Bruchsal Ex-KSC-Profi Michael Sternkopf litt unter Depressionen und Burn-out: "Psychisch stark war ich nie"

Anfang der Neunzigerjahre gehörte der 1970 in Karlsruhe geborene Michael Sternkopf zu den größten Talenten der Fußball-Bundesliga. Später brach der heute 49-Jährige unter dem extremen Leistungsdruck zusammen, kämpfte gegen Depression und Burnout, nahm sogar Drogen, um der realen Welt zu entfliehen. Heute reist er durch die Republik, hält Vorträge, erzählt von seinem Leben, wirbt für ein faires Miteinander, sensibilisiert die Menschen.

Dass es dem Vater eines 14-jährigen Sohnes, der dreimal verheiratet war ("Das passte zu meinem Leben") und heute in Gießen lebt, wieder gut geht, verdankt er nach eigener Aussage nicht zuletzt seinem Glauben an Gott. "Im April 2018 lud ich Jesus in mein Herz ein und spüre von Tag zu Tag mehr innere Befreiung von Ängsten, Zweifeln, Unruhe und anderen Dingen, die mich früher belastet haben", eröffnete Sternkopf kürzlich bei einem unterhaltsamen Vortrag in der Region Karlsruhe.

Vom Fußball zu Gott

"Ich bin nicht bibelfest, gehe jedoch regelmäßig in die Kirche. Dies war mein bester Wechsel", sagt "Sterni" heute. In einem behüteten Elternhaus aufgewachsen, begann er mit fünf Jahren beim SV Nordwest Karlsruhe mit dem Fußball und wechselte mit 14 Jahren in die Jugendabteilung des Karlsruher SC wo er später unter Coach Rainer Ulrich in die Amateurmannschaft aufrückte und mit 18 Jahren seinen ersten Profivertrag unterzeichnete. Trainer war damals ein gewisser Winnie Schäfer.

Winfried Schäfer
Winfried Schäfer ist der Trainer von Esteghlal Teheran. | Bild: Farshid-Motahari Bina

Sein Bundesligadebüt krönte er am 25. Mai 1989 mit dem Tor zum 1:0 im Spiel gegen Bayer Leverkusen, rückte nicht zuletzt durch seine Dribblings und Schnelligkeit in der Fokus der Öffentlichkeit, weckte Begehrlichkeiten. "Ich bin sehr schnell zum Profifußball gekommen, habe andere Dinge hinten angestellt", sagt Sternkopf. Er sei auch nicht der beste Schüler gewesen. "Ich war einfach faul", so die ehrliche Einschätzung.

Dem Druck standhalten, auch in jungen Jahren

Es dauerte nicht lange, bis der damalige Bayerntrainer Jupp Heynckes zusammen mit Manager Uli Hoeneß im Wildpark auftauchte, um einen jungen, talentierten Spieler zu treffen. "Wenn die Bayern bei dir anklopfen, überlegt man nicht lange", merkt Sternkopf an. Für 3,4 Millionen Mark wechselte er zum FC Bayern München, spielte dort fünf Jahre und wurde 1994 sogar Deutscher Meister. Es sei "eine tolle, aber auch schwere Zeit" gewesen, denn Wettbewerb und Leistungsdruck neben anderen Fußballgrößen machten dem Jungprofi, der sieben Mal in der deutschen U21-Nationalelf stand, zu schaffen.

Michael Sternkopf Depression
Bild: Hajo Of

"Den Spielern wird bei einem großen Verein fast alles abgenommen. Du hast auf dem Platz zu funktionieren, alles andere ist Nebensache." Nach einem Spiel, das nicht so gut für ihn lief, hatte er Angst vor den Reporterfragen, vor der Negativkritik in der Zeitung. "Bei der Busfahrt ins Stadion habe ich öfters Schweißausbrüche gehabt", erinnert sich Sternkopf bis heute. 

Der Weg zu den Drogen

2004 landete Sternkopf letztlich bei den Kickers Offenbach in der Regionalliga. Schon zuvor machte ihm eine schwere Hüftverletzung zu schaffen und die, bei Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt eingeholte, Diagnose mit der Aussage "Du wirst nie mehr Fußball spielen können" nagte an dem Mann, der von sich selbst sagt: "Psychisch stark war ich nie!"

Michael Sternkopf Depression
Bild: Hajo Of

Neben Talent und Ehrgeiz brauche man in diesem Haifischbecken auch mentale Stärke und dürfe nicht zu nahe am Wasser gebaut sein. Schon zu seiner aktiven Zeit habe er Antidepressiva genommen. Viele Jahre später bei Problemen bei einem "guten Freund" dann auch mal an einem Joint gezogen und festgestellt: "Plötzlich hatte ich keine Schmerzen mehr."

Die rettende Diagnose

Nach seiner aktiven Karriere fing er an, in der Geschäftsstelle der Kickers zu arbeiten, fand den Job anfangs "prima" - doch die Vergangenheit holte ihn wieder ein. "Letztlich hat mich auch dieser Job und die Verantwortung erdrückt. Ich konnte nicht mehr, hatte bis zu meinem Zusammenbruch nur funktioniert", so Sternkopf - zwischenzeitlich mit künstlichem Hüftgelenk unterwegs - im Rückblick. Als sein Arzt mit der Diagnose Burn-out kam, "alles war grau", war er fast erleichtert. "Mein Leben war bis dahin eine konstante Inkonstanz!"

Michael Sternkopf Depression
Bild: privat

2011 kam der Ausstieg aus dem Berufsleben. Streit mit der Rentenversicherung und die Frage, wie es weitergehen soll, folgten. "Dabei wollte ich einfach nur Mensch sein." Dass er heute selbstbewusst Vorträge hält, verdanke er seinem Freund Michael. Er motivierte ihn, sein Leben in andere Bahnen zu lenken. "Du musst mit den Leuten sprechen. Du musst Herzen öffnen. Suche und finde Gott", waren dessen Ratschläge. "Letztlich hat mir der Glaube die Freiheit gegeben", sagt Sternkopf heute. 

An Selbstmord hat er nie gedacht

Michael Sternkopf erinnert an das Schicksal von Robert Enke, dessen Freitod am 10. November 2009 Fußball-Deutschland schockte. Der 32-jährige Nationaltorwart hatte sich nach schweren Depressionen vor einen Zug geworfen. "An so etwas habe ich nie gedacht. Dafür liebte ich das Leben viel zu sehr", merkt er an und mahnt: "Fans sollten motivieren. Draufhauen macht es nicht besser!" Denn: Gewinnt ein Team, freuen sich alle - verliert es, kommen die Beschimpfungen.

Trauer
Robert Enke beim Training in Köln vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan. |

Sternkopf stellt Vergleiche mit einem Kind, das mit einer Fünf nach Hause kommt, an und sagt: "Bei einer Eins ist der Schüler eh gut drauf, da fällt es leicht, zu loben. Ein Kind braucht die Eltern bei einer Fünf. Also nehmt es in den Arm!"

Erst vor kurzer Zeit hat Michael Sternkopf bei einem Fernsehinterview über seine Krankheit und seine Reise zu Jesus öffentlich gesprochen. "Mir geht es heute gut", sagt Sternkopf. "Ich bin froh und dankbar, die vergangenen Jahre durch dieses tiefe Tal gegangen zu sein, um meinen Weg zu finden!"

ka-news.de Hintergrund:
Michael Sternkopf, Jahrgang 1970, ist gebürtiger Karlsruher. Seine Fußball-Laufbahn begann er im Alter von 5 Jahren beim SV Nordwest Karlsruhe, wechselte mit 14 zur Jugend des KSC. 1988 bekam "Sterni" einen Profivertrag im Wildpark, wechselte zwei Jahre später zum FC Bayern München, wurde 1994 mit dem Verein Meister. 
Michael Sternkopf Depression
Bild: privat
2004 beendete Sternkopf, ein Mittelfeldspieler, seine Karriere bei den Kickers Offenbach. Bis 2011 war er dort als Marketingleiter und Organisationsleiter. Im Oktober 2011 gab Sternkopf seine Ämter bei den Hessen auf und begab sich mit der Diagnose Burn-out in ärztliche Behandlung.
Heute hält der ehemalige Fußballprofi Vorträge über diese schwere Phase in seinem Leben und wie er sie überwunden hat. 

 

 

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