Christian Kunz und Klaus Bergmann, dpa

Als frisch gekürter 100-Siege-Jubilar verkündete Thomas Müller nach dem Offensivspektakel freudestrahlend die großen Königsklassen-Ambitionen seines FC Bayern. «Wenn man zurückschaut, ist das echt eine verrückt lange Zeitreise gewesen, die ich in der Champions League verbringen darf. Aber wir sind noch nicht fertig - und ich auch noch nicht», sagte der 34-Jährige nach einem wilden Europapokal-Klassiker.

Das 4:3 gegen Manchester United, das Trainer Thomas Tuchel gesperrt aus einer VIP-Loge verfolgen musste, sei dabei nur eine «Durchgangsstation», sagte Müller. Als dritter Spieler nach Superstar Cristiano Ronaldo (115) und Reals Torwartlegende Iker Casillas (101) erreichte er den Meilenstein von 100 Siegen.

Wenige Meter von Müller in den Stadiongängen entfernt fachsimpelte Tuchel nach einem geglückten Saisonstart der Münchner in Europas Bestenliga. «Jeder Sieg in der Champions League ist ein Big Point. Und jeder Sieg gegen Manchester United ist ein Big Point», sagte Tuchel nach einem Fußball-Abend, den er in dieser Form nicht noch einmal erleben möchte. «Das brauchen wir nicht zu wiederholen.» Grund: Wegen einer UEFA-Sperre durfte er nicht zur Mannschaft.

Distanz in mehrfacher Hinsicht

Der 50-Jährige hockte mit einem iPad auf dem Schoß mit «räumlicher» und auch «emotionaler» Distanz auf der Tribüne, von wo aus er seinen Assistenten um Zsolt Lőw beim Coachen gegen den vermutlich stärksten Gruppengegner zuschaute. In zwei Wochen darf Tuchel beim ersten Auswärtsspiel in Dänemark gegen den FC Kopenhagen dann wieder unten auf der Bank seiner Arbeit nachgehen.

Die vier Angreifer-Tore von Leroy Sané, Serge Gnabry, Elfmeterschütze Harry Kane und Super-Joker Mathys Tel bereiteten Tuchel ebenso wie den 75.000 Zuschauern Spaß. Aber es gab beim 20. Münchner Auftakterfolg in Serie in Europas Königsklasse eben auch drei Gegentreffer von Rasmus Höjlund sowie dem Doppeltorschützen Casemiro. «Das Spiel war ein bisschen wild. Für die Fans war es schön, viele Tore zu sehen und offensiv war es gut, aber insgesamt müssen wir weniger Fehler machen», sagte der abermals starke Sané. Nach seinen vier Liga- und zwei Nationalteamtreffern jubelte er auch in Europa über ein Tor.

Beim Königsklassen-Debüt für Bayern freute sich auch 100-Millionen-Mann Kane als Torschütze. «Ich denke, wir zählen zu den Favoriten. Es gibt nicht viele Teams in Europa, die uns sehen und gegen uns spielen wollen», sagte Englands Nationalmannschaftskapitän im US-Sender CBS. Wie Kane (30) traf auch Tel (18). Nach zwei Toren und einer Torvorlage in der Bundesliga setzte er damit seine imposante Joker-Serie in der Champions League fort. 

«Energie» - und nicht beim «Kaffeeklatsch»

«Er gibt immer Energie, er will immer ein Tor machen», sagte Müller über den vor einem Jahr für immerhin 20 Millionen Euro von Stade Rennes verpflichteten Franzosen Tel. «Das verlangen wir aber auch. Wir sind ja beim FC Bayern nicht zum Kaffeeklatsch oder weil wir in der Lotterie gewonnen haben.» Tel selbst war zwar «sehr zufrieden», befand aber auch: «Wir können es auch besser machen.»

Das galt vor allem für die erneuten Wackelphasen der Münchner, die es nachlässig selbst nochmal spannend machten. Zweikampf-Experte Konrad Laimer bemängelte den Hang zum «Harakiri-Pass ins Mittelfeld». Defensivsorgen hegt Sportdirektor Christoph Freund aber nicht. «Auch wenn wir heute drei Tore bekommen haben - das ist immer ein Verbund der ganzen Mannschaft», sagte der 46-Jährige, der gerne von der Luxus-Offensive schwärmte.

«Musiala ist ein Ausnahmespieler. Absolute Weltklasse, wenn er den Ball am Fuß hat, was er da für eine Denke hat, wie er Eins-gegen-Eins-Situationen löst», sagte Freund. Musiala, der nach seiner auskurierten Muskelverletzung zuletzt zu einem Jokereinsatz kam, erhielt diesmal den Vorzug vor Müller in der Startelf. Dort würde auch Tel gerne bald auflaufen. Die Situation sei für den Top-Joker «ein bisschen unfair», räumte Tuchel ein. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis der 18-Jährige starte. Vielleicht am Tag vor dem Wiesnbesuch, am Samstag gegen Bochum?

Alles «rosarot»?

«Vorne haben wir für die vier Positionen sechs, acht Topspieler. Vorne ist der Kader nicht irgendwie ausgedünnt», sagte Müller, der erst spät in sein 143. Spiel in Europas Eliteklasse reinkam. Der Trainer habe viele Varianten und man müsse sich als Spieler so präsentieren, dass man von Beginn an auflaufe. Oder andernfalls die Teamkollegen unterstützen. «Das hört sich nach rosaroter Wunderwelt an, aber bei uns aktuell ist es tatsächlich so.»