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Wenn Bewährtes nicht mehr gut genug sein soll - das Wildparkstadion muss bleiben

Es war der Schreiber eines Leserbriefes in den Badischen Neuesten Nachrichten vom vergangenen Freitag, der mit seinen Zeilen wohl vielen Beobachtern der Karlsruher Stadiondiskussion aus der Seele gesprochen haben dürfte. Denn jener formulierte ebenso treffend wie fatalistisch, „der sportbegeisterte Bürger ist es endgültig leid, ständig vom Hickhack im Gemeinderat über die Stadionfrage zu lesen. Wenn es nicht die Informationspflicht der Presse gäbe, sollte man die BNN wirklich bitten, die entsprechende Berichterstattung bis zu dem Tag einzustellen, an dem die ersten Arbeiten an einem Stadion – gleichgültig an welchem Ort – beginnen.“

Und es stimmt ja tatsächlich, dass sich nach nun rund fünf Jahren allgemeine Erschöpfungszustände breitmachen. Zu oft haben Meinungen, Absichtserklärungen und Interessen der Beteiligten gewechselt, als dass man noch an ein absehbar positives Ende glauben möchte. Vielfach fehlte es auf Seiten von Gemeinde und Verein (bei der einen mehr, bei der anderen weniger) an der unbedingten Bereitschaft, sich in entscheidenden Momenten flexibel und willens genug zu zeigen, gemeinsam eine akzeptable Lösung für Karlsruhe und seinen Fußballverein erreichen zu wollen.

Rücksichtslos

Betrachtet man die Rolle der Stadt, so bekommt die Angelegenheit sogar geradezu ärgerliche Züge. Mit welcher Verve und Rücksichtslosigkeit sie sich in den vergangenen Jahren für so manche ökologisch und ökonomisch waghalsigen, gegen die Interessen vieler Bürger gerichteten Projekte in die Bresche werfen konnte, war mehrfach eindrucksvoll zu beobachten. Vom Kohlekraftwerk am Rhein über die U-Strab bis zum Fleischwerk auf der angrenzenden Gemarkung des Fleckchens Rheinstettens waren und sind Finanzierungspläne, Umweltgutachten und Flächennutzungspläne das Papier nicht wert, wenn der potentielle Interessent aus der Wirtschaft nur halbwegs eifrig um seine und der Stadt Vorteile zu werben wusste und weiß.

Nur draußen im Wildpark durfte, so zum Beispiel, wie selbstverständlich nicht auch nur ein Baum gefährdet oder ein Flutlichtmast gar um einen Meter zu hoch geplant sein, um die Ungeheuerlichkeit von Eingriffen in das wertvolle Öko-Gefüge und einen Verlust an Karlsruher Lebensqualität zu dramatisieren. Zu lange fehlte jene energische Bereitschaft, die vonnöten gewesen wäre, um die Sportstätte im Hardtwald für die Zukunft aufzurüsten. Im Gegenteil musste man den Eindruck haben, dass die Anlage geradezu systematisch kaputtgespart wurde. Als äußerer Beleg für diese These gilt noch immer der heruntergewirtschaftete Zustand der sanitären Anlagen.

Nicht nur Tradition

Nur deshalb konnten sich Verein und Öffentlichkeit an der Lösung eines neuen Standortes an anderer Stelle festbeißen. Flankiert wird die Entwertung des Wildparkstadions zudem auch in der Presse. Oft nutzen Journalisten in diesem Zusammenhang Attribute wie „marode“, „schrott-“ oder „abbruchreif“, um den Karlsruhern das Stadion noch zusätzlich zu vermiesen und eine neue Arena herbeizuschreiben. Das ist seltsam. Denn gerne wird vergessen, dass in diesem Stadion nun schon seit fast 55 Jahren sportliche oder kulturelle Großveranstaltungen mit bis zu 60.000 Zuschauern stattfinden. Es ist eben nicht nur der verqueren Sentimentalität von Nostalgikern geschuldet, wenn man feststellt, dass die Stadt Karlsruhe und der KSC über eine in ihrer Anlage bewährte und wunderschöne Sportstätte verfügen, die ihren Sinn, ohne Gefahr für Leib und Leben vielen Menschen den Besuch von Veranstaltungen zu ermöglichen voll und ganz zu erfüllen vermag.

Erschreckend ist vor allem die Legende, dass das Stadion verkehrtechnisch schlecht zu erreichen sei. Anstatt zu verdeutlichen, wie wertvoll es ist, den Wildpark von zahlreichen Punkten in der Innenstadt mittels eines bequemen Spaziergangs erreichen zu können oder endlich konsequent auf die zahlreichen „Park & Ride“-Angebote hinzuweisen, wird propagiert, dem Besucher eine vor allem auf das Auto ausgerichtete Bequemlichkeit anzubieten, die in der heutigen Zeit wahrlich kaum noch zu vermitteln sein sollte.

„Veraltet“, und das ist der entscheidende Punkt, ist es nur in einer Hinsicht – es lässt sich mit ihm nicht genug Geld verdienen. Ob dieser rein kommerzielle Grund aber ausreicht, der in den letzten Jahren hinsichtlich ihrer Verbauung schon schwer genug gebeutelten Stadt noch weiter zuzusetzen und das soziokulturelle Freizeit- und Erholungsgebiet „Mastweide“ zu zerstören, ist in Frage zu stellen. Der Gemeinderat, der Verein und die Fußballfans sollten darüber nachdenken, ob es das Ziel einer irgendwie gearteten sportlichen Wettbewerbsfähigkeit denn tatsächlich wert sein kann, sich an der künftigen Lebensqualität Karlsruhes aktiv zu vergehen und das Wildparkstadion ohne wirkliche Not preiszugeben.

Der Autor ist Herausgeber und Chefredakteur von "Auf, Ihr Helden! Magazin für Fußballzeitgeschichten" (www.heldenmagazin.de). Dreisigackers KSC-Kolumne "Nachspielzeit" erscheint wöchentlich bei ka-news.de.

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