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Anti-NATO-Demo: "Sieht ja alles ganz friedlich aus"

Übersichtlich, schon fast beschaulich war die Demonstration der NATO-Gegner in Baden-Baden: Den zahlreichen Hundertschaften der Polizei standen gerade mal 300 pazifistische Demonstranten gegenüber. Die friedliche Gegenveranstaltung begann mit zweistündiger Verspätung.

Über Baden-Baden kreisen die Hubschrauber, an jedem Verkehrsknotenpunkt, an jeder Straßenecke und auf jeder Brücke stehen mindestens zehn Polizeibeamte in schwarzen Einsatzuniformen. Ein großer Supermarkt hat sogar eigene Ordnungskräfte eingestellt, die genauso gelangweilt wirken wie die Beamten.

Trotz der bedrohlichen Kulisse sind die zwei Rentnerinnen an der Bushaltestelle nicht sonderlich besorgt – obwohl sie von hunderten Polizeifahrzeugen und tausenden Polizisten in grünen und schwarzen Uniformen eingekreist sind. "Das geht hier schon seit Mittwoch so, aber ich bin kein ängstlicher Mensch – auch wenn es einem bei diesem Anblick bange werden kann", erklärt eine der Damen. Und ihre betagte Nebensitzerin fügt an: "Falls etwas passiert, dann passiert es auch, wenn 10.000 Polizisten vor Ort sind."

"Pace"-Fahnen, Seifenblasen und Flugblätter

Ein Ehepaar steht an der Rheinstraße vor seiner Haustür und schaut in Richtung Bahnhof, woher die Demonstranten in einigen Stunden kommen werden. Auch sie sind nicht besorgt, dass ihrem Eigenheim etwas passieren könnte: "Mich ärgert eigentlich nur, wieviel das alles kosten wird, wenn die Polizei hier rumdüst und ohne Ende Benzin verpulvert", erklärt der Anwohner, dann ist er kurz nur schwer zu verstehen, weil zwei Mannschaftsbusse vorüberbrausen. "Die sollen das beim nächsten Mal doch einfach auf einem Flugzeugträger machen, dann haben wir unsere Ruhe und es kostet nicht solche Unsummen", erklärt er weiter.

Am Bahnhof angekommen, dem Sammelpunkt der Demonstranten, bietet sich ein Bild, das so überhaupt nicht an das Szenario von den gewaltbereiten Störern erinnert, das im Vorfeld von den Sicherheitsbehörden entworfen wurde: Schätzungsweise zweihundert friedliche Menschen haben sich um aufgebaute Zelte versammelt, sitzen in Gruppen zusammen, dösen oder diskutieren. Bunte "Pace"-Flaggen flattern neben vielen anderen Bannern im Wind, Seifenblasen fliegen durch die Luft und die verschiedensten Demo-Teilnehmer verteilen ihre Flugblätter – man wartet ruhig darauf, dass die Demonstration anfängt.

"Es ist ja auch in Ordnung, dass die Leute hier protestieren"

Die Bundestagsabgeordnete der Linken, Karin Binder, erklärt, warum erst so wenige Demonstranten da sind: "Es ist noch alles sehr übersichtlich, weil einige Busse unterwegs aufgehalten wurden. Da durchsucht die Polizei noch die Personen und Fahrzeuge, logisch, dass sie dabei sehr gründlich vorgehen und gemütlich arbeiten." Der Aktivist Nils und seine Kumpels aus Hessen nehmen es mit Humor, dass so wenig los ist: "Auf die 200 Anwesenden kommen ungefähr 1.500 Bullen, da hat jeder von uns praktisch seine private Hundertschaft als Eskorte!" Aber Nils hat auch eine Erklärung für den geringen Andrang: "Wegen der Panikmache im Vorfeld trauen sich Leute, wie der normale Familienvater, gar nicht her, obwohl sie auch nicht mit dem System einverstanden sind."

Die Polizei und die Demonstranten haben sich schnell aneinander gewöhnt, reden entspannt miteinander. Insbesondere die Beamten der dreiköpfigen "Konflikt-Managment"-Teams müssen ununterbrochen Fragen beantworten – und es gelingt ihnen fast immer mit einem Lächeln. Insgesamt gibt es in Baden-Baden 30 solcher Teams, die laut Aussage eines Beamten aus Niedersachsen für solche Situationen geschult wurden. Der Polizist zieht das vorläufige Resumee, dass " ja alles ganz friedlich aussieht. Es ist ja auch in Ordnung, dass die Leute hier protestieren".

Polizei leiht den Demonstranten ihren Lautsprecherwagen

Drei Berufsschüler aus Baden-Württemberg haben sich einen Spaß aus der enormen Polizeipräsenz gemacht: Auf ihren T-Shirts halten sie mit Filzstift fest, wie viele Personenkontrollen sie bereits über sich ergehen lassen mussten. "Ich führe mit neun Kontrollen!" sagte der eine, sein Freund wirft aber gleich ein: "Du hast kein Hemd, auf denen du es markierst. Also zählt es nicht und ich führe mit sieben Stück!"

Monty Schädel, Veranstalter der Demonstration und Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft, kann erst mit reichlich Verspätung mit seiner Rede zum Auftakt des Marsches beginnen. Er muss dafür den Lautsprecherwagen der Polizei benutzen und steht auf einem großen Stein – die Fahrzeuge mit den Lautsprechern und der Bühne haben es wegen der Kontrollen nicht rechtzeitig zur Veranstaltung geschafft. "Unser Zeitplan war nicht einhaltbar, weil uns die Polizei aufgehalten hat. Aber wir haben nicht den Zeitdruck, wie es die politischen Führer mit ihrem straffen Programm haben", erklärt Schädel.

Nach und nach wird er immer lauter: "Wir sind hier in Baden-Baden, um den Politikern die Suppe zu versalzen, die sie in den teuren Hotels speisen – einfach aus dem Grund, weil wegen ihnen viele Menschen auf der Welt gar keine Suppe haben. " Dann verliest er mit unverhohlener Ironie die Verbote, welche die Ordnungskräfte den Demonstranten auferlegt haben: "Leider haben wir keine Sammelstelle für Kapuzenpullis eingerichtet", witzelt er und erklärt, dass die Polizei nicht befürchten müsse, dass sich die Demonstranten vermummen werden: "Nicht wir verstecken uns, sondern die Regierungschefs verstecken sich in ihren blauen, gelben und roten Sicherheitszonen."

Laut aber friedlich

Als der bunte Zug loszieht, ist die Menge der Demonstranten auf über 300 Menschen angewachsen – und diese machen eine Menge Lärm. Flankiert von unzähligen Polizisten schwenken sie ihre mitgebrachten Fahnen, brüllen lauthals ihre Parolen und treiben einen Pulk von filmenden und fotografierenden Journalisten vor sich her: "60 Jahre sind zuviel, nie wieder NATO ist das Ziel!" und "Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden auf der ganzen Welt!" Die NATO-Gegner ziehen langsam in Richtung Innenstadt – laut, aber friedlich.

Die Veranstalter hatten mit mehreren tausend Teilnehmern gerechnet, von denen jedoch viele im Camp blieben, weil sie fürchteten, danach nicht mehr nach Straßburg zur Großdemonstration zurückkehren zu dürfen. Zudem war es den NATO-Gegnern, die in London gegen den G20-Gipfel protestierten, zeitlich überhaupt nicht möglich, rechtzeitig in Baden-Baden anzukommen. So war die Veranstaltung in Baden-Baden nicht die erwartete Massenveranstaltung – doch dafür wurde die pazifistische Botschaft  "Nie wieder Krieg" nicht von Krawallen überschattet.

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  •   antifascista
    (21 Beiträge)

    07.05.2009 14:08 Uhr
    Nato gipfel 2009
    Ich bin selbst vorort gewesen und muss sagen :Verhalten der Polizei war zwischen durch sehr sehr provozierend.Am Ende der friedlichen Demo, sind plötzlich 5-7 Beamte durch die Menge gepflügt und habe einen Demonstrant mit einer unglaublichen Agressivität "herausgezogen".Wärend wir zurück an den Bahnhofgelaufen sind,mussten wir in Ketten laufen um nicht von der polizei auseinander gezogen zu werden.Diese Aktionen waren alles andere als die im Vorfeld besprochene Deeskalationsstrategie der Polizei. Es gab nicht mal einen ersichtlichen Grund warum diese Person angegriffen wurde, also haben sich einige Demonstranten dazwischen gedrängt sogar Herr Schädel hatte einen miesen Faustschlag im Gesicht. Schade das dies von den Medien nicht berichtet wurde. Und so wird auch nach dieser Präsentation der Polzei , der Ruf nach Schäubles/Rechs Rücktritt,Demonstrationsfreiheit und Menschenrechte immer LAUTER --> Still Fight for you'r rights !!
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (11 Beiträge)

    06.04.2009 22:51 Uhr
    und
    irgendwo, in der bnn glaub ich wars, ham se geschrieben das die niedrige anzahl an demonstranten nichts mit der angst vor der überzahl und überpersens der Polizei zu tun habe. Dazu kann ich nur sagen wären die schreiber selber dort gewesen und hätten sich mehrfach grundlos über längere zeit festhalten lassen. Plazverweiße ohne zu nennenden grund usw. Echt nichts für friedliche Demonstranten die keine starken nerven haben!
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (131 Beiträge)

    04.04.2009 08:48 Uhr
    personalien
    ja, so isses. durch feststellen der personalien und speicherung in natürlich nicht existenten dateien unterläuft man das uns bürgern zustehende recht auf demonstrationsfreiheit. nur weiter so, herr schäuble ...
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  •   haenger
    (526 Beiträge)

    04.04.2009 00:06 Uhr
    So was, so was.
    Etwas schlimmeres kann den Medien ja gar nicht passieren.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (5411 Beiträge)

    03.04.2009 21:56 Uhr
    Kein Wunder
    die meisten hat man ausgesperrt und hatten keine Chancen
    zum Mitmachen ...............
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