Karlsruhe Pride Pictures-Vorsitzende Heike Hollborn stellt fest: "Wir sind immer noch weit entfernt von Normalität!"

Ein Filmfestival, das über das traditionelle Bild des menschlichen Miteinanders hinausgeht - das sind die Pride Pictures, die von Dienstag, 15., bis Sonntag, 20. Oktober, in der Karlsruher Kinemathek stattfinden. ka-news.de-Kulturredakteur Toby Frei hat sich mit der Vereinsvorsitzenden Heike Hollborn (auch) über das kommende Filmfest unterhalten. Bevor wir grundsätzlicher einsteigen, folgender Eindruck: Die Macher der Pride Pictures sind voller Energie und brennen geradezu für ihr queeres Festival und ihren Verein, das spürt man.

Frau Hollborn, wie wichtig sind die Pride Pictures (PP) für Karlsruhe? Was bedeutet das Festival für euch persönlich?

Pride Pictures sind wichtig für die Stadt und all die queeren Menschen in und um Karlsruhe. Wir sind  ein kultureller Bestandteil der Stadt, mit Strahlkraft weit über Karlsruhe hinaus. Wir stehen für Vielfalt und Toleranz und sind ein Gegenpol zu all den radikalen, politischen Strömungen, die Ängste und Gewalt gegenüber queeren Menschen propagieren und in den letzten Jahren leider einen Aufschwung erleben.

Es ist wichtig Sichtbarkeit zu zeigen, Mut zu machen, aufzustehen. Es wurde einiges erreicht, was unsere Rechte angeht, wenn man sich beispielsweise die Entwicklung der letzten 50 Jahre seit den Stonewall-Aufständen vor Augen führt. Dennoch sind wir noch weit entfernt von Normalität. Wenn ich beispielsweise von meiner Frau erzähle, werde ich immer noch sehr häufig überrascht angeschaut, weil in vielen Köpfen das traditionelle Männlein-Weiblein-Konzept fest verankert ist und bis sich das wandelt, das braucht seine Zeit.

Wir wollen mit Pride Pictures einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich die öffentliche Wahrnehmung positiv verändert, auch mithilfe von Formaten wie dem Pride Podium oder unseren Schulvorstellungen.

Heike Hollborn, Vorsitzende des Pride Pictures e. V.
Heike Hollborn, Vorsitzende des Pride Pictures e. V. | Bild: Hanna Green

Auch rechtlich gibt es trotz einiger Erfolge in den letzten Jahren (Stichwort Ehe für alle oder Dritte Option) nach wir vor viele Hindernisse und Hürden für Menschen aus der queeren Community. Ich habe es hautnah miterlebt, welche Steine Transgender in Deutschland in den Weg gelegt werden. Das sind so viele überflüssige Hindernisse für Menschen auf einem ohnehin oft mühseligen Weg, auf dem Unterstützung angebracht wäre.

Für mich persönlich ist Pride Pictures eine tolle Möglichkeit, meine Leidenschaft für gute Filme damit zu verbinden, etwas für die Community zu tun, anderen Mut zu machen und queere Normalität vorzuleben.

Wie bunt/aktiv ist die Karlsruher Queer-Szene, seit wann gibt es diese? Und was bedeutet "queer" eigentlich genau?

Am buntesten nimmt man Karlsruhe Queer-Szene vielleicht beim jährlichen CSD war. Es gibt so viele Gruppierungen,  sei es die Gruppen an der Uni, die Chöre, Queeramnesty, Transtalk, der Radiosender rosa Rauschen, Queer-KA, der Bi-Treff, die queeren  Parties, die queeren Sportvereine, das queere Jugendzentrum LaVie - wie sie alle heißen.

Und die Tatsache, dass sich immer wieder neue Gruppen und Vereine bilden und gründen, zeigt ja, wie wichtig es für viele Menschen ist, sich mit ähnlich  tickenden Menschen zu treffen und zu vernetzen. Meines Wissens gehört Pride Pictures zu den ältesten dieser queeren Gruppen in Karlsruhe - wir gehen in diesem Jahr ins 26. Festival.

"Queer" steht dabei für alle Menschen der LSBTTIQ*-Community. Der Abkürzungssalat (in den Anfängen hieß es noch LSBT) wird für Außenstehende immer unübersichtlicher und irgendwie schafft man es trotz Sternchen nicht immer, dass sich alle Menschen der Community angesprochen fühlen. Deshalb mögen wir das Wort "queer", denn es steht für alle Menschen, die sich nicht oder nur zu Teilen in der heteronormativen/binären-Gesellschaft wiederfinden.

Wohin wollt ihr mit den PP,  was sind die nächsten Ziele?

Wir werden immer wieder gefragt, ob es denn ein queeres Filmfestival in der heutigen Zeit in Deutschland überhaupt noch geben muss. Ja, muss es! Tatsächlich träumen wir davon, dass es uns irgendwann nur noch der schönen Filme wegen geben wird.

Doch die Realität ist eine andere, nach wie vor gibt es homophobe Übergriffe in Deutschland, generell auf Menschen aus der queeren Community, in anderen Ländern sieht es noch viel schlimmer aus, wieder andere sind Deutschland weit voraus in Sachen queer-friendly.

Wir zeigen in jedem Jahr Filme aus Ländern, in denen Menschenrechte gegenüber queeren Menschen nach wie vor mit Füßen getreten werden, das "Anderssein" als die traditionelle Rollenverteilung der jeweiligen Länder nach wie vor unter Strafe steht oder Frauenrechte noch in der Steinzeit festsitzen.

Letztes Jahr hatten wir beispielsweise "Rafiki" im Programm, dessen Ausstrahlung in seiner kenianischen Heimat für ein Zeitfenster von wenigen Tagen erklagt werden musste. In diesem Jahr zeigen wir die Dokumentation "Oufaiyed Elkzortoum", die den Kampf sudanesischer Frauen für das Recht Fußball zu spielen zeigt - in einem Land, in dem Frauenrechte sehr kleingeschrieben werden, Frauen nicht einmal ins Stadion dürfen, um Fußballspiele zu sehen.

Wir werden also auch in Zukunft für mehr Offenheit, Vielfalt und Toleranz in der Gesellschaft werben und auch in den nächsten Jahren die Karlsruhe Kinolandschaft bereichern und unsere Bekanntheit weiter steigern.

Passen die PP zur Fächerstadt?  Und wenn ja, warum?

Wir haben durch QueerScope - dem Verband der unabhängigen queeren Filmfestivals in Deutschland - den Vergleich mit anderen Städten und daher kann ich definitiv sagen, in jeder Stadt sehen die Festivals ein klein wenig anders aus, denn jede Stadt, mit den dort lebenden Menschen, tickt ein wenig anders.

Deshalb ist es uns wichtig, auf das Feedback und die Anregungen unseres Publikums einzugehen, genau wie wir uns manchmal Filme zu bestimmten Themen für Karlsruhe wünschen. Die in den letzten Jahren kontinuierlich steigenden Zuschauer-Zahlen sprechen für sich, dass unser PP-Festival großartig in die Fächerstadt passt.

Termin: 15. bis 20. Oktober, Kinemathek (Kaiserpassage 6), Karlsruhe

ka-news.de-Hintergrund
Queer ist ein Fremdwort aus der englischen Sprache und bezeichnet als Adjektiv jene Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. Ursprünglich drückte es meist eine negative Einstellung zu der Abweichung oder dem Abweichler aus.
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