nachkriegs-Journalisten betroffen: "Wisst ihr denn nicht, dass man das nicht darf?"

Friedhof-Gedenkstein verharmlost 2. Weltkrieg

Rainer Kaufmanns Missfallen erregt auch ein fragwürdiges Bibelzitat, das auf einem Grabstein auf dem Bruchsaler Friedhof "Zum Gedenken den Toten des 2. Weltkrieges am 50. Jahrestag des Hitler-Überfalls auf Polen" steht. "Ihnen liegt die Krone der Gerechtigkeit bereit", heißt es da.

Die Gedenktafel am Bergfried
Gedenktafel am Bergfried | Bild: Hans-Joachim Of

"Wie wollen wir jungen Menschen heute erklären, dass dieser Krieg von Anfang an ein verbrecherisches Unterfangen war und dass am Ende jeder, der sich daran beteiligen musste, historisch Teil dieses Verbrechens war - egal ob aus Überzeugung oder Zwang, ob der Not gehorchend oder nur aus eigenem Überlebensinstinkt?", so der Autor.

"Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft"

Neben historischen Persönlichkeiten wie Anton Eisenhut, Otto Oppenheimer und Ludwig Marum nehmen zahlreiche angehängte Briefe, Reden und Memoiren Platz in dem Buch ein - unter anderem ein Zitat von Bruchsals Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick:

"Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Nur wenn die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen auch in kommenden Generationen wach gehalten wird, kann die Entschlossenheit groß bleiben, Rassismus und Antisemitismus schon in den Anfängen abzuwehren."

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (4)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Kiwi
    (429 Beiträge)

    02.05.2020 20:42 Uhr
    Hallo Nachteule
    Die Feuerwehr zieht ja bald um in ihr neues Quartier.
    Ich bin gespannt was dann aus dem nicht mehr benötigten Spritzenhaus wird.
    Eine Möglichkeit wäre doch auf Stadtkosten eine Synagoge zu errichten – so als Wiedergutmachung.
    Ende der Satire
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Nachteule
    (925 Beiträge)

    02.05.2020 07:43 Uhr
    „Teile der Geschichte wurden aus dem Verkehr gezogen“
    Das hört sich eher nach Aluhut an. Die Tatsache, dass an der Stelle, an der früher eine Synagoge stand, heute ein Feuerwehrhaus steht, kann man seit Jahren beispielsweise in Wikipedia nachlesen. Und dann dieser Satz: „Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung haben in den vergangenen Jahrhunderten und teilweise bis zum heutigen Tag versucht, eine vorurteilsfreie Dokumentation der Stadtgeschichte zu verhindern.“ Seit Jahrhunderten - das muss man sich einmal vorstellen... Ich meine, da trägt einer etwas zu dick auf, der sein neues Buch mit allen Mitteln als Sensation darstellen möchte.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Kiwi
    (429 Beiträge)

    02.05.2020 20:13 Uhr
    Hallo Nachteule
    …und unter dem Bild der ehemaligen Synagoge an dem Feuerwehrhaus ist eine kleine, gelbe Markierung dass da eine Gasleitung liegt – finde ich ein wenig makaber.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Reger
    (390 Beiträge)

    02.05.2020 12:50 Uhr
    Stimmt
    Ich meine auch, dass er etwas dick aufträgt obwohl er es gut meint.
    Nichtsdestotrotz sollten wir immer wachsam sein, wenn eine antijüdische Stimmung aufkommen sollte und dann dagegenhalten.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.