Riad/Berlin Sorge vor neuem Konflikt im Libanon

Im multikonfessionellen Libanon herrscht ein fragiles politisches Gleichgewicht. Die Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran unterstützen dort unterschiedliche Parteien. Bricht dort ein neuer Konflikt aus?

Angesichts einer drohenden Eskalation im Libanon haben sich Deutschland und Frankreich um eine Entspannung der Lage bemüht.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) drückte in einem Telefonat mit seinem saudischen Kollegen Adel al-Dschubair seine «große Sorge» über die Entwicklung im Libanon aus. Nach der Rücktrittsankündigung von Ministerpräsident Saad Hariri gibt es Ängste, in dem kleinen Land könnte ein neuer Stellvertreterkonflikt zwischen den Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran ausbrechen.

Die Situation bereite ihm große Sorgen, sagte auch UN-Generalsekretär António Guterres in New York. «Wir wollen, dass der Frieden im Libanon erhalten bleibt. Es ist essenziell, dass kein neuer Konflikt in der Gegend ausbricht, das könnte verheerende Konsequenzen haben.» Es sei wichtig, dass die Einheit und Stabilität des Libanon gewährt bleibe. Deswegen sei er seit Tagen in intensiven Gesprächen mit Vertretern aus der Region.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte sich bereits am Donnerstagabend bei einem überraschenden Besuch in der saudischen Hauptstadt Riad für eine friedliche Lösung der Krise eingesetzt. In einem Gespräch mit Kronprinz Mohammed bin Salman habe Macron die Bedeutung hervorgehoben, die Frankreich der Stabilität und Sicherheit des Libanons zumesse, teilte der Élysée-Palast mit.

Auch die USA warnten davor, den Libanon zu einem Schauplatz von Stellvertreterkonflikten zu machen oder auf andere Weise zur Instabilität des Landes beizutragen. Die US-Regierung rufe alle Parteien innerhalb und außerhalb des Libanon auf, die Integrität und Souveränität des Staates zu achten, erklärte Außenminister Rex Tillerson am Freitag. Washington respektiere Hariri als «starken Partner der USA».

Die vom Iran unterstützte libanesische Schiitenmiliz Hisbollah beschuldigte Saudi-Arabien, Hariri zum Rücktritt gezwungen zu haben und ihn nun festzuhalten. Hisbollahchef Hassan Nasrallah warf der saudischen Führung in einer TV-Ansprache zugleich vor, Israel zu einem Schlag gegen den Libanon aufwiegeln zu wollen.

Hariri hatte am Wochenende von Saudi-Arabien aus seinen Rücktritt von der Spitze der libanesischen Koalitionsregierung angekündigt. Zugleich warf er der Hisbollah vor, Unruhe zu schüren. Nach Hariris Ankündigung kamen in Medien Gerüchte auf, er stehe in Saudi-Arabien unter Hausarrest.

Nach Einschätzung Frankreichs kann sich Hariri hingegen frei bewegen. «Er ist im Übrigen am Vortag des Besuchs von Präsident Macron nach Abu Dhabi (in den Vereinigten Arabischen Emiraten) gereist. Daher denken wir, dass er in seinen Bewegungen frei ist», sagte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian am Freitag im Radiosender Europe 1.

Hariri ist ein enger Verbündeter Saudi-Arabiens. Das sunnitische Königreich bekämpft die Hisbollah und deren schiitische Schutzmacht Iran. Am Donnerstag rief Riad seine Staatsbürger auf, den Libanon so schnell wie möglich zu verlassen.

Im multikonfessionellen Libanon herrscht ein fragiles politisches Gleichgewicht zwischen Sunniten, Schiiten und Christen. Stärkste Kraft ist die Hisbollah, gegen die nicht regiert werden kann. Zwischen 1975 und 1990 hatte es in dem kleinen Land am Mittelmeer einen blutigen Bürgerkrieg gegeben. Heute leidet der Libanon auch unter der Last von mehr als einer Millionen syrischen Flüchtlingen.

Zypern bereitet sich bereits auf eine mögliche Flüchtlingswelle aus dem destabilisierten Libanon vor. Sein Land könnte im Notfall wie 2006 erneut als eine Art Brücke zur Evakuierung europäischer und amerikanischer Bürger werden, sagte der zyprische Außenminister Ioannis Kasoulidis am Freitag. Der Krisen- und Evakuierungsplan unter dem Namen «Hestia» könne umgesetzt werden, «sobald es nötig ist».

Die Erzrivalen Saudi-Arabien und Iran stehen sich bereits in Syrien sowie im Jemen auf der Arabischen Halbinsel als Feinde gegenüber. Teheran unterstützt im Jemen die schiitischen Huthi-Rebellen, die von einer Koalition unter Führung Riads seit mehr als zwei Jahren aus der Luft bombardiert werden. Der Iran und die Hisbollah sind zugleich wichtige Partner der Regierung im Bürgerkriegsland Syrien, wo Saudi-Arabien Rebellen fördert.

Gabriel drückte im Gespräch mit seinem saudischen Kollegen die Überzeugung aus, dass die Fortschritte im Libanon unter der Führung von Hariri «nicht in Gefahr geraten» dürften, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin berichtete. Die Grünen-Abgeordnete Franziska Brantner forderte ein Krisentreffen der EU-Außenminister, um eine gewaltsame Eskalation im Libanon zu verhindern.

Regierungssprecher Steffen Seibert betonte, die Bundesregierung sehe die Politik des Irans und seine Unterstützung des syrischen Regimes und der Hisbollah-Miliz kritisch. Sie appelliere an Saudi-Arabien und den Iran, «die politische Stabilität im Libanon nicht zu schwächen».

Gabriel drang den Angaben zufolge im Gespräch mit Al-Dschubair auch darauf, die Lieferung von Hilfsgütern an die notleidende Bevölkerung im Jemen wieder zu ermöglichen. Dass die von Saudi-Arabien geführte Militärallianz im Jemen jetzt wieder Lieferungen über den Hafen von Aden zulasse, sei zwar ermutigend, aber nicht ausreichend.

Die Vereinten Nationen übten scharfe Kritik an Saudi-Arabiens Einsatz im Jemen. Die jüngste Blockade der Flug- und Seehäfen mache das Elend der Zivilbevölkerung untragbar, berichteten UN-Organisationen in Genf. Seit vergangenem Wochenende könnten keinerlei Hilfsgüter für die rund 27 Millionen Einwohner mehr ins Land gebracht werden.

Hilfsorganisationen hatten in dieser Woche vor einer der weltweit größten Hungerkatastrophen im Jemen gewarnt. Saudi-Arabien hatte als Reaktion auf einen Raketenangriff der Huthi-Rebellen eine Blockade über die Flug- und Seehäfen des Bürgerkriegslandes verhängt.

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