Karlsruhe Von Rodin bis Giacometti: Die Kunsthalle zeigt "Plastik der Moderne"

Keine Kärtchen an den Werken, denn Literatur gibt's längst mehr als genug. Mit den Augen tasten, Formen fühlen, den Raum verstehen und dem Charme des Dinges verfallen - vom Samstag, 28. November, ermöglichen das bis Ende Februar die Skulpturen der Ausstellung "Von Rodin bis Giacometti. Plastik der Moderne" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Siegmar Holsten, Kurator der Ausstellung, bemerkt zurecht "dass die Plastik gegenüber der Malerei in fast allen Kunstmuseen zu Unrecht immer die zweite Stimme bekommt". Zwei Jahre zuvor kuratierte er die Sonderausstellung "Von Houdon bis Rodin", in der es überwiegend um französische Plastik des 19. Jahrhundert ging - und schon damals wünschte sich Holsten, europäische und vor allem auch Plastiken der Moderne auszustellen.

Jetzt hat er es geschafft und sich gleichzeitig ein Abschiedsgeschenk der besonderen Art geschaffen; ab Februar und zum Ende der Ausstellung wird er Karlsruhe verlassen. "Ich bin stolz, zum letzten Mal die Gelegenheit zu haben, dieses große Haus nutzen zu können!", sagt er gerührt und auch die Leiterin der Kunsthalle, Pia Müller-Tamm, betont die "herausragende Werkauswahl".

"Zerlegte Blicke" und der "Schock und Charme der Dinge"

Tatsächlich deckt die Ausstellung die gegenständliche Bildhauerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert nahezu komplett ab, ohne dabei chronologisch oder linear eine Zeitspanne abbilden zu wollen. Überhaupt möchte Holsten nicht belehren: "Hören Sie auf zu lesen und sehen Sie hin!", fordert er. Deswegen hat er auch keine Kärtchen an den Werken angebracht, sondern nur Nummern. "Im Betrachten von Kunst gibt es kein Müssen", sagt er.

Die 100 Werke der 60 Künstler hat Holsten nach Themen und in Gruppen angeordnet; rote Fäden gibt es mehrere. Anstatt einer Linie ist es ein Gewebe - die Autonomie und Einzigartigkeit jedes einzelnen Werkes soll für sich stehen dürfen. Betitelt hat er die Gruppen unter anderem mit "Gesichter", "Ersehnte Ursprünglichkeit", "Zerlegende Blicke" und "Schock und Charme der Dinge"; darin eingeordnet finden sich Werke der namhaftesten Künstler jener Zeit: Matisse, Picasso, Brancusi, Klee, Kirchner und Duchamp.

Museen in Paris, Venedig und Zürich liehen ihre Werke - die zwei Meter hohe Marmorfigur von Lehmbruck musste zwischenzeitlich ohne Fahrstuhl über viele Treppen transportiert werden, während die beiden kleinen Klee-Figuren, die eigentlich in eine Handtasche passen, mit dem eigens dafür gemieteten Lkw angereist sind.

Die Figur im Raum mit den Augen ertasten

Im Abschnitt "Schock und Charme der Dinge" finden sich Marcel Duchamps "Fahrrad-Rad" und "Flaschentrockner" und erinnern an die leise Provokation der "Objet trouvé" und später "Readymade"-Bewegung, bei der Alltagsgegenstände und gefundene Objekte in der musealen Institution zu Kunstwerken erklärt wurden. Auf den Sockel gehoben und nur in ihrem Kontext verändert, wurden sie zu Ausstellungsstücken - ob das heute noch funktioniert, kann anschließend in der Kinder- und Jugendausstellung "Formbar" ausprobiert werden. In der Rubrik "Gesichter" steht eine kleine Gussstatue Rodins, das Porträt einer japanischen Tänzerin "Hanako", die in der Lage war, ihr Gesicht über einen langen Zeitraum schmerzlich wie im Todeskampf zu halten und so Rodin die Gelegenheit gab, sie über einen Zeitraum von vier Jahren zu porträtieren. Hinter jeder Figur steht eine Geschichte, Siegmar Holsten kennt sie fast alle.

Immer im Zentrum steht für ihn die Figur im Raum; Schubladendenken lehnt er ab. Er spricht von Emotionen und Sensibilität, an einer verführerisch glänzenden Steinstaue möchte er noch das Schild "Mit den Augen tasten" anbringen und fordert genau das: Sehen ohne viel Einfluss, Erkennen und vor allem genießen. Gleichzeitig erinnert er an Klee, der einmal sagte: "Wir müssen wieder Kinder werden."

"Formbar"-Werkstatt der Jungen Kunsthalle

Genau das hat sich Sybille Brosi, Leiterin der Jungen Kunsthalle, zu Herzen genommen: Wenige Stunden vor der Eröffnung der Hauptausstellung eröffnet sie "Formbar", eine Ausstellung mit Werkstätten für Kinder und Jugendliche. Ihnen ist dort die Möglichkeit gegeben zum "Nacherleben, was gesehen wurde, verstehen, was Plastik alles bedeuten kann". In einer Dunkelkammer dürfen sie mit Handschuhen ein originales Werk befühlen, das dann in den Werkstätten unter Anleitung von Bildhauern nachgebildet wird und schließlich steht in der "Dehnbar" der eigene Körper Modell. "Formbar, Dehnbar, Baubar - viele 'bars', aber alle wunderbar", lacht Brosi und hebt als besonderen Höhepunkt Paul Klees Puppenspiel am Donnerstag, 28. Januar, hervor: Mit 50 Handpuppen wird ein von ihm  geschriebenes Stück inszeniert.

Die Ausstellung "Von Rodin bis Giacometti" läuft bis zum 28. Februar und ist von Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr und am Wochenende sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das vollständige Begleitprogramm gibt's auf der Website der Kunsthalle.

www.kunsthalle-karlsruhe.de

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