Karlsruhe Platten-Tipps für neue Musik zuhause: Karlsruher Americana und feiner Deutsch-Pop - No Sugar, No Cream und Elen

Szenekenner Toby Frei hat zwei Platten in der Rezension: "Promises" von der Karlsruher Band No Sugar, No Cream und "Blind über Rot" von Singer und Songwriterin Elen. Für beide Acts könnten die neuen Scheiben der Durchbruch sein. Wer wissen will, warum sich das Reinhören lohnt, sollte unbedingt weiterlesen.

Die Kollegen und Kenner vom "Rolling Stone" vergeben für "Promises" drei von fünf Sternen - eine durchaus faire Bewertung. Ich finde allerdings keine Schwächen, beim besten Willen nicht. Denn: Die angesprochene, angeblich überreizte Wehmut stört mich überhaupt nicht. Im Gegenteil, diese unbedingte Melancholie steht No Sugar, No Cream ausgezeichnet. Das nur am Rande.

"Promises" in der Heavy Rotation

Starten wir rein in die Besprechung des neuen Albums des Karlsruher Quintetts. Es beginnt mit "This House Is On Fire", und man taucht sofort in den bewährten Band-Kosmos ein. Ästhetisch, selbstredend folkig, hier seltenerweise auch rockig - Pete Jay Funk ist einfach ein gekonnter Sänger und nebenbei ein wirklich herausragender, ausgereifter Songwriter. Ein schöner Start!

Der zweite Song ist Namensgeber und für mich persönlich auch - mit cleveren Lyrics versehen - der beste Song des Albums: "Promises". Dieser wunderbar flirrende Country-Shuffle landete prompt in der heimischen Heavy Rotation.

Wenn man denn ein Haar in der Suppe finden will, dann, dass es zeitweise (für einige wenige) so ein bisschen gefühlig dahinschaukelt. Aber hey, wir sind hier nicht bei Rammstein, vielmehr handelt es sich um wohl geschliffene Pretiosen aus dem Alternative Country-Sektor. Genau da will man hin.

Fein ziselierte Gitarrenarbeit

Auch Soul ist dabei, wenn auch nicht im klassischen Sinne. Vielmehr wohnt dieser Musik eine Menge Seele inne, welche dieser Karlsruher Musik einen wunderbar goldenen Glanz verleiht. "Promises" leuchtet quasi von innen!

No Sugar, No Cream
No Sugar, No Cream | Bild: ps

Was zudem beeindruckt, ist die schöne, fein ziselierte Gitarrenarbeit quer übers Album, ob akustisch oder elektrisch verstärkt. Von der wunderbaren Violine ganz zu schweigen, die das Ganze des Öfteren veredeln darf ("October Day").

"Good Enough For Now" ist träumerischer Folk-Pop, traumwandlerisch sicher ausgeführt, wunderbar austarierte Musik. Auch " Stranger (In A Strange Place)" ist ein mundender Track, verfeinert durch schönen Satzgesang und wabernde Wah-Wah-Gitarre. Dieser Song war im April übrigens der Album-Appetizer im Netz. 

Breit gefächertes Albumgefüge

Einfach schöner, fließender Folk ist "Marlowe's Investigation", knackig gehalten und doch substanziell. Fast schon balladesker Pop (mit gezupfter Akustik-Klampfe) ist dagegen "Not Available" und passt trotzdem vortrefflich ins breit gefächerte Albumgefüge. Ein wunderbarer Song!

"You're Gonna Be All Right" beschließt dann "Promises", und tatsächlich wurden alle Versprechen, alle Hoffnungen, die man haben konnte/durfte, eingelöst.

No Sugar, No Cream adelt die Szene

Ich habe es ja schon des Öfteren kundgetan: Es ist feinste Americana, was NS, NC da regelmäßig abliefern. Wir können uns glücklich schätzen, solch eine Band in der Fächerstadt zu haben, sie adelt die hiesige Szene musikalisch ungemein.

"Promises" ist nah dran an Jakob Dylan (ja, der Junior!) und natürlich auch an Neil Young - diese Referenz kann man durchaus ziehen, um dieser Scheibe gerecht zu werden. Die Legende hat übrigens selbst mit "Homegrown" ein tolles, neues Album veröffentlicht, wohl eines seiner besten überhaupt.

No Sugar No Cream
No Sugar No Cream | Bild: ps

Auch der verehrte Amos Lee winkt lächelnd aus nicht allzu weiter Ferne. Was zudem besticht, ist diese souveräne, staubtrockene Produktion, welche höchsten Ansprüchen genügt, jedes Instrument bekommt seinen Platz in diesem feinen Country-Universum, welches die Karlsruher da so entwerfen, in den klanglichen Raum zaubern.

Also, das kann, ja, das muss der endgültige Durchbruch (auch außerhalb regionaler Grenzen) sein - wenn es denn gerecht zugeht auf diesem musikalischen Planeten. Ich persönlich bin jedenfalls äußerst glücklich über "Promises"!

Elen - "Blind über Rot"

Die zweite Platte in der Besprechung: Elen mit ihrer Scheibe "Blind über Rot". Elen war geraume Zeit Straßenmusikerin, man hört und bemerkt diese Kratzigkeit in ihrer Stimme - in der Kunst würde man das Patina nennen. "Blind über Rot" ist jetzt ihr erster Longplayer, in Kürze: Es ist ihr durchweg gelungen, die Klasse ihrer Vorab-Singles zu halten.

Elen ist auf dem Weg nach oben. | Bild: ps

Der erste öffentliche Eindruck und quasi der Durchbruch war wohl der Auftritt bei Inas Nacht im vergangenen Jahr – da hat die Singer/Songwriterin gezeigt, was möglich ist, was sie drauf hat, ein wahrlich charmantes Gastspiel. Die Gastgeberin Müller und ihr Publikum jedenfalls waren hellauf begeistert.

Exzellentes Händchen für wunderbare Melodien

Es beginnt grandios, "Liegen ist Frieden" und "Egal" sind großartiger Deutsch-Pop mit gewitzten bis gewagten Texten - nicht mehr, nicht weniger. Delikate Geschichte! Überhaupt: Wunderbare Melodien ziehen sich durch "Blind über Rot", da hat Elen einfach ein exzellentes Händchen.

"Happy End" ist solch ein wirklich schöner Song, derweil begleiten elektronische Sprengsel ("Andere Arcaden", "Gut werden") die Scheibe über die ganze Strecke. Auch das passt.

Schönste Deutsch-Pop-Platte seit langer Zeit

Der Titeltrack "Blind über Rot" ist eine Art elegischer (Dream) Pop, die Lyrics bleiben (albumweit) tief melancholisch, immer mit einem kleinen verschmitzten Lächeln versehen, diese Melange steht Elen ungemein. Manchmal sieht man in den Texten gar Depressionen lauern ("5 Meter Mauern"). Ob dem so ist, lässt sich letztendlich nicht verifizieren. Aber es zieht sich durch die Platte. Auch "Hallo" gerät derart, immer mit dieser kleinen Träne im Knopfloch.

Übrigens: Das besprochene Album von Elen ist klimaneutral und aus ressourcenschonendem Recyclingpapier, -karton und Vinylgranulat produziert. Der durch Produktion und Versand entstandene CO2-Fußabdruck wird durch die Unterstützung eines Klimaschutzprojektes im Amazonas-Regenwald ausgeglichen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Das Werk hat zwar seine Schwächen - aber eben nicht viele. Ein bis zwei Tracks weniger hätten der Stringenz des Albums ganz gutgetan. Aber sei's drum: "Blind über Rot" ist schlicht die schönste Deutsch-Pop-Platte seit langer Zeit! Reinhören lohnt sich also!

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