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Karlsruhe "Es wurde noch nie so viel komponiert wie jetzt!": Karlsruher Komponist Wolfgang Rihm im Gespräch

1974, da war er gerade 22 Jahre alt, hat er bei den Donaueschinger Musiktagen sein erstes Orchesterstück "Morphonie – Sektor IV" uraufgeführt. Heute umfasst das Repertoire von Wolfgang Rihm über 400 Kompositionen. ka-news.de-Kollege David Michalik hat den gebürtigen Karlsruher in seinem Zuhause besucht.

An einem milden Herbsttag im November treffen wir uns mit Wolfgang Rihm in seiner Altbauwohnung in der Karlsruher Weststadt. Immer wieder dringt die Sonne durch die Wolkendecke und durchflutet das Arbeitszimmer, in dem wir uns unterhalten.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
ka-news.de-Mitarbeiter David Michalik im Gespräch mit Wolfgang Rihm. | Bild: Hammer Photographie

Weiß gestrichene Bücherregale ragen vom Boden bis zur Decke an den Wänden empor, Rihm hat sie eigens von einem Schreiner anfertigen lassen. Im Zimmer nebenan ruht der Steinway-Flügel, übersät von Büchern und Notenblättern. Hier liegt Kunst und Musik in der Luft, das wird spürbar. 

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Bild: Hammer Photographie

Herr Rihm, was hat Sie dazu inspiriert, mit dem Komponieren anzufangen?

Das weiß ich nicht, denn man findet sich darin vor. Man sagt nicht, das und das inspiriert mich. Ich hab als Kind damit angefangen, da habe ich mich auch nicht gefragt, ob ich inspiriert bin. Man macht das einfach. Was inspiriert jemanden, der Fußball spielt?! Der Fußball. Mich inspiriert die Musik, also mache ich Musik.

Sie saßen aber irgendwann mal als kleiner Junge am Klavier und haben gemerkt, das ist was für Sie?

Am Klavier bin ich nicht so gerne gesessen, da muss man üben und das mochte ich nicht so gern. Ich hab lieber gleich damit angefangen, zu komponieren. Dann hab ich gemerkt, es geht noch nicht, und ich musste warten, bis es geht (lacht).

Muss man erst einmal Instrumente beherrschen, damit man weiß, wie man komponiert?

Man muss eigentlich gar nichts, man muss Ideen haben und Lust, etwas zu tun. Ich kann kein Fagott spielen, und dennoch schreibe ich hier Fagott-Partien.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Konzentration auf das Wesentliche: Ein Komponist muss nicht unbedingt eine Vielzahl an Instrumenten beherrschen. | Bild: Hammer Photographie

Wie würden Sie einem Laien Ihre Musik erklären?

Gar nicht, er soll sie hören. Ich stelle mich nicht neben Kunst und fange an, sie zu erklären, in der Hoffnung, dass der, dem ich sie erkläre, sie besser versteht. Das ist nicht meine Aufgabe.

Wie sieht Ihr Schaffensprozess aus?

Ich fange an und skizziere meine Ideen in Notizbüchern. Und dann setze ich das um in Partituren.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Am Arbeitsplatz: Wolfgang Rihm hat schon über 400 Kompositionen geschaffen. | Bild: Hammer Photographie

Aber mit was beginnen Sie? Wenn ich zum Beispiel etwas zeichne, habe ich eine Vorstellung davon im Kopf.

So ist es. Nehmen Sie Jackson Pollock - er wusste ganz genau: „Da oben ist eine schwarze Schliere, und da unten eine rote.“ Entsteht nicht etwas auch erst, indem es gemacht wird? Wie beispielsweise in der bildenden Kunst: da entsteht vieles erst in dem Moment, indem es getan wird.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Wolfgang Rihm zeigt uns seine Entwürfe. | Bild: Hammer Photographie

Gut, aber wie ist das bei etwas Akustischem? Haben Sie im Ohr, wie es klingen soll?

Es ist nicht so, dass ich es höre, aber ich stelle es mir eben vor. Sie stellen sich zum Beispiel vor, wie sich das Blau auf der Leinwand mit dem Weiß vermischt. Und so ist es mit Klängen auch. Töne, Tonfolgen, Akkorde, die sich gegenseitig durchdringen, die auseinander hervorgehen, die sich spielerisch umeinander bewegen - das sind Fantasievorstellungen.

Hat Komponieren für Sie auch etwas mit Sprache zu tun?

Wenn man sich darauf verständigt, dass Musik eine Art Sprache sein kann, dann ja. Idas ist aber oft zu eng gedacht. Musik ist oft gerade darin Musik, dass sie eben keine Sprache ist. Sondern etwas, was sich sprachlich gar nicht fassen lässt. Und je mehr man Musik sprachlich fassen kann, desto weniger ist sie wahrscheinlich genuine Musik. Ein eigentümliches Zwischenwesen zwischen sprachlicher und bildlicher Vorstellung.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Wie ein Roman: Rihm notiert seine Partituren von Hand. | Bild: Hammer Photographie

Viele Menschen verbinden Musik mit Bildern. Das ist bei mir nicht so. Ich liebe Bilder, aber ich verbinde Musik nicht mit Bildern. Musik bildet nichts ab.

Für die Musiker sollen Ihre Stücke oft anspruchsvoll sein...

Da muss man zwischen technisch anspruchsvoll und geistig anspruchsvoll unterscheiden. Die Interpretation von Musik hängt von der Leidenschaft des Musikers ab. Es reicht nicht, sich auf technischer Ebene mit der Musik auszukennen.

Es ist ein Wissen um die tieferen Zusammenhänge nötig, nicht nur um die der Musik, sondern allgemein um die des Lebens. Hanns Eisler, ein österreichischer Komponist, hat einmal gesagt: "Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts."

Was macht Sie als Karlsruher aus?

Ich lebe hier gerne, ich mag die Stadt, sehr angenehm zu leben, man ist mitten in Europa. Man kann sich von hier aus an die Ränder Europas bewegen. Ich bin mit dem Zug in zweieinhalb Stunden in Paris. Man ist wunderbar verbunden mit allem.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Fantasie: Die Musik entsteht bei Wolfgang Rihm im Kopf. | Bild: Hammer Photographie

Was meinen Sie, wie haben Sie die Welt der Musik verändert?

Ja, das muss diese mir sagen. Verstehen Sie, ich habe begonnen zu komponieren, und dann wurde das wahrgenommen. Aber ich habe ja als Kind nicht gesagt: Damit verändere ich die Welt! Wenn, dann glaube ich, dass ich die Verantwortung, die man als Künstler hat, für eine Freiheit einzustehen, zeitlebens bis jetzt verkörpert habe. Aber das ist eigentlich so normal, eine Voraussetzung für künstlerisches Agieren.

Sie unterrichten noch aktiv. Wie groß ist das Interesse junger Leute am Komponieren?

Das ist riesig. Nur ein Beispiel: In Luzern, wo ich die Festivalakademie leite, hatten wir für den Kompositionskurs letztes Jahr 258 Bewerbungen weltweit. Aus Südamerika, China, Dänemark, Freiburg (lacht) - aus aller Welt. Enorm! Es wurde noch nie so viel komponiert wir jetzt.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Bild: Hammer Photographie

Wie kann man sich das Studium vorstellen? In dem Fall ist es ja nichts, was organisch aus einem hervortritt.

Ich hoffe aber doch! Man will im Studium gewisse technische Ebenen kennen lernen. Es ist ja nicht so, dass da Leute kommen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Das sind bereits ausgebildete Musiker.

Sie bringen zur Bewerbung mit, was Sie künstlerisch hervorgebracht haben. Da kommen keine Leute, denen von Zuhause vorgegeben wird, was sie machen sollen. Sie müssen die Leidenschaft und die Begabung mitbringen.

Denken Sie, dass sich das Komponieren in eine bestimmte Richtung entwickeln wird?

Ich denke, das entwickelt sich in Richtung Vielfalt. Ich bin immer dagegen, auch in meinem Unterricht, eine Einbahnstraße zu vermitteln. Ich sage immer: Schaut euch um, vielleicht findet ihr Ansätze, die ihr hier gar nicht bekommt. Ich finde, als Lehrer stärkt man seine Fähigkeiten, Aufgaben für sich selbst zu stellen. Ich versuche, die Studierenden in ihrer Eigenart so zu fördern, dass sie sich ihre Aufgaben selber stellen. Ich habe dann das Gefühl, als Lehrer etwas erreicht zu haben, wenn "Eigensinn" spürbar wird.

Wolfgang Rihm Karlsruher Komponist
Rihm: "Es wurde noch nie so viel komponiert wir jetzt!" | Bild: Hammer Photographie

Gibt es für Sie noch Ziele, die Sie erreichen möchten?

Meine Musik wird überall gespielt, ich kann mich nicht beklagen. Ich habe keine Wünsche, ich möchte meine Sachen weitermachen, solange ich kann und dabei für diejenigen, die mich aufsuchen, ein guter Ratgeber sein. Und für meine Nächsten ein lieber Freund.

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