Browserpush
 

Stürmer-Foul

Akute "Starmania"? Wem schneller Ruhm zu Köpfchen steigt: Casting-Produkt Christina Stürmer (Grafik: ka-news)
Ein Kommentar von Patrick Wurster

Inhalt gegen Öffentlichkeit. So lautet der simple Deal im tagtäglichen Ränkespiel zwischen Journalismus und PR. Doch bizarr mutet es mitunter an, was sich manch Künstler herausnimmt.

Oder treffender gesagt meint herausnehmen zu können. Beiße nie die Hand, die dich füttert. Was jedes Lebewesen der Gattung Canis Lupus Familiaris instinktiv verinnerlicht hat, scheinen immer öfter gerade diejenigen zu vergessen, die noch lange nicht genügend Fleisch auf den Rippen haben. Der Optik ungeachtet ist das auch beim Alpen-Castingshow-Gewächs Christina Stürmer nicht anders. Klarer Fall von akuter "Starmania". Gerade startete die 23-Jährige ihre Debüt-Tournee durch deutsche Lande, eines der ersten Domizile: Die Durlacher Festhalle. Auch ka-news war als Medienpartner dabei, für "sein" Konzert fleißig die Promotrommel zu rühren. 17 Uhr, Interview-Termin mit Frau Stürmer. Doch noch.

Der Journalist in der Rolle des unmündigen Erfüllungsgehilfen?

Denn die "Rote Liste", welche im Vorfeld via E-Mail die Redaktion erreichte, war nur mit viel Zähneknirschen zu akzeptieren: Keine Fragen über die (offenbar vom Major-Label Universal hierzulande nicht mehr gern gesehene) Casting-Vergangenheit! Und bitteschön keine Fragen darüber, ob denn die "Alpen-Christl" ihr Liedgut selbst textet! So lautete die bedingungslose Doktrin des Managements. Vor Ort wollen die Ärgernisse jedoch kein Ende nehmen: Obwohl im Vorfeld ein Vier-Augen-Gespräch vereinbart war, der Fragenkatalog demnach auf die Frontfrau ausgerichtet, hatte sich das Sternchen kurzfristig in den Kopf gesetzt, dass sie nichts und das Kollektiv fortan alles ist.

Tourmanagerin Cosima von der betreuenden Agentur Berit Bönisch Consulting lässt unmittelbar vor dem Zusammentreffen von Frager und Befragter lapidar wissen, "dass Christina ab sofort nur noch mit der Band zu haben" sei. Schließlich hieße es ja auch Christina Stürmer und Band. Spielregeln sind an sich eine feine Sache - sofern man sie vor Anpfiff kundtut. "Dein Problem. Da steht ein Laptop und ein Drucker. Lass dir was einfallen, ich hol dich in fünf Minuten wieder ab." Der Journalist endgültig in der Rolle des unmündigen Erfüllungsgehilfen?

Frag, was wir wollen, "sonst kriegst du keine lockere Christina und somit auch keine guten Antworten." O-Ton der Managerin. Versprechen oder Drohung? Egal, denn viel dahinter scheint im Falle von Christina Stürmer ohnehin nicht zu sein: Wer offensichtlich meint, sich ein halbes Jahr nach einer halbwegs erfolgreichen und auch halbwegs gelungenen Debüt-Platte (ka-news berichtete) vom gehypten Sternchen zum selbstverliebten Star krönen zu können, die vom Presserummel ach so genervte Diva raushängen zu lassen, um im Gegenzug selbst auf die dankbarsten Fragen und Stichworteinwürfe nur eine ebenso heiße wie inhaltsleere Luftblase von sich zu geben, wird nur schwer vom Image des fremdgesteuerten Casting-Häschens loskommen. Deutsch und österreichisch basieren zwar auf demselben Wortschatz, doch offenbar gibt es zwischen Label und Künstlerin in diesem Punkt doch einige Sprachschwierigkeiten: Im Gegensatz zum heimischen at-Auftritt erwähnt die deutsche Website die vier Musiker der "Und Band" nämlich mit keinem Wort.

Mutter, der Mann mit dem Koks ist da...

Dass es selbst der Kettenhund in Person von Tourmanagerin Cosima nicht besser weiß, in welcher Liga ihr verhuschter Schützling spielt, ist allerdings schon beinahe grotesk. Obgleich die folgende beschämende Begebenheit zu jenem Zeitpunkt schon fast nicht mehr von Belang war, wurden hernach allen Ernstes noch die bereits akkreditierten Fotografen zum "Vorstellungsgespräch" zitiert, um entscheiden zu können, wer aufgrund von Medium und zugehöriger Auflage für würdig (oder besser brauchbar) befunden wird, wer sein Bild bekommt und wer nicht. Am besten klebe man sich im Falle eines Zuschlags den Fotopass quer über die Stirn, denn "Christina möchte von der Bühne aus sehen können", ob der Mann am Drücker auch legitimiert ist, ihr Antlitz für die Nachwelt festzuhalten.

Genommen wird nach wie vor noch gerne. Wenn Frau Stürmer allerdings weiterhin so grob foul spielt, ist auch das nicht mehr von Belang. Wer sich - wohlgemerkt als Newcomer mit allen Chancen auf einen Musik-Bizz-Pauschaltrip inklusive Rückfahrschein - selbst unbedrängt mit hochgezogenem Näschen ins Abseits stellt, erhöht schneller als ihm lieb sein dürfte den Schicksalszähler der Casting-Generation um eins nach oben; wenngleich Buchhändlerin schließlich auch ein sehr erfüllender Job sein kann. Nein, hier ist ganz offensichtlich jemand der schnelle Ruhm zu Köpfchen gestiegen: Größter österreichischer Popstar seit Falco? Mutter, der Mann mit dem Koks ist da...

PR und Journalismus spazieren Hand in Hand durch den Blätterwald

Da hilft denn auch die späte Einsicht der Managerin, "dass man eben noch unerfahren und Karlsruhe einer der ersten Termine im Tourkalender" sei, nichts. Im Gegenteil: Arrogantes Auftreten mit - Zitat - "Unsicherheit und Unerfahrenheit" zu entschuldigen, ist im besten Falle noch ein Armutszeugnis. Zuteil wird der Alpen-Christl allenfalls noch die Gnade der späten Geburt, schließlich ist sie erst Jahrgang '82. Apropos: "Wir haben Anfang der 80er Jahre gegen Pershings demonstriert. Wer demonstriert denn heute gegen Castings? Gegen diese ganzen singenden uninteressanten 'Ferrero Küsschen'-Wichser?" Da braucht es erst einen Comedian wie Michael Mittermeier, um es auf den Punkt zu bringen. Denn aus der Angst heraus, es sich zu verscherzen, wehren sich nach wie vor die Wenigsten in der Branche gegen die wachsende Willkür.

An dieser Stelle einen hehren Appell an die schöne Idee von der Pressefreiheit auszurufen, ist freilich reichlich lachhaft. Längst spazieren PR und Journalismus Hand in Hand durch den Blätterwald, sind aufeinander angewiesen, ist letzterer überspitzt gesagt nurmehr ein bloßes Rädchen im System, lässt sich als Verlautbarungsorgan instrumentalisieren. Jeder von uns tut das Tag für Tag, mal bewusst, dann wieder unbewusst, der eine mehr, der andere weniger. Und doch: Jeder tut es - ganz gleich ob er sich das nun eingestehen mag oder nicht. Gerade im lokalen Geklüngel tritt man sich möglichst nicht unnötig auf die Füße. Haus und Hof stehen sperrangelweit offen. Der Journalist also doch in der Rolle des Erfüllungsgehilfen? Vielleicht.

Aber immerhin eines mündigen, der auch mal freundlich aber bestimmt "Nein, danke!" sagen darf. Doch viel zu selten begehrt der Promotionshelfer auf, lässt sich stattdessen in den Status einer billigen Public Relations-Hure drängen; und immer mehr versucht die Gegenseite die Arbeit der Journalisten nach ihrem Gutdünken zu beeinflussen, zu manipulieren, zu kontrollieren. Denn das Gehabe von Christina Stürmer und ihrer für diesen Abend zur Seite gestellten Betreuerin - pardon: die "Und Band" nicht zu vergessen - ist leider langsam weit mehr als der bedauernswerte Einzelfall.

"Ein bizarres Embargo gegen die Kritik"

Auch abseits der programmierten Träller-Marionetten wird emsig versucht, Berichterstattung über vermeintlich begehrenswerte Produkte zu steuern.Beispiele für die teils schon unverschämten Auswüchse gibt es zuhauf: Sei es nun Christina Stürmer, die sich am liebsten selbst befragen würde, Künstler wie die Toten Hosen (ka-news berichtete), welche mit Vehemenz aufs Recht am eigenen Bild pochen und vor dem Gang in den Fotograben seitenweise einklagbares Vertragswerk unterzeichnen lassen oder Gangsta-Rapper 50 Cent, der bei seinem einzigen Konzert in Süddeutschland vor wenigen Tagen die Fotografen gleich ganz umsonst ihre Aufwartung machen lässt (ka-news berichtete).

Den Blattschuss auf dem Jahrmarkt der Dreistigkeiten verbucht seit kurzem aber unangefochten Kinoverleiher UIP, der sich zum ersten Mal in der Film-Geschichte von den bei Pressevorführungen - auf welchen Leibesvisitationen und Nachtsichtgerätschaft längst zum Standardrepertoire gehören - anwesenden Journalisten schriftlich zusichern ließ, dass vor dem Weltstart von Steven Spielbergs halbgarem Untergangsepos "Krieg der Welten" nicht berichtet wird. "Ein bizarres Embargo gegen die Kritik." Lars-Olav Beier hat mit seinem "Spiegel"-Artikel "Notstand im Kinosaal" als einer der ganz wenigen angemessen auf den längst überbordenden Kontrollwahn der PR-Maschinerie reagiert.

Dass die feilgebotenen Produkte nach deren Dafürhalten im bestmöglichen Licht stehen sollen, ist verständlich und legitim. Ja, unverzichtbar sind die Damen und Herren der zuarbeitenden Abteilung "Externe Kommunikation" für unsereins. Gerade in diesen schlechten Zeiten, da die Redaktionen allerorten ohnehin hoffnungslos unterbesetzt sind. Und auch in den besseren geht es nunmal nicht ohne jene jederzeit gern genommenen Informationszuspieler von außen, die doch im Grunde alle nur das eine wollen. Die Mittel jedoch, mit denen die Öffentlichkeitsarbeiter ihre Interessen auf der anderen Seite des Schreibtisches durchzusetzen versuchen, sind keinesfalls mehr gerechtfertigt. Erst recht nicht, wenn es sich um dröge Durchschnittsware bis hin zum Ramsch handelt.

Beiße nie die Hand, die dich füttert. Wie man elegant zurückschnappt, hat Lars-Olav Beier vorgemacht. Vor dem traurigen Hintergrund jener Binsenweisheit, dass selbst die negativste Promotion immer noch Promotion ist - da macht der "Fall Christina Stürmer" leider keine Ausnahme - ginge es allerdings sogar noch eine Spur stilvoller: Und zwar mit der nicht erst seit Sven Regeners Kultroman bewährten "Herr Lehmann"-Methode. Schließlich ist (bislang noch) keiner zum Berichten gezwungen. Also, mit Verlaub: Scheiß der Hund drauf!

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (0)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.
ka-news-logo

Es gibt neue Nachrichten auf ka-news.de

Abbrechen